Das sitzende Mainzer Fußballvolk erhob sich am Donnerstag nach gerade einmal 20 Minuten schon zum dritten Mal begeistert von seinen Plätzen. Die Ovationen in der ausverkauften Arena waren der gerechte Lohn für die Mannschaft von Mainz 05, die dank eines furiosen Starts und zwei sehenswerter Treffer gegen Racing Straßburg im Viertelfinale der Conference League in Führung lag.
Erst hatte Mittelfeldspieler Kaishu Sano ein Tor der Kategorie „Tor des Monats“ erzielt: Nach eigener Balleroberung im Mittelkreis spielte er einen Doppelpass mit Teamkollege Sota Kawasaki, dribbelte bis kurz vor den Strafraum – und schoss. Vom Innenpfosten sprang der Ball ins Tor. Den zweiten Treffer des Abends erzielte der völlig frei stehende Innenverteidiger Stefan Posch per Direktabnahme. Es war der technisch anspruchsvolle Abschluss einer offensichtlich im Training eingeübten Eckballvariante – und das Tor zum Endstand.

:Freiburg und Mainz in Europapokal-Laune
Die beiden deutschen Teams machen in ihren Heimspielen große Schritte in Richtung Halbfinals der Europa- und Conference League – inklusive sehenswerter Treffer.
Man konnte in diesem Jubel nach 20 Minuten aber auch noch etwas anderes erkennen, nämlich ein Sinnbild für die unwahrscheinliche Euphorie, die diese Mannschaft seit Jahresbeginn in Mainz entfacht hat. Unwahrscheinlich, weil die 05er noch vor weniger als einem halben Jahr mal wieder am sportlichen Abgrund standen. Sechs Punkte aus den ersten dreizehn Spielen und Tabellenplatz 18 in der Bundesliga lautete die Bilanz. Außerdem hatte man im Europapokal gerade mit 0:1 gegen einen rumänischen Verein namens Universitatea Craiova verloren.
Dass die Mainzer Fans inzwischen vom Finale der Conference League am 27. Mai in Leipzig träumen, statt sich auf Auswärtsreisen nach Bochum und Bielefeld einzustellen, verdanken sie einem Schweizer, der niemals auch nur auf die Idee käme, jetzt schon ans Finale zu denken: Urs Fischer, der einstige Erfolgstrainer von Union Berlin, hat die Mainzer im Dezember übernommen und mit der ihm eigenen stoischen Ruhe auf den neunten Tabellenplatz geführt.
Urs Fischer hat die Mainzer Mannschaft erwachsener gemacht
Kein Verein hat in der jüngeren Vergangenheit so eindrucksvoll wie Mainz 05 demonstriert, dass es den häufig negierten Positiveffekt eines Trainerwechsels scheinbar doch gibt. Seit 2021 sahen die Mainzer im Winter bereits dreimal wie ein sicherer Absteiger aus. Dreimal wechselten sie als Reaktion darauf den Trainer. Und zweimal haben sie sich anschließend gerettet. Beim dritten Versuch in dieser Spielzeit könnten sie zwar rechnerisch noch immer absteigen, das wäre aber eine große Überraschung: Mainz ist die viertbeste Mannschaft der Rückrunde, hat in der Liga zuletzt dreimal in Serie überzeugend gewonnen; der Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz beträgt inzwischen zwölf Punkte.
Fischers Vorgänger Bo Henriksen hatte in seinen letzten Mainzer Monaten gewirkt, als habe er das Maß verloren. Es schien, als wolle er den Hochgeschwindigkeitsfußball, mit dem er die Mannschaft in der vorigen Saison zum Europapokalteilnehmer gecoacht hatte, nach jeder Niederlage noch ein wenig mehr erzwingen. Letztlich ließ er seine Mannschaft somit nicht erst in seinem letzten Spiel, einem 0:4 in Freiburg, ins Verderben laufen.

