In der Pfingstwoche des Jahres 2020 kam es auf einem norwegischen Gletscher zur Begegnung zweier Männer, die sich bis dato wenig zu sagen hatten. Der Skipapa Andreas Aicher stellte sich dem Skitrainer Andreas Ertl vor, wobei er genau genommen seine Tochter vorstellte. Ertl möge einen prüfenden Blick auf die Skikünste seiner Emma werfen, die bei diesem internationalen Trainingscamp über die norwegischen Gletscherhänge kurvte. Die Nachwuchsrennläuferin Emma Aicher war damals 16 Jahre alt, lebte in Sundsvall und startete für Schweden. Ehe sich an diesem Pfingsttag in Norwegen so vieles änderte.
Knapp sechs Jahre nach dieser folgenreichen Begegnung kehrte Emma Aicher dieser Tage unweit der Gletscherregionen zurück auf Norwegens Skihänge. In Diensten des Deutschen Skiverbands zeigte sich die inzwischen 22-Jährige am Mittwoch hauptzuständig für eines der packendsten Finals in der Historie des Gesamtweltcups der alpinen Skirennläuferinnen. Die Ausgangslage war eindeutig: Sollte die Gesamtzweite Aicher den letzten Riesenslalom dieser Saison gewinnen, müsste die Führende Mikaela Shiffrin aus den USA mindestens Platz 15 belegen. Und dann machte Emma Aicher wieder Emma-Aicher-Dinge, raste durch die Tore und kam in Durchgang eins mit nur gut zwei Zehntelsekunden Rückstand auf Rang eins als Dritte ins Ziel. Und Shiffrin? Lag abgeschlagen auf dem 17. Platz.

:Shiffrin gewinnt den Gesamtweltcup vor Emma Aicher
Die US-Amerikanerin holt sich im letzten Rennen der Saison die notwendigen Punkte, um vor Emma Aicher die große Kristallkugel zu gewinnen.
Es kam nun auf die allerletzte Fahrt dieses Winters an, ein letztes Mikroduell musste nach fast sechs Monaten Skirennen über den Zweikampf um die große Kristallkugel entscheiden. Und nun machte Mikaela Shiffrin mal wieder Mikaela-Shiffrin-Dinge: Im seifigen Frühlingsschnee von Hafjell fand die 31-Jährige zurück in eine flotte Linie, kaum mehr Rutschphasen, fast so, wie man diese Frau aus dem Slalom kennt, wo sie am Vortag mit ihrem neunten Sieg im zehnten Auftritt das Feld bereitet hatte für den größtmöglichen Ertrag. An dieser Zeit scheiterte alsbald die nächste Läuferin, ehe die US-Amerikanerin A. J. Hurt im Ziel abschwang – und ebenfalls hinter ihrer Teamkollegen gelistet wurde.
In diesem Moment war entschieden, dass Aicher nicht mehr vorbeiziehen konnte. Die Deutsch-Schwedin nahm das oben stoisch zur Kenntnis. Unten im Ziel war jetzt klar, dass Shiffrin zum sechsten Mal die große Kugel gesichert und in dieser Statistik mit Rekordhalterin Annemarie Moser-Pröll aus Österreich gleichgezogen hatte. Bei Shiffrin flossen Tränen der Erleichterung.
