Die erste dicke Schlagzeile der Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo gehört Lindsey Vonn. Am Dienstag um 16 Uhr Ortszeit berief die US-Olympiasiegerin, inzwischen 41 Jahre alt, in dem Dolomitenstädtchen eine Pressekonferenz ein, auf der sie Folgendes verkündete: Bei ihrem schweren Sturz am vergangenen Freitag in Crans Montana hat sie sich das vordere Kreuzband gerissen. Gleichwohl ist sie entschlossen, beim olympischen Abfahrtsrennen am Sonntag (11 Uhr) die Tofana hinunterzurasen. „So lange es möglich ist“, sagte sie, „werde ich es versuchen.“
Lindsey Vonn ist die Rekordsiegerin auf der berühmten Piste Tofana in Cortina. 14 Siege hat sie in ihrer Karriere auf der Rennstrecke verbuchen können, und hier will sie nun auch ihr zweites Olympiagold nach 2010 gewinnen. Der Unfall in Crans Montana hat an diesem Vorhaben nichts geändert. Sie habe keine Schmerzen, sagte Vonn. Und sie habe in ihrer Karriere genügend schwere Verletzungen erlitten, um zu wissen, wie eine solche Situation zu bewältigen sei: „Das Leben ist nicht perfekt. Ich wollte nicht in dieser Lage sein, aber ich weiß, wie ich damit umzugehen habe.“

:„Skifahren ist ein Kraftsport, entscheidend ist die Hüftmuskulatur“
Martin Hager war lange der Trainer von Lindsey Vonn. Er berät sie bis heute und erklärt, wie eine 40-Jährige mit Knieprothese auf die Piste zurückkehren kann.
Vergangene Woche war Vonn bei der Olympia-Generalprobe in der Schweiz nach einem Sprung in Rücklage geraten, hatte die Balance verloren und war ins Fangnetz gerutscht. Zwar konnte sie mit eigener Kraft den Hang hinuntergleiten, wurde dann aber mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen. Sie werde ihr Bestes geben, um rechtzeitig zu den Spielen fit zu sein, teilte sie danach mit. Die Diagnose, Kreuzbandriss und Prellung am linken Knie, gab sie erst am Dienstag vor der versammelten Weltpresse bekannt.
Auf die Ski hat sie sich trotzdem gestellt und ihren verletzten Bandapparat am Dienstag auf der Piste einem Belastungstest unterzogen: Das Knie sei „stabil, es ist nicht geschwollen“, lautete ihr Befund. Den verblüfften Zuhörern erzählte Vonn, dass sie sich „besser fühle als 2019 bei der WM, und da hatte ich keinen Kreuzbandriss“. Inwieweit das lädierte linke Knie die Belastung aushält, räumte sie ein, werde sich aber erst in den kommenden Tagen im offiziellen Training zeigen.
Der Norweger Aleksander Aamodt Kilde verzichtet dagegen auf Olympia
Erst im Dezember 2024 war Vonn zur Überraschung der Ski-Welt nach einer sechsjährigen Abstinenz in den Weltcup zurückgekehrt: im Alter von 40 Jahren und mit einer Teilprothese im rechten Knie. Dieses ist nun offenbar nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotz ihrer Verletzungsvorgeschichte ist die als „Speed-Queen“ gefeierte Vonn, zweimalige Weltmeisterin und viermalige Gesamtweltcup-Siegerin, auch in diesem Winter wieder die Schnellste auf der Piste. Sie hat sich den früheren norwegischen Weltmeister Aksel Lund Svindal als Trainer an die Seite geholt, und die Resultate sprechen für sich: Zwei Siege, fünfmal war sie Zweite oder Dritte, und sie führt den Abfahrtsweltcup an.
Anders als ihr Kollege, der Norweger Aleksander Aamodt Kilde, will sie es also versuchen. Kilde verzichtet dagegen auf Olympia, wie das norwegische Team mitteilte: Der 33-Jährige war Ende November nach einer schweren Verletzung und zwei Jahren Wettkampfpause in den Weltcup zurückgekehrt, sieht sich aber bisher nicht fit genug für die Strapazen.
Das Comeback von Lindsey Vonn war von Anfang an auf das Olympiarennen in Cortina ausgerichtet. „Ich hatte niemals gedacht, dass ich überhaupt noch einmal hier sein würde“, sagte sie. „Das ist fantastisch. Und ich will mir später nicht vorwerfen können, es nicht versucht zu haben.“ Dass die Chancen auf den Tofana-Triumph gesunken sind, hat die US-Amerikanerin allerdings einräumen müssen am Dienstag: „Meine Fitness liegt bei 100 Prozent, mein Körper nicht.“ Aber auch das wird sie nicht aufhalten können.