Unter Fischer, der stets so souverän wirkt, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass er jemals nicht im Gleichgewicht ist, spielt Mainz erkennbar erwachsener. Am Sonntag treffen die 05er erneut auf Freiburg (19.30 Uhr, Dazn). Doch mit der verunsicherten Truppe aus der Hinrunde hat die Mannschaft aktuell kaum noch etwas gemein. Stand Fischer an der Seitenlinie, hat Mainz bislang ein einziges Mal mehr als zwei Gegentore kassiert.
Dass der dritte Retter in fünf Jahren nach dem Eigengewächs Bo Svensson (2021) und dem hochemotionalen Motivator Bo Henriksen (2024) diesmal der zutiefst pragmatische Schweizer Urs Fischer ist, kann man indes auf zwei Arten interpretieren: Die Mainzer Verantwortlichen machen regelmäßig alles richtig – oder die Mainzer Verantwortlichen wissen nicht so richtig, was sie eigentlich wollen. Vermutlich stimmt beides ein wenig.

:Mainz bricht mit der Binnenlogik
Anstatt wieder einen Jugendtrainer zu befördern, will Mainz mit dem zutiefst pragmatischen Urs Fischer den Abstieg verhindern. Der Schweizer und ehemalige Coach von Union Berlin dürfte einiges verändern.
Einerseits sind es nicht bloß die winterlichen Trainer-Verpflichtungen der vergangenen Jahre, die viele Krisenmanager und Headhunter neidvoll nach Mainz blicken lassen. Auch die Spieler, die man regelmäßig von scheinbar aussichtslosen Rettungsmissionen überzeugt, sind von bemerkenswerter Qualität. Vor fünf Jahren kamen Danny da Costa und Dominik Kohr; vor zwei Jahren kam Nadiem Amiri; diesmal kamen Phililip Tietz, Stefan Posch und Sheraldo Becker. Sie alle wurden zu Stammspielern ohne größere Startschwierigkeiten, die das Team umgehend besser gemacht haben.
Andererseits gibt es immer wieder Gründe für den dringenden Handlungsbedarf in den kalten Monaten. Von den Spielern, die Sportdirektor Niko Bungert vor dieser Saison für immerhin rund 14 Millionen Euro verpflichtet hat, überzeugte beispielsweise kein einziger. Weder Benedict Hollerbach, der Nationalstürmer Jonathan Burkardt ersetzen sollte, noch die Kreativen William Boving und Sota Kawasaki, die den zu Saisonbeginn formschwachen Paul Nebel entlasten sollten, erfüllen bislang die Erwartungen. Diese Unwucht im Kader, die erst nach der Trennung korrigiert wurde, gehört aus Henriksens Sicht zur unfairen Wahrheit der enttäuschenden Hinrunde unter ihm. Auch Bo Svensson war bereits im Sommer vor seiner Entlassung offenkundig unzufrieden mit der Qualität des eigenen Teams.
Auch wenn das Gesamtbild etwas diffiziler ist, als es auf den ersten Blick erscheint: Die Euphorie im Umfeld überwiegt
Hinzu kommt: Mainz 05 schickt in dieser Saison im Durchschnitt die älteste Startelf aller achtzehn Bundesligisten auf den Platz. Das passt kaum zum Anspruch, die hauseigenen Talente zu fördern. Besonders der deutsche Juniorennationalspieler Nelson Weiper, 21, im Verein seit seinem siebten Lebensjahr, gilt schon länger als frustriert und wechselwillig. Gegen Straßburg durfte er zwar mal wieder von Beginn an spielen, agierte aber insgesamt unglücklich. Ihm ist das fehlende (Selbst-)Vertrauen anzumerken.
Trotzdem überwiegt aktuell die Euphorie. Die Auftritte in der Conference League sind da das beste Beispiel: Mit mehr als 30 000 Zuschauern pro Heimspiel lassen sich so viele Fans wie bei keinem anderen Verein von diesem nur drittwichtigsten Europapokal begeistern. Für das Rückspiel in Straßburg, rund zwei Autostunden von Mainz entfernt, war der Gästeblock innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Man durfte das also im Wortsinne verstehen, als die Mainzer Fans den Straßburger Spielern nach dem Schlusspfiff ein freudiges „Auf Wiedersehen!“ hinterherriefen.
