Gelegenheiten zum Sex scheinen heutzutage an jeder Ecke zu warten. Wen die Lust packt, der holt sein Smartphone aus der Tasche, öffnet eine Dating-App, wischt ein wenig nach links oder rechts und verabredet sich. Wenn die Chemie dann auch in der analogen Welt stimmt, zack, ab in die Kiste. Ein Eindruck wie dieser drängt sich in der übersexualisierten Gegenwart rasch auf: Ständig wird über Sex gesprochen, über Sex geschrieben und polyamor in offenen Beziehungen gelebt.
Und in den sozialen Medien behaupten Menschen, sich von der Last gesellschaftlicher Erwartungen befreien zu wollen – und entledigen sich auf Onlyfans dann doch oft nur gegen Bezahlung ihrer Kleider. Im Netz, in den Medien, in der Fantasie: Sex, überall Sex.
Und im echten Leben? Da scheint eher das Gegenteil zuzutreffen. Gerade junge Menschen haben laut Studien heute weniger und später Sex als ihre Vorgängergenerationen im gleichen Alter. Dazu passend hat das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) die Ergebnisse einer Befragung publiziert, die diesen Trend ebenfalls abbilden.
Sich einen Partner zu suchen, beinhaltet stets das Risiko, zurückgewiesen zu werden
Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren werden in Deutschland demnach immer später sexuell aktiv. Im Durchschnitt erleben sie aktuell ihr erstes Mal mit etwa 19 Jahren. 2019 lag das Alter im Mittel noch bei 17 Jahren. Auch ihren ersten Kuss erleben Jugendliche heute später: 2019 hatten noch 53 Prozent der befragten 14-Jährigen schon einmal geknutscht, 2025 war dieser Anteil auf 33 Prozent gesunken.
„Junge Menschen lassen sich heute generell mehr Zeit und treffen bewusste Entscheidungen, wenn es um Sexualität geht“, sagt Mechthild Paul, stellvertretende Leiterin des BIÖG, laut einer Pressemitteilung. Ihren ersten Sex erlebt die Mehrheit der mehr als 5800 befragten Jugendlichen in einer festen Beziehung (65 Prozent der Mädchen, 53 Prozent der Jungen) oder mit einem ihnen gut bekannten Partner (25 beziehungsweise 31 Prozent). Dabei verhütet die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen, und zwar mit Kondomen. Mit anderen Worten: Die Mehrzahl junger Menschen verhält sich dabei sehr vernünftig.
Warum sich die ersten sexuellen Erfahrungen im Vergleich zu früher verzögern, ist nicht abschließend geklärt. Die für die aktuelle Studie befragten Jugendlichen gaben an, dass ihnen der richtige Partner fehle (51 Prozent) oder sie zu schüchtern seien (37 Prozent). Zu letzterem Umstand passen die Ergebnisse anderer Studien. Diese legen nahe, dass sich Jugendliche im Vergleich zu früher eher vor Risiken scheuen. Und einen Partner zu suchen, beinhaltet stets das Risiko, zurückgewiesen zu werden oder sich zu blamieren.
Weiterhin wimmelt es auch in der Fachliteratur nur so vor Spekulationen, weshalb junge Menschen heute später und insgesamt weniger Sex haben. Zu den Verdächtigen zählen unter anderem die leichte Verfügbarkeit von Pornografie, der Umstand, dass gerade Jugendliche weniger Alkohol trinken, oder dass das Internet Dating radikal verändert hat. Wie immer gilt beim Sex: Wunsch und Wirklichkeit klaffen oftmals weit auseinander.
