Skibergsteigen: „Angst­atmosphäre, Unwahrheiten“ – Streit um deutsche Athleten eskaliert

Nach den von drei Sportlern erhobenen schweren Vorwürfen im deutschen Skibergsteigen schlägt nun der Verband zurück. Die Athleten werden suspendiert. Ihre Anwesenheit habe fatale Auswirkungen auf das ganze Team.

Wegen des Zoffs im deutschen Skibergsteigen dürfen drei Athleten, die Vorwürfe gegen Coaches und Betreuer erhoben hatten, vorläufig nicht mehr an Wettkämpfen und Trainings teilnehmen. „Hintergrund der Entscheidung ist die in den vergangenen Wochen deutlich angespannte Situation innerhalb des Skimo-Teams“, teilte der Deutsche Alpenverein (DAV) mit. Mehrere andere Sportlerinnen und Sportler hätten angegeben, in dem aktuellen Klima nicht mehr adäquat trainieren und Rennen bestreiten zu können.

„Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen“, sagte DAV-Präsident Roland Stierle. „Aber wir tragen Verantwortung für das gesamte Team. Leistungssport braucht ein Umfeld, in dem Vertrauen und Zusammenarbeit möglich sind.“ Eine Anwaltskanzlei habe Hinweise geprüft und von „Verunsicherung“ und teils gar einer „Angstatmosphäre“ berichtet.

Felix Gramelsberger, einer der drei betroffenen Athleten, sagte der Deutschen Presse-Agentur in einer ersten Reaktion: „Das Statement des DAV enthält aus unserer Sicht mehrere nachweisliche Unwahrheiten und wir werden mit rechtlichen Schritten dagegen vorgehen.“

Hintergrund der Causa sind Anschuldigungen und eine Strafanzeige der drei Athleten gegen den Ex-Bundestrainer Maximilian Wittwer sowie den Sportlichen Leiter im DAV, Hermann Gruber. Die Staatsanwaltschaft Traunstein ermittelt unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung und Nötigung. Der Coach hatte die DAV-Skibergsteiger schon davor verlassen, der Sportchef wurde jüngst dann freigestellt. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.

Vorwürfe wurden während Olympia öffentlich

In einem Bericht der ARD-„Sportschau“ hatten Gramelsberger und Sophia Weßling während Olympia ihre Anzeigen öffentlich gemacht. Im April 2024 soll es bei Leistungstests zu medizinischen Missständen gekommen sein; unter anderem sei Sportlern in Ruhpolding bis zu 60 Mal innerhalb weniger Stunden Blut abgenommen worden. Von ungeschultem Personal und nicht gewechselten Handschuhen war die Rede. Gramelsberger sprach von einer „wahnsinnigen Blutpanscherei“.

Im WELT-Interview präzisierte Weßling zuletzt ihre Anschuldigungen. „Es wurden Wundkrusten abgekratzt, es wurde nicht desinfiziert, es wurden keine Pflaster verwendet“, sagte sie unter anderem. Damals sagte sie, dass sie an einem kritischen Punkt in ihrer Karriere stehe: „Wenn die Psyche nicht passt und man unter Dauermobbing leidet, hinterlässt das auch körperlich irgendwann Spuren. Aber ich habe kürzlich wieder angefangen, muss ich gestehen. Es ist ein Schwebezustand, in dem ich selbst nicht weiß, ob mich das noch glücklich macht.“

Der DAV gibt an, dass die Anwesenheit der Sportler nach deren Vorwürfen große, negative Auswirkungen auf das restliche Team gehabt habe. Weßling und Gramelsberger wurden zwar aus dem Perspektivkader gestrichen, durften aber über den sogenannten DAV-Kader dennoch eigenfinanziert an Wettkämpfen teilnehmen.

Ihnen sei von Athleten vorgeworfen worden, Stimmung zu machen gegen einzelne Trainer und Betreuer. Auch habe man Angst, dass Gespräche oder Chatnachrichten an Medien weitergegeben werden. Die Anwälte gaben an, dass selbst als mental „resilient“ eingeschätzte Athleten „auf psychischer Ebene sichtbar angeschlagen“ seien.

Der Alpenverein betonte, dass die Maßnahme keine Reaktion auf die ursprünglichen Hinweise der drei Sportler sei. „Die Entscheidung gilt vorläufig bis zum Abschluss des laufenden Klärungsprozesses. Auf dieser Grundlage wird über die weitere sportliche Zusammenarbeit entschieden“, hieß es.

luwi mit dpa