22. Januar 2026 · Er gehört zu den international bekanntesten deutschen Designern und lebt doch in Offenbach. Im Interview erzählt Sebastian Herkner, warum er die Stadt so mag – und was ihn grundsätzlich an Deutschland stört.
Herr Herkner, Sie sitzen schon wieder am Schreibtisch im Büro. Dabei sind Sie erst gestern von einer Asienreise zurückgekommen. Wo genau waren Sie?
Ich war eine Woche lang mit dem kanadischen Möbelhersteller Man of Parts für laufende Projekte in Schanghai, Bangkok und Seoul.
Drei Länder, drei Megastädte. Bei der Rückkehr in Frankfurt am Flughafen – was war Ihr erster Gedanke?
Hoffentlich ist das Gepäck bald da. Im Gegensatz zu den Ländern, in denen ich gerade war, kann das hier ja schon mal eine Stunde dauern. Nach einer Langstrecke ist das keine Freude. Zumal das Ambiente am Frankfurter Flughafen einen erschöpften Reisenden auch nicht umarmend willkommen heißt. Der Airport wirkt im internationalen Vergleich sehr sachlich deutsch und in die Jahre gekommen.
Im April 2026 soll das neue Terminal 3 eröffnet werden.
Von außen betrachtet ist das auch ein reiner Funktionsbau. Ich hoffe, er kann mit seiner inneren Aufenthaltsqualität punkten.
Sie sind nicht so begeistert davon?
Ich frage mich immer, warum man hierzulande so gar nicht den Anspruch hat, architektonisch emotional zu sein oder großzügig zu wirken. In den Airports in Singapur, Doha und Seoul gibt es großartig gestaltete Erlebniswelten, in denen man gerne verweilt. Aus meiner Sicht ist die deutsche Bescheidenheit hier falsch. Bloß nicht auffallen, bloß nicht übertreiben. Warum nur? Architektur ist nicht nur die physische Struktur des Raums. Es geht um den Beitrag zum Leben und den Dialog mit Wünschen.
Viele deutsche Architekten sehen sich in der Tradition des Bauhaus. Vielleicht ist das mit ein Grund?
Keine Frage. Bauhaus gilt als deutsch, und wir werden bis heute international daran gemessen. Aber Bauhaus feiert in diesem Jahr seinen 107. Geburtstag! Die Welt und die Gesellschaft haben sich elementar verändert, ebenso unsere Ansprüche. Ich vermisse oft den Mut und das Vertrauen in die Designer und Architekten, etwas Neues zu wagen, Haltung zu zeigen. Die Auftraggeber sind oft dem Bewährten verhaftet, und zudem führen auch diverse kontraproduktive Vorschriften dazu, dass wir international wenig Akzente setzen können. Die Dänen sind wunderbar selbstbewusst und schaffen gerade auch in der Stadtplanung und in der Architektur zukunftsweisende Vorbilder.
Wie könnten wir das ändern? Oder gibt es etwa kein gutes deutsches Design?
Selbstverständlich gibt es ausgezeichnete deutsche Gestaltung und das in allen Disziplinen, von Produkt über Architektur bis Mode und Grafik. Das Problem liegt vor allem in der Wahrnehmung und Wertschätzung – auch auf politischer Ebene.
Wie meinen Sie das?
Sehen Sie in Herrn Merz einen Designbotschafter für Deutschland? Von vielen Politikern wird Design auf das Industriedesign reduziert. Man spricht gerne über Haushaltselektronik und über Autos, aber Unternehmen, die sich mit Tischkultur, Schreibgeräten oder Sanitärobjekten beschäftigen, bekommen nur wenig Aufmerksamkeit. In anderen Ländern spielt Gestaltung eine stärkere gesellschaftliche Rolle, man zeigt es stolz als Teil der nationalen Identität. In Paris zum Beispiel gibt es das Mobilier national. In dem Fundus werden Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten gesammelt, daraus dürfen sich Herr Macron und seine Kolleginnen und Kollegen dann bedienen, um ihre Büros zu gestalten. Falls sie da nicht fündig werden, wenden sie sich an das ARC.
Das Atelier de Recherche et de Création. Dort werden französische Designer und Innenarchitekten beauftragt, zeitgenössisches Mobiliar zu entwerfen. In Deutschland gibt es solche Institutionen nicht. Sie sind Mitglied im Fachbeirat der World Design Capital (WDC) 2026. Glauben Sie, dass dieses Kultur-Event dem zumindest in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region entgegensteuern kann?
