Seit der Super-Bowl-Show von Bad Bunny haben alle verstanden: Salsa rockt – Kultur

Einfach mega, dieser Mann: Streamingrekorde, Grammys in Serie, Halftime Act beim Super Bowl. Bad Bunny alias Benito Antonio Martínez Ocasio trat in der Halbzeitshow des amerikanischen Großereignisses Anfang Februar im wollweißen Zara-Outfit an, als Player und Präsentator einer Show der Spitzenklasse. Was der puerto-ricanische Sänger als dreizehnminütige Einlage im Finale der US-Football-Liga ablieferte, macht Furore. Auch in Europa, wo der 32-jährige Superstar bislang nicht ganz so hoch gehandelt wird wie auf der anderen Seite des Atlantiks. Das könnte sich ändern, sobald die Freiluftsaison für Salsa, Bachata und andere Formen des Latin Dance eingeläutet ist und tausendköpfige Tänzerscharen die einschlägigen Locations entern.

Vom Münchner Dianatempel bis zum Berliner Monbijou-Park werden demnächst wieder Latino-Rhythmen aus Riesenboxen rauschen. Außer ein paar Euro für die DJs fallen in der Regel keine Eintrittsgelder an. Gut möglich, dass sich zur neuen Saison nicht nur traditionell Tanzbegeisterte, sondern auch Neulinge in die Sessions stürzen. Dank Bad Bunny, der seine Salsa-Party mit Lady Gaga als Politinstrument zelebrierte: als Werkzeug des Maga-Widerstands und Ausdruck postkolonialer Awareness. Vor allem aber ist Salsa ein sinnliches Amüsement mit Wohlfühlfaktor und dynamischer Ausstrahlung, dessen Grundschritt sich zudem schnell erlernen lässt. Wer den Hüftschwung raushat, macht Bella Figura und muss noch nicht mal Bad Bunnys spanische Texte verstehen. Das Hispaniola-Primat knockt die Dominanz des Englischen aus und ist außerdem ein Tribut an die migrantischen und multiethnischen Milieus der USA, denen die Trump-Jünger den Kampf angesagt haben.

Auf der Latino-Welle surft Bad Bunny freilich nicht allein. Bruno Mars’ soeben veröffentlichtes Album „The Romantic“ startet mit einer rumbaseligen Sehnsuchtsschmonzette im Bolero-Style, ein anderer Track zitiert die rasanten Spins des Cha-Cha-Cha. Im Übrigen erklangen panamerikanische Sounds schon beim Super Bowl 2020, als Shakira und Jennifer Lopez einen Doppelauftritt hinlegten. Was also macht Bad Bunny so erfolgreich, dass ihn die New York Times unlängst als Tanz-Animateur für smartphone-abhängige Teenies feierte? Demnach triggerte sein Salsa-Song „Baile inolvidable“ schon 2025 die Tanzleidenschaft einer allenfalls per Tiktok-Schnipsel bewegten Jugend.

Ausdruck von Lebensfreude und Widerstand: Bad Bunny hat die Halbzeitpause des Super Bowl in eine gigantische Tanzparty verwandelt.
Ausdruck von Lebensfreude und Widerstand: Bad Bunny hat die Halbzeitpause des Super Bowl in eine gigantische Tanzparty verwandelt. Ishika Samant/Getty Images/ AFP

Abgesehen von der explosiven Lebensfreude, die jede Salsa zündet, engagiert sich Bad Bunny für LGBTQ+ und Diversität aller Art und empfiehlt sich schon damit als Anti-Trump-Held. So einer kann der konfliktträchtigen Gegenwart wenigstens für ein paar Stunden Paroli bieten. Wahr ist aber auch, dass Bad Bunnys Aufstieg mit einer Konjunktur retroakustischer und -ästhetischer Strömungen zusammenfällt, die Bühnen und Ballsäle gleichermaßen erfasst hat.

Salsa, ursprünglich während der Siebzigerjahre auch in der Alten Welt in Mode gekommen, expandiert nach längerer Pause schon seit Jahren. Mit Tango Argentino, Lindy Hop oder West Coast Swing kehrten bereits andere, scheinbar sanft entschlafene Trendtänze aufs Parkett zurück, eroberten Spielflächen und Terminslots unter freiem Himmel. Während seit dem gnadenlos monotonen Discofox – Schritt, Schritt, Tap – kaum mehr Neues von sich reden macht, löst ein Revival das nächste ab.

