
Bei der Vierschanzentournee glänzten wieder mal die Skispringer anderer Nationen. Über sich hinaus wuchs keiner der Deutschen. Sven Hannawald findet deshalb deutliche Worte. Insgesamt ist die Situation schwierig, mit Blick auf Olympia aber nicht hoffnungslos.
Und wieder einmal jubelten am Ende die anderen. Was bei der Vierschanzentournee seit nunmehr 24 Jahren aus deutscher Sicht bittere Realität ist, findet kein Ende. Bundestrainer Stefan Horngacher sagt zwar: „Wir waren ja keine Favoriten. Mit der Stabilität, die Philipp und Felix gezeigt haben, bin ich sehr zufrieden. Sie haben keine großen Fehler gemacht.“ Sven Hannawald sieht das insgesamt etwas anders.
Der 51-Jährige, der 2001/02 für den bisher letzten deutschen Tournee-Sieg gesorgt hatte, fordert mehr. „Mir ist wieder aufgefallen, dass uns Deutschen dieses ‚noch mal mehr Gas geben‘ nicht möglich war“, sagte er im Gespräch mit RTL/ntv. Zudem sprach er von „einer gewissen Gemütlichkeit oder Zufriedenheit“, die junge Springer in Deutschland ausbremse.
Die Ausgangslage vor der Tournee war wie folgt: Raimund als Vierter des Gesamtweltcups und Hoffmann, der beim letzten Wochenende vor Weihnachten zweimal aufs Podest gesprungen war, galten als Hoffnungsträger. Für Podestplatzierungen bei den Einzelspringen und dafür, in der Tournee-Wertung vorn mitzumischen. Paschke flog im Mittelfeld, und bei Geiger und Wellinger war klar, dass es ein harter Kampf wird.
Immerhin jubelten Hoffmann und Raimund nach einzelnen Sprüngen und sorgte Hoffmann in Oberstdorf für einen Podestplatz – im vergangenen Jahr gab es keinen einzigen –, aber an der Spitze flogen andere, allen voran Domen Prevc. Und: Während in den vergangenen elf Jahren siebenmal ein Deutscher in der Tournee-Wertung in den Top drei war, gelang dies wie 2025 erneut nicht.
Hoffmann und Raimund zeigten sehr stabile Leistungen, für einen Angriff reichte es aber nicht. Hoffmann wurde am Ende Sechster, Raimund Achter der Gesamtwertung. Dahinter klafft eine gewaltige Lücke – einerseits zu Pius Paschke (23.) und von ihm noch einmal zu Wellinger und Geiger, die es bei keinem der Tournee-Springen in den zweiten Durchgang schafften. Alarmierend: Ein Blick auf den deutschen Skisprung-Nachwuchs hinter dem mit 25 Jahren aktuell jüngsten des Weltcup-Teams – Raimund – macht nicht gerade Hoffnung.
„Das ist ein bisschen der Unterschied zu Österreich“
Was Hannawald stört: „Ich sehe wenige Springer, die mal sauer sind oder einfach mal Luft rauslassen, weil es einfach nervt, dass sie es irgendwie nicht hinbekommen. Ich habe nicht das Gefühl, dass da irgendwo einer brennt, vorwärtszukommen. Und das ist, glaube ich, so ein bisschen der Unterschied zu Österreich.“
Raimund wollte er damit ausdrücklich nicht meinen. „Der ist da voll Attacke, dem merkst du den Ehrgeiz an“, sagte er. Zudem war der 25-Jährige zum Tournee-Ende krank und geschwächt.
Bei Hoffmann sieht es Hannawald anders. „Auch wenn mal ein Sprung nicht so gut war, stellt er das immer so ein bisschen positiv dar und strahlt Zufriedenheit aus“, sagte der 51-Jährige.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Bei Hoffmann, der mit 28 Jahren zwar den besten Winter seiner Karriere springt, aber längst kein Jungspund mehr ist, schmerzt seit Innsbruck das Knie. Eine MRT-Untersuchung soll nun Klarheit bringen. Und mit dem Podestplatz sowie dem sechsten Gesamtrang hat er genau das widergespiegelt, was er vor der Tournee geleistet hatte – nur eben nicht besser. Über sich hinausgewachsen ist bei der Traditionsveranstaltung keiner der Deutschen. Nicht in dieser Saison, nicht in den vergangenen. Das schafften in den vergangene zwei Jahrzehnten allerdings Athleten anderer Nationen.
Und Wellinger? Der Tournee-Zweite von 2024 hatte auf kleine Schritte in die richtige Richtung gehofft – dies aber nur in einzelnen Sprüngen geschafft. Insgesamt bleibt es zäh für ihn, ein echter Aufwärtstrend ist kaum zu erkennen. Während der Tournee fand er zwar nicht wirklich drastische Worte für sich selbst, doch genau das hatte er schon vorher getan.
„Ich hänge über dem Eck wie ein abgestochener Vogel. Es ist keine Leichtigkeit. Skispringen verzeiht momentan keine Fehler, davon mache ich zu viele“, hatte er gesagt. Und: „Es ist für den Arsch, was ich fabriziere.“
Was heißt das für WM und Olympia?
Nun hat sich Wellinger schon einmal aus einer sehr tiefen Krise gekämpft, es dauerte allerdings lange. Die Frage ist, wie schnell es dem Olympiasieger von 2018 dieses Mal gelingen kann. Und ob auch Karl Geiger zumindest noch annähernd zu alter Stärke findet. Wahrscheinlicher dürfte das sein, dass Hoffmann und Raimund als Hoffnungsträger in die Skiflug-WM in zweieinhalb Wochen, vor allem aber in die Olympischen Spiele in Italien ab dem 6. Februar gehen.
Dass Deutschland bei der Tournee nicht zu den Besten zählt, bei der WM im Anschluss aber Medaillen gewinnt, war zuletzt keine Seltenheit. Hoffmann und Raimund könnten dazu in der Lage sein. Es scheint angesichts der aktuellen Situation der Mannschaft zudem ein Glücksfall, dass der Teamwettbewerb aus dem olympischen Programm gestrichen wurde und durch das eher unbeliebte Super-Team aus nur zwei Springern ersetzt wurde.
Aktuell ist zudem die Frage: Wer ist überhaupt im deutschen Team? Horngacher darf vier Springer mitnehmen. Raimund und Hoffmann dürften gesetzt sein, und Paschke springt deutlich besser als Wellinger und Geiger – einen der beiden früheren Erfolgsspringer wird es vermutlich treffen.
mel