Das hoffe ich! Es soll ja mehr als 2000 Workshops rund um die zentrale Frage geben, wie wir in Zukunft leben wollen. Es wäre toll, wenn sich daraus ein Netzwerk bilden würde, in dem die Kreativen der Region aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen und mehr Sichtbarkeit schaffen. Gemeinsam können sie einen Spirit entwickeln, in dem Wandel endlich als etwas Positives bewertet wird.
Wird er das Ihrer Meinung nach nicht?
Wir diskutieren ernsthaft darüber, wie viele Fahrradwege man einer Stadtgesellschaft zumuten kann. Zwar will man mehr Ruhe und mehr Grün, aber aufs Auto verzichten geht doch irgendwie zu weit. Ich bin immer noch fassungslos, wenn ich die unglaublichen Veränderungen in China über die vergangenen 15 Jahre sehe. Nicht dass ich ein Fan der dortigen Politik wäre. Aber wie viel ruhiger, sauberer und lebenswerter zum Beispiel ist Schanghai geworden, weil alle nur elektrisch fahren!
Während der WDC ist die Mathildenhöhe in Darmstadt ein zentraler Veranstaltungsort. Sie ist nicht nur wegen ihrer künstlerischen Bedeutung ein Touristenmagnet, auch die hohe Bauqualität wird dort eindrucksvoll erlebbar. Handwerk spielt in Ihrer Arbeit als Designer ebenfalls eine wichtige Rolle. Woher kommt das?
Ich bin sehr bodenständig, in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg groß geworden. Es war selbstverständlich bei uns, dass man möglichst viel in Eigenleistung umsetzt. Als ich als Jugendlicher ein neues Bett brauchte, haben mein Vater und ich Holz gekauft und in der Garage angefangen, zu hämmern und zu sägen. Daher kommt ganz sicher mein Grundverständnis für das Handwerkliche. Außerdem haben wir in den Sommerferien in Europa gecampt. Vom Zeltplatz aus haben wir Ausflüge in die Städte unternommen und dabei Manufakturen besucht. Die Handschuhproduktion in Millau, die Felsenkeller von Roquefort-sur-Soulzon, wo die Käse lagern, die Spitzenstickereien in Alençon und die Glashütte Meisenthal im Elsass. Wenn jeder Handgriff sitzt, die Menschen das Material, mit dem sie arbeiten, richtig verstehen – das hat mich immer fasziniert. Als Designer sehe ich mich in der Verantwortung.
Sie legen nicht nur Wert auf langlebige und nachhaltige Materialien, sondern wollen auch, dass Ihre Objekte einfach repariert werden können.
Wegwerfen ist doch absolut unzeitgemäß. Gestaltung bedeutet nicht nur, Funktion, Form und Farbe zu definieren, sondern greift in alle Ebenen eines Produkts ein. Deshalb interessiert mich ebenso, wie und wo etwas hergestellt wird und unter welchen Bedingungen. Ich frage mich, wie man ein Produkt effizient und platzsparend transportieren kann – und wie man es, wenn es nicht mehr gebraucht wird, möglichst sortenrein zerlegt, damit die einzelnen Komponenten wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können.
Sie entwerfen für Poltrona Frau in Italien, Fritz Hansen in Dänemark, Ames in Kolumbien, Rakumba in Australien und in Deutschland für Dedon, Classicon und Pulpo. Mit welchen Firmen arbeiten Sie in der Region?
Tatsächlich nur mit Decor Walther aus Offenbach, einem Familienunternehmen, das sich dem Interieur des Bads verpflichtet hat. Für Thonet aus Frankenberg in Nordhessen habe ich zuletzt den Frankfurter Stuhl neu interpretiert und die Kollektion 118 entwickelt.
Gibt es auch öffentliche Projekte in Ihrer Wahlheimat Offenbach oder in Frankfurt, die Sie mitgestalten?
Nein, eigentlich schade. Ich würde es großartig finden, ein Objekt gezielt für meine Heimat zu entwerfen. Vielleicht eine Parkbank oder das Mobiliar für eine Bibliothek oder ein Museum. Ich finde es traurig, wenn man nur aus dem Standardkatalog bestellen kann.
Vielleicht bevorzugt man den Katalog, weil dort schon vorher genau Preis und Lieferdatum bekannt sind?
Natürlich sind Gestaltung und Qualität nicht umsonst. Aber warum ist uns Originalität so wenig wert? Es irritiert mich, wenn ich lese, dass Ikea nirgendwo auf der Welt so erfolgreich ist wie in Deutschland, und auch Shein aus China verzeichnet hier neuerdings enorme Wachstumssprünge. Es muss ein Umdenken stattfinden, weg von dieser Geiz-ist-geil-Mentalität, die immer noch in den Köpfen herumspukt. Ebenso ist es heute wichtiger denn je, in öffentliche Räume zu investieren, die Menschen wieder miteinander zu verbinden. Es gibt Beispiele, an denen man sieht, welche positiven Impulse gute Stadtplanung haben kann.
Welche Projekte gefallen Ihnen in Frankfurt?
Den Hafenpark empfinde ich als sehr gelungen. Da gibt es verschiedene Sportangebote, den Skaterpark und viele Grünflächen. Alle Generationen fühlen sich dort gut aufgehoben. Auch bei Four, dem neuen Gebäudekomplex am Goetheplatz, habe ich ein gutes Gefühl. Dort hat man sich getraut, das Ganze groß zu denken. Mit Respekt wurden Teile der unter Denkmalschutz stehenden Sechzigerjahre-Fassade in den Bau integriert. Optisch hat das eine besondere Qualität im Stadtbild und schafft spannende Perspektiven und Räume, die man zum Beispiel aus Singapur gewohnt ist.
Und wo ist Ihrer Ansicht nach gestalterisch Luft nach oben?
Rund um die Haupt- und Konstablerwache. Die beiden Knotenpunkte wurden einst sehr unglücklich geplant, vor allem die Abgänge in die S- und U-Bahnen. Auch die Zeil ist leider kein attraktiver Ort mehr. Da war ich gefühlt schon Jahre nicht mehr unterwegs.
Wenn Online den Einzelhandel zerstört, gibt es da überhaupt eine Chance für eine klassische Einkaufszone?
Aber natürlich! Städte sind immer noch Magnete für die Menschen. Architekten, Stadtplaner und Designer müssen zusammen mit den Verantwortlichen der Ämter Konzepte entwickeln. Raus aus der Komfortzone, rein in den Dialog. Ganz wichtig ist eine gute Anbindung an den ÖPNV und eine nachhaltige Begrünung des Stadtraums aufgrund des Klimawandels. Nur wenn die Stadt lebenswert ist, mag man dort auch verweilen und konsumieren. Paris hat bei der Umgestaltung des Rathausplatzes vorgemacht, wie es geht. Wo früher ein riesiger, zugepflasterter Platz war, wächst heute ein richtiger Urwald. Ich denke, auch Frankfurt hat Potential. Die Stadt hat eine überschaubare Größe, alle Orte sind mit dem Rad zu erreichen, und wir haben diesen wunderbaren breiten Fluss, um den uns viele Städte beneiden. Wie toll wäre nur noch ein Stadtbad im Main.
Sie haben an der Hochschule für Gestaltung (HfG) studiert und haben dort ein Büro. Für einen international gefeierten Designer ist Offenbach eine überraschende Standortwahl.
Zugegeben: Offenbach offenbart seine Schönheit eher auf den zweiten Blick. Ich weiß noch genau, wie ich 2000, im Alter von 19 Jahren, im Auto meiner Eltern aus dem beschaulichen Bad Mergentheim hierherfuhr und von den superhässlichen KWU-Türmen am Kaiserlei-Kreisel empfangen wurde. Die Nachkriegsarchitektur war gewöhnungsbedürftig, die Lederindustrie ging gerade zugrunde, und die Stadt hat mit Goldpfeil, Montblanc und Co. einen wichtigen Teil ihrer Identität verloren. Man stelle sich vor, in Venedig würde plötzlich kein Glas mehr produziert. So oder so ähnlich war das hier. Es gab überall Leerstand und Arbeitslosigkeit. Glamourös war – und ist – anders.
Aber?
Die Menschen! 66 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, sind aus mehr als 150 Ländern hierhergekommen. Das ist echtes Multikulti. Die Toleranz und die Offenheit, das Miteinander und Nebeneinander finde ich wahnsinnig inspirierend. Gerade wenn man sich beruflich viel in der Luxuswelt bewegt, ist es gut, privat geerdet zu sein. Hier in Offenbach gibt es diese Ruhe und Platz für Neues. Die Mieten sind im Vergleich zu Berlin, Frankfurt oder München noch moderat – das ist gut für Menschen mit Ideen. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass sich Unternehmen wie Samson oder Biospring in Offenbach ansiedeln.