Der Cha-Cha-Cha wurde zum „Tanz des Jahres 2026“ gekürt

Von daher passt ins Bild, dass der Berufsverband Deutscher Tanzlehrer den Cha-Cha-Cha zum „Tanz des Jahres 2026“ gekürt hat: „Heiter und unbeschwert“ sei die Musik, „ein amüsanter und koketter Flirt“ das Paargeschehen, heißt es auf der Website. Eskapismus pur, immerhin inzwischen als Hetero- wie Homo-Setting etabliert. In den Fünfzigerjahren, als der kubanische Straßentanz nach Europa importiert, turniermäßig gezähmt und technisch aufgepeppt in die Tanzschul- und Benimmprogramme eingespeist wurde, waren gleichgeschlechtliche Varianten undenkbar.

Ausgebuchte Salsa-Kurse weltweit: Das Foto zeigt Probanden bei einer Schnupperstunde in der Münchner Tanzschule Salsabor.
Ausgebuchte Salsa-Kurse weltweit: Das Foto zeigt Probanden bei einer Schnupperstunde in der Münchner Tanzschule Salsabor. Florian Peljak

Obwohl die Figuren komplexer ausfallen als in der Vergangenheit und ausgefeilte Körperbeherrschung verlangen, gedeihen Latino-Tänze derzeit vor allem in ihren karibischen, mittel- und südamerikanischen Herkunftsbiotopen. Umgekehrt verhält es sich mit den ikonischen Underground Acts der queeren und schwarzen Subkultur aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren: Voguing und Ballroom zählen inzwischen zum hochkulturellen Stilrepertoire, ohne sich deswegen Kratzer am eigenen Widerstandsnimbus einzuhandeln. Ob bei der Ruhrtriennale oder im Hebbel-am-Ufer-Theater in Berlin – die analog zu Modehäusern in Houses organisierten Akteure und Aktricen punkten mit fantasievollen Kostümen und schillernden High-Heel-Performances.

Auch der japanische Butoh hat ein Comeback, befördert durch Trajal Harrell

Genderfluides Voguing ist aus der zeitgenössischen Szene sowieso nicht mehr wegzudenken, seit der Tänzerchoreograf Trajal Harrell die Kunst des Catwalks von New York ans Schauspielhaus Zürich und von dort aus in alle Welt exportierte. Eine Aufführung wie Harrells aufwühlendes „Köln Concert“ lässt sich als utopische Matrix einer Gesellschaft lesen, in der Individuum und Kollektiv einander die Hand reichen. Im Übrigen hat Harrell auch die aktuelle Renaissance des Butoh aka „Tanz der Finsternis“ angestoßen, der während der japanischen Nachkriegs-Ära entstand: eine Hommage an die Vergänglichkeit, die sich perfekt ins desillusionierte Dasein des 21. Jahrhunderts fügt.

Ob Kunst oder Kommerz, staunenswert ist die choreografische Raffinesse, die selbst das Super-Bowl-Spektakel auszeichnet. Hervorragende Tänzer, raumgreifende Formationen, präzise Arrangements mit hohem Lässigkeitsfaktor werden von versierten Choreografen und Choreografinnen wie Parris Goebel in Szene gesetzt. Oder von Charm La’Donna, die bereits Kendrick Lamars Düstervisionen in Bewegung brachte und zuletzt die Moves für Bad Bunny samt Entourage entwarf. In Gestalt von Kameron Saunders steigt Ende März der erste Tanzdesigner aus dem Werbe- und Videosektor in die Topliga des europäischen Kunstbetriebs auf:  Saunders war schon mit Taylor Swift auf Tour und soll nun das Londoner English National Ballet choreografieren – Seite an Seite mit Crystal Pite, Galionsfigur der zeitgenössischen Ballettszene.

Derweil spiegelt der Bad-Bunny-Hype nicht nur globale Retro-Tendenzen, sondern eben auch antichauvinistischen Oppositionsgeist. Der Abschied vom Super-Bowl-Publikum unter Aufzählung sämtlicher Staaten des Kontinents darf als gezielte Trump-Klatsche gelten. Wer auch immer 2027 die Halbzeitshow des NFL-Finales bestreiten wird: Er oder sie muss sich an Bad Bunnys subversiver Salsa-Sause messen lassen.