Nika Prevc weinte, sie ließ sich von ihrem Trainer trösten, von ihren Eltern, von ihren Brüdern, aber was sollte das helfen in diesem Moment? Es hätte ihr Moment sein sollen, der Start einer Flugshow dieser Skisprung-Familie aus Slowenien, die am Montag bei den Männern mit Domen Prevc weitergehen könnte. Doch seine Schwester landete am Samstagabend von der Normalschanze nur auf 98 und 99,5 Metern, zu wenig, um die neue Olympiasiegerin Anna Odine Stroem aus Norwegen hinter sich zu lassen. Stroem sprang 100 und 101 Meter weit, sie war die beste Athletin an diesem Abend in Predazzo. Die Japanerin Nozomi Maruyama wurde Dritte, beste Deutsche war Selina Freitag, die sich mehr erhofft hatte, als Siebte.
Für das deutsche Team endete eine beeindruckende Serie: Bei der vierten Olympia-Entscheidung der Geschichte im Frauen-Skispringen stand erstmals keine DSV-Athletin auf dem Podest. Carina Vogt hatte bei der Premiere 2014 Gold gewonnen, danach holte Schmid 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking jeweils Silber.

:Die Schanze, die den Springern Angst macht
Nach dem millionenschweren Neubau der Skisprungschanzen von Predazzo stehen sie im Mittelpunkt der Kritik. Was läuft da falsch? Eine Annäherung in 3D.
Aber die 20-jährige Prevc war zugleich wohl eine der traurigsten Silber-Gewinnerinnen dieser Olympischen Spiele, auch wenn diese gerade erst begonnen haben. Oder war einfach nur eine übergroße Last von ihr abgefallen? Als sie zehn Minuten verspätet zur Pressekonferenz im ersten Stock des neuen Skisprungzentrums erschien, da sagte sie jedenfalls: „Ich brauche noch ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken, was gerade passiert ist.“ Sie nestelte dabei nervös am Maskottchen Tina herum, das sie gerade in Plüschtiergröße bei der Siegerehrung geschenkt bekommen hatte. Dann sagte sie zwei Sätze, die so gar nicht zu ihrem nachdenklichen Gesichtsausdruck passten: „Ich bin sehr glücklich mit meiner ersten Olympiamedaille. Mein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen.“
Ein paar Minuten später gab Prevc auf Nachfrage entwaffnend ehrlich zu: „Der Druck ist heute zu groß gewesen, ich bin nicht mit ihm fertig geworden. Jetzt bin ich froh, dass mein erster Wettkampf beendet ist und ich Olympia nun genießen kann.“ Wer Brüder hat, die wie Peter und Domen Prevc fast alles im Skispringen gewinnen konnten, der macht sich diesen Druck schon selbst. Der Druck der Familie kommt hinzu, und auch die Erwartungen von außen.
Olympiasiegerin Stroem war an Silvester selbst wegen einer nicht erlaubten zusätzlichen Sohle im Schuh in den Fokus geraten
Anna Odine Stroem saß daneben, sie nickte sehr verständnisvoll. Alle haben gespürt, dass die Augen auf Prevc gerichtet sind, dass eigentlich nur sie, die in dieser Saison alles dominiert hatte, Gold gewinnen kann. 1,1 Punkte lag sie dann hinter Stroem, die mit einer Erkältung und ohne großen Druck angereist war. „Das ist ein schöner Sieg für den norwegischen Skisport und für die Skisprung-Nationalmannschaft“, sagte Sportdirektor Jan-Erik Aalbu: „Wir sind ja nicht zwei Nationalmannschaften, wir sind eine Nationalmannschaft, die zusammenarbeitet.“
Aalbus Sätze bezogen sich auch auf das düstere Ende der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Trondheim, als durch ein anonymes Video herauskam, wie für Norwegens Männer steife Stoffbänder in die Anzüge eingenäht wurden – was Materialdoping gleichkommt. Aalbu selbst musste diesen Skandal am Ende der WM auf einer denkwürdigen Pressekonferenz erklären. Involvierte Trainer wie Chefcoach Magnus Brevig wurden suspendiert, die Springer Marius Lindvik und Johann André Forfang für drei Monate gesperrt und zu Geldstrafen verurteilt. Der Skandal hatte auch weitreichende Änderungen vor allem bei den Anzugkontrollen zur Folge.

Stroem sagte zu diesem Thema nach ihrem Goldsprung: „Wir haben viele Fragen zu dieser Thematik bekommen und sie nun hinter uns gelassen. Es betraf auch nicht unser Frauenteam. Aber wir haben seither viel mehr am Teamgedanken gearbeitet. Ich hoffe, dass meine Leistung heute auch unsere Jungs am Montag inspiriert.“
Stroem war allerdings bei der Two-Nights-Tour an Silvester selbst in den Fokus geraten. Wegen einer nicht erlaubten zusätzlichen Sohle im Schuh, die in ihrer Socke steckte, war die 27-Jährige in Garmisch-Partenkirchen disqualifiziert worden. Norwegens Cheftrainer Christian Mayer hatte damals dem TV-Sender „NRK“ gesagt, Stroem leide seit einer Knieverletzung aus dem Dezember 2023 unter einer Hüftfehlstellung. Das sei der Grund, weswegen sie am rechten Bein durch eine Sohle einen Höhenunterschied von einem Zentimeter ausgleiche. Allerdings fehlte das erforderliche Attest in Garmisch, es wurde nachgereicht, doch da war es zu spät.
All diese Dinge wollen die Norweger hinter sich lassen, und Stroem nutzte bei ihrem so überraschenden Sieg die größtmögliche Bühne. „Ich habe heute versucht, den Mädchen zu sagen, Mädchen, das hier ist ein ganz normaler Sprung. Nur dass ein paar Ringe um uns herum sind“, sagte Aalbu noch.
Nur ein paar Ringe. Sie können aber unendlich schwer werden, wie nicht nur Frodo Beutlin, der Protagonist der Herr-der-Ringe-Saga weiß, sondern auch Nika Prevc. Sie wurde von der Last fast erdrückt.