Sie sind bewusst hier verwurzelt.
Ja. Vor Kurzem haben mein Mann Manuel und ich uns hier ein Haus gekauft und es fast zwei Jahre umgebaut. Unsere gemeinsame Tochter Rosa geht hier in die Kita.
Haben Sie einen Lieblingsort in Offenbach?
Eine echte Institution ist das L’Abbate, eine italienische Käserei. Antonio L’Abbate kam in den Sechzigern aus Apulien nach Offenbach. Er mochte es hier, aber ihm fehlten Mozzarella, Ricotta und Scamorza. Also fing er selbst an, sie zu produzieren. Sein Sohn Vito und dessen Frau haben mittlerweile übernommen und beliefern die Gastronomie über die Stadtgrenze hinaus mit ihren Delikatessen.
Als Treffpunkt haben Sie den Marktplatz vorgeschlagen.
Ich liebe den Wilhelmsplatz. An Markttagen, Dienstag, Freitag und Samstag, gehen wir dort immer einkaufen. Am Apfelstand lassen wir uns frischen Saft in einen kleinen Kanister abfüllen, am Gemüsestand gibt es Gurke für Rosa. Und unser Olivenöl, frischen Fisch und eingelegte Artischocken kaufen wir bei Stelios. Sobald man den Laden betritt, fühlt man sich wie in einem Dorfladen in Griechenland. Dort gibt es vom Topfreiniger über luftgetrocknete Salami bis zum Ouzo einfach alles. Zum Schluss, wenn der Kinderwagen schon schwer bepackt ist, gehe ich beim Blumenstand von Birgit vorbei, die jeden Morgen einen prächtig blühenden Dschungel um sich herum aufbaut.
Wissen die Menschen auf dem Markt, wer Sie sind?
Für die meisten bin ich nur der Papa von Rosa. Und das kann auch gerne so bleiben.
Sebastian Herkners Offenbach
Frühstück: „Gasthaus zum Stern“. Hier treffe ich mich gerne samstags um elf Uhr mit Freunden zum Weißwurstessen, mit Brezel und Radler. Wilhelmsplatz 7
Lunch: „White Elefant“. Authentisch indisch. Ludwigstraße 45
Abends: „Maman“. Persisches Restaurant, in dem man besonders gut vegetarisch essen kann. Berliner Straße 109
Kaffee: „Etappe Roasters“. Das lichtdurchflutete moderne Café mit eigener Rösterei liegt an der Hafeninsel und eröffnet mit der Lage am Wasser eine neue Perspektive auf die Stadt. Hafenallee 57
Snack: „Damaskus Falafel House“. Der Besitzer musste leider aus seinem Land fliehen, aber er hat sich ein Stück Heimat mitgenommen. Die Falafel sind perfekt. Frankfurter Straße 24
Lesen: Steinmetz’sche Buchhandlung. Diesen Buchladen gibt es schon seit 1835, er hat eine coole Inneneinrichtung aus den Sechzigerjahren, ich liebe die alte Leuchtschrift und den guten Service. Frankfurter Straße 37
Kultur: Deutsches Ledermuseum. Dort lernt man alles rund ums Thema Leder und das alte Handwerk. Frankfurter Straße 86. Und der Wetterpark. In Offenbach ist der Deutsche Wetterdienst ansässig, von hier aus hat man das Wetter in Deutschland im Blick. Im Wetterpark – einer für alle öffentlich zugänglichen Grünfläche – werden Wetterphänomene anschaulich erklärt. Interessant für Kinder und Erwachsene. Am Wetterpark 15
Sportliches: Mainradweg. Entlang des Mains führt der Radweg vorbei an Weinbergen, historischen Städten und beeindruckenden Flusslandschaften. Die Route bietet gut ausgebaute Wege und führt flussabwärts in Richtung Frankfurt und Mainz, flussaufwärts in Richtung Aschaffenburg und Würzburg.
Architektur: Rathaus. Das Gebäude wurde Anfang der Siebziger gebaut, als Sinnbild für die neue Stadt, im brutalistischen Stil. Viele Bauten aus dieser Epoche wurden leider abgerissen. Das Rathaus hingegen wurde aufwendig saniert und ist von innen wirklich imposant. Berliner Straße 100
