
Bei der Verleihung der Golden Globes am Sonntagabend saß inmitten der Schönen und Gestrafften ein Mann wie ein Stück Dörrfleisch. Sean Penn war von der Regie geschickt so platziert worden, dass sein Gesicht im Farbton von frischem Rinderfilet einen perfekten Komplementärkontrast zu dem seines kinderpopoglatten Tischnachbarn Leonardo DiCaprio bildete. Dazu trug der 65-Jährige eine Frisur, als hätte ihn kurz vor dem roten Teppich noch der Blitz getroffen.
Der Schockmoment des Abends folgte jedoch später. Ein Reporter fotografierte während einer Werbeunterbrechung, wie Penn mit hohlen Wangen eine Zigarette rauchte, wobei man eher sagen muss: wegsaugte. Während sich offensichtlich alle anderen kippenaffinen Stars heimlich und pflichtbewusst in Richtung Raucherausgang schlichen, paffte Penn unverhohlen direkt am Tisch. Die Kippen türmten sich vor ihm in einem halbleeren Wasserglas.
Seither kursieren im Netz mannigfaltige Anekdoten aus Penns Leben, das sich liest wie eine einzige Aneinanderreihung missachteter Rauchverbote: Penn quarzt offenbar in Restaurants, bei Konzerten, in Fernsehstudios. Für die einen ist es ein Skandal: Noch so ein Hollywood-Heuchler, für den keine Regeln gelten! Dass Penn während der Pandemie lautstark Masken- und Impfpflicht gefordert hat, haben ihm Konservative nie verziehen. Und ja: Wer sich um die Viruslast am eigenen Filmset sorgt, seinen Tischnachbarn aber ungefragt Qualm ins Gesicht bläst, liefert zumindest Angriffsfläche. Not a good look, würde Penns PR-Agent vermutlich unter Schmerzen stöhnen – wenn er denn einen hätte.
Aber natürlich sind das Kategorien, die für Sean Penn nicht gelten. Er hat schon Paparazzi verprügelt, als seine heutigen Kritiker noch nicht mal geboren waren. Er hat als Madonnas Ehemann Nebenbuhler attackiert und dafür Wochen im Knast gesessen. Er traf mexikanische Kartellbosse und venezolanische Diktatoren, schleppte in Haiti eigenhändig Hilfsgüter, überreichte Wolodimir Selenskij einen seiner Oscars und datet derzeit ein Model im Alter seiner Tochter. So jemand lässt sich nicht widerstandslos in ein Rauchereck führen wie ein Carsten in die Camel-Lounge des Flughafens Düsseldorf.
Und weil ihn insgeheim viele Menschen, wohl auch die meisten Carstens, um diesen Swag beneiden, fällt der Applaus größer aus als die Empörung der Moralisten. Sean Penn verkörpert eben den Geist des alten Hollywoods, als Männer wie Humphrey Bogart noch keinen Sauerstoff atmeten, sondern ausschließlich Qualm. Während heutige Filmstars sich bei lebendigem Leib ausstopfen lassen, wittert das Räuchermännchen Penn stoisch vor sich hin; als ehrliches Referenzgesicht inmitten weichgezeichneter Hyaluron-Visagen. Und mal ganz ehrlich: Ein 65-Jähriger, der zeigt, wie ein 90-Jähriger wirklich aussieht – ist das nicht irgendwie auch eine preiswürdige Schauspielleistung?
