Schweinfurt 05 in der 3. Liga: Fünf Monate auf der Streckbank – Sport

Das Sachs-Stadion liegt beinahe verlassen da. Man kann einfach hineingehen, auf die Tribünen oder hinunter auf den Rasen, alle Tore stehen offen, wie sie sonst auch viel zu offen stehen, wenn der 1. FC Schweinfurt 05 hier seine Fußballspiele in der dritten Liga bestreitet. Die Bäume auf der anderen Seite hinter der Gegentribüne sind nackt. Alles ist kühl, alles ist trist, alles wirkt grau, obwohl alles weiß ist an diesem vereisten Januar-Nachmittag.

Draußen vor dem Aufgang zur Haupttribüne hängt ein „Flucht- und Rettungswegplan“, auch das bezeichnend. Die Schweinfurter, könnte man meinen, würden ja am liebsten fliehen aus der dritten Liga, wenn man sie nur ließe. Nach den ersten 19 Spieltagen haben sie lediglich sechs Punkte, schlechter war ein Drittligist noch nie. Und da es keine Vergleichswerte gibt, lässt sich beispielsweise eine Linie zu Tasmania Berlin ziehen, das in der Bundesliga-Saison 1965/66 nur sechs von 34 Partien nicht verlor. Nach heutiger Zählung stand Tasmania nach 19 Spieltagen mit fünf Punkten da. Das ist also das Niveau, auf dem sich Schweinfurt in dieser Saison bewegt.

Die Rückrunde ist deshalb eine Streckbank. Sie verlängert das Leid und zögert den Moment, in dem der Abstieg feststeht, bloß hinaus. Dann wird Schweinfurt von der deutschlandweiten Fußballbühne abtreten und wieder raus aufs Land fahren, nach Buchbach und Hankofen statt nach Rostock, Duisburg oder Stuttgart.

Gerade deshalb ist Schweinfurt jetzt ein interessanter Schauplatz. Der Fußball, heißt es ja, sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und in Schweinfurt konzentriert sich gerade eine Menge von dem, was auch Menschen umtreibt, die mit Fußball nichts anzufangen wissen. Denn: Ist es nicht so, dass auch die Gesellschaft gerade eine Zerreißprobe zu meistern hat? Dass sie von unterschiedlichen Kräften auseinandergetrieben wird?

Die Herausforderungen, die die Gesellschaft im Großen zu bewältigen hat, muss Schweinfurt als Fußballklub im Kleinen meistern. Und zu den Aufgaben von Trainer Victor Kleinhenz gehört es, alles zusammenzuhalten.

„Wenn wir absteigen, dann sollten wir mit Haltung absteigen“, sagt Trainer Victor Kleinhenz

Er sitzt drinnen im leeren, aber doch warmen Medienraum des Stadions. Kleinhenz, 34, soll jetzt erklären, wie seine Mannschaft und er den nächsten fünf Monaten entgegenblicken, in denen es um nichts mehr geht, weil Schweinfurt 17 von 19 Spielen verloren hat und 16 Punkte hinter dem rettenden Platz 16 steht. Wie motiviert man sich da, wenn alles längst verloren ist?

Kleinhenz sagt: „Wenn wir absteigen, dann sollten wir mit Haltung absteigen. Es ist auch mein Auftrag, das sicherzustellen.“ Was Schweinfurts Trainer meint: Für die Franken geht es jetzt darum, auch als Verlierer aufrechtzubleiben, darum, die Fassung zu bewahren, wenn alles aus den Fugen zu geraten droht. Oder, um es mal etwas höher einzuhängen: Es geht um Würde.

„Ich definiere einen Teil meines Selbstwerts schon über den Fußball“, gesteht Kleinhenz. Gerade, das weiß er, geht es zwar nicht um Victor Kleinhenz, sondern um den FC Schweinfurt 05. Doch die Misserfolge kratzen ihn auch persönlich an, schließlich stand er selbst in der Fankurve des Sachs-Stadions, als der Klub Anfang des Jahrtausends noch zweitklassig war.

2002 stieg Schweinfurt ab und verbrachte die folgenden 23 Jahre im Amateurfußball. Von Saison zu Saison wuchs die Sehnsucht nach mehr, aber jetzt, da Schweinfurt wieder auf der bundesweiten Bühne steht, ist die dritte Liga eine granitharte Schule für den gesamten Verein. Es ist kein Gefühl der Ohnmacht, das sich breitmacht, die Mannschaft spielt oft besser, als es das bloße Ergebnis nach 90 Minuten vermuten lässt – aber vom Klassenverbleib spricht Kleinhenz nicht mehr.

„Wir sollten uns andere Ziele setzen“, findet er. Dass es nicht mehr darum geht, Platz 16 zu erreichen, habe Schweinfurt „ein Stück weit akzeptiert“, sagt Kleinhenz. „Das heißt aber nicht, dass wir keine Ziele mehr haben – ganz im Gegenteil: Die 19 Spiele und circa 100 Trainingseinheiten, die noch kommen, sind eine Chance.“

Die Devise lautet: nicht mehr am Nichtabstieg arbeiten, sondern an Details und realistