Serie „Banksters“ bei HBO Max

Ist die ewige Angst, dass die Zuschauer bei einem ruhigen Einstieg abspringen, wirklich begründet? Auch die erste deutsche Eigenproduktion von HBO Max, „Banksters“, wird von ihr geprägt. Sie setzt auf hyperaktive Kameraführung, schnelle Schnitte und urbane Musik und baut Bilder wie bei einem Trailer XL.

Zwei Brüder, der eine um die 20 und sportlich, der andere viel jünger und in Süßigkeiten vernarrt, suchen in der elterlichen Wohnung hektisch Geldbündel zusammen. Das Geld stammt wohl von Banküberfällen, die ganz Berlin in Aufregung versetzen. Schließlich rennt der ältere Bruder Yusuf Arslan (Eren M. Güvercin) im Dunkel eines Abends als Kicker über einen mythisch dampfenden Bolzplatz. Er trotzt dem heftigen Regen und zielt aufs Tor, trotzt auch dem Blaulicht am Rand – und wird im Jubel über das Traumtor von einem schnauzbärtigen, väterlich schmunzelnd auftretenden Polizisten (David Ruland) verhaftet.

Das Erzählgerüst ist sattsam bekannt: „Banksters“ gehört zu den vielen Geschichten, die mit einem adrenalinhaltigen Höhepunkt starten und die Vorgeschichte scheibchenweise nachreichen. Das Marketing liebt eine solche „High-Concept-Struktur“ mit „Hook“ zu Beginn. Sie geht aber häufig auf Kosten der Figurenentwicklung, und so ist es auch hier. Style, Tempo und Aha-Effekte zählen für die Macher von „Banksters“ mehr als die Charaktere oder die Erkundung der von ihnen geschaffenen, einer „wahren Geschichte“ abgeleiteten Welt.

„Banksters“ gibt sich mit dem Nötigsten zufrieden

Eigentlich hätte die Story des Drehbuchautors Bernd Lange (Idee Kida Khodr Ramadan) alles, um emotionale Tiefe zu finden. Der kluge Yusuf stellt in der Euphorie seiner Abizeit fest, dass der Lebensstandard, dem ihm sein Vater Mohamed ermöglicht hat, eine Kindheit mit schicker Wohnung, gutem Essen und erstklassiger Bildung, auf einem Schuldenberg fußt. Mohamed (Numan Acar) ist ein fleißiger Mann. Er will, dass es seine Söhne und seine Tochter (Anna Bardavelidze) eines Tages leichter haben als er, und rechnet dem kleinen Sohn (Momo Ramadan) an den Fingern seiner Hand vor, wie gut sie es haben.

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Yusuf hat eine Idee: Er wird Azubi bei derselben Bank, die den Vater durch ein Geflecht aus Krediten erdrückt, und will dort einen weniger belastenden Tilgungsplan für ihn erwirken. Stattdessen entdeckt er ein perfides System: Der selbstgefällige Filialleiter der „Berliner Kreditunion“ (Bernd Hölscher), ein schon beim Bewerbungsgespräch latent rassistischer Laden, braucht Yusuf nur, um Migranten wie Mohamed in Schuldenfallen zu locken.

Zum „Bankster“ wird Yusuf durch die Begegnung mit anderen Azubis: dem spleenigen Außenseiter Steven (Michelangelo Fortuzzi), dem Troublemaker Malte (Merlin von Garnier) und der biederen Mel (Maria Dragus). Sie könnten typenmäßig auch eine Gen-Z-Popband ergeben. Und haben allesamt mentale Schlagseite, ausgelöst durch die Depressionen der Mutter, den Beruf des Vaters (Andreas Pietschmann) oder das bürgerliche Erwartungskorsett. Vor allem besitzen sie aber die kriminelle Energie, die Yusuf zunächst noch abgeht.

Jede einzelne dieser empfindsamen Seelen hätte eine Geschichte verdient, die über plakative Dialoge und Instagram-taugliche Schlüsselszenen hinausgeht. „Banksters“ gibt sich mit dem Nötigsten zufrieden. Mag sein, dass das reicht. Bei „Haus des Geldes“, einer Bankräuber-Serie, die durch die Underdog-Attitüde der Räuber und ihren charmanten Plan Sympathien einheimste (das Geld wurde nicht geklaut, sondern gedruckt), trugen die hohe Schlagzahl und der Premium-Look über Plattitüden hinweg. Die Anmutung von „Banksters“ entsteht durch viel Unschärfe und indirekte Beleuchtung, dunkle Bilder mit effektvollem Scheinwerferzusatz, Blendenflecke und starke Kontraste.

Gerade zum Start des ersten deutschen HBO-Originals sollte man als Zuschauer fordernd sein: HBO steht wie keine zweite Fernsehschmiede für ambitionierte Serien wie „Sopranos“, „The Wire“, „Game of Thrones“ und „Succession“. Auch die Produzenten von „Banksters“, Max Wiedemann und Quirin Berg, haben schon komplexer als in „Banksters“ erzählt. Sie verhalfen Netflix zu „Dark“ und TNT zum Gangster-Epos „4 Blocks“ und warten im Herbst, ebenfalls auf HBO Max, mit einer Fortsetzung von „4 Blocks“ auf. Man soll nicht denken, dass wir uns mit solchen Titeln im Hinterkopf mit Fast Food zufriedengäben.

Banksters startet am heutigen Freitag bei HBO Max.