„Der Fehler war dumm, aber ich bin stolz und zufrieden mit der ganzen Saison“, sagt Emma Aicher
Der letzte Tag dieses alpinen Rennwinters endete mit einem finalen Schnitzer Aichers, sie rutschte beinahe aus dem Kurs und im Tagesklassement noch hinter Shiffrin auf Platz zwölf. „Mein Skifahren ist richtig gut gewesen im Vergleich zum Anfang der Saison, es geht voran“, erklärte Aicher später. „Der Fehler war dumm, aber ich bin stolz und zufrieden mit der ganzen Saison.“ Shiffrin meldete sich am Nachmittag per Instagram zu Wort, wo sie ein gemeinsames Zielfoto mit Aicher samt einer Ode in die digitale Welt versandte: „Emma, es war mir eine RIESIGE Ehre, mit dir wettzukämpfen. Dein Skifahren, deine Energie und deine Persönlichkeit sind so inspirierend. Du hast eine glänzende Zukunft vor dir. Ich kann es kaum erwarten, dir zuzusehen (und weiterhin gegen dich anzutreten … zumindest noch ein bisschen länger).“
Haptisches Kristall blieb Aicher nach dieser postolympischen Aufholjagd verwehrt. Ihr spezieller Stil, wie sie mit auffälliger Unauffälligkeit über die Hänge gleitet, mit Skiern aller Längen durch die Vierfaltigkeit Slalom, Riesentorlauf, Super-G und Abfahrt, werden sie beim Deutschen Skiverband (DSV) dennoch außerordentlich zu schätzen wissen. Einer 22-Jährigen ist zu verdanken, dass der DSV in mehreren Listen ganz oben vertreten ist: Rang zwei im Gesamt- und Abfahrtsklassement (Kira Weidle wurde Vierte in der Abfahrtswertung), Platz drei im Super-G, Platz sechs im Slalom. In der Männerkonkurrenz wurde Linus Straßer beim finalen Slalom Neunter und wird im Abschlussranking als Elfter gelistet (ebenso wie sein DSV-Teamkollege Fabian Gratz im Riesentorlauf-Gesamtklassement). Anders gesagt: Der Schachzug vor sechs Jahren hat sich für alle Beteiligten gelohnt – außer vielleicht für Team Schweden.

Den Anfang nahm das alles einst am Gletscher. Ob die Möglichkeit bestünde, dass Emma für den DSV starte, hatte sich Vater Aicher also bei Trainer Ertl erkundigt, der seinerzeit die internationalen Nachwuchs-Trainingscamps leitete. Emma Aicher, schwedische Mutter, deutscher Vater, war schon damals mit beiden Staatsbürgerschaften ausgestattet. Und Vater Andreas hatte Hoffnung auf eine bessere Förderung, als es ihr in Schweden ermöglicht wurde, wie DSV-Sportvorstand Wolfgang Maier der SZ am Dienstagabend in einem Telefonat berichtet. Maier betätigte sich alsbald als vorderster Strippenzieher.
„Da ja aber niemand die Emma kannte, hatten wir vereinbart, dass wir sie zu einem Trainingscamp einladen“, erzählt Maier. Aicher konnte überzeugt werden, dieses Abenteuer auszuprobieren, machte sich im September 2020 von Sundsvall auf ins Gletschergebiet bei Sölden – und gab am Schneeferner ihre Künste zum Besten. „Sie hatte eine ganz eigene Art des Skifahrens, das hat man damals auch schon gesehen“, sagt Maier; dass sie „sehr über die Intuition lebt, sehr über das Gefühl des Skifahrens“. Zudem „hatten wir beim DSV alle eine unglaubliche Freude am Skifahren bei ihr festgestellt“, sagt Maier. „Das haben wir leider bei unseren Jugendlichen bei Weitem nicht in dem Ausmaß wie bei der Emma.“
Die Familie und der DSV stimmten in beidseitiger Absprache zu. Und so war das Bündnis be- und geschlossen. Aicher übersiedelte nach Berchtesgaden, wo sie in den kommenden Jahren an den Christophorusschulen das Skigymnasium durchlief. Trainerin Michaela Schmotz übernahm Aichers Fürsorge. „Es war uns wichtig, dass sie diese soziale Einbindung bekommt, da sie allein nach Deutschland gekommen war und weit weg von ihrem gewohnten Umfeld war“, sagt Maier. Im Februar 2021 gab Aicher bei der Ski-WM in Cortina d’Ampezzo ihr Debüt auf der größtmöglichen Bühne – und holte Bronze im Teamevent. Rückschläge und Ausfälle zerfransten ihren Weg, ehe sich bei der Ski-WM 2025 in Saalbach die Hinweise verdichteten, dass Maier vor vier Jahren recht behielt; als er erklärt hatte, dass diese Emma Aicher früher oder später um den Sieg im Gesamtweltcup fahren würde.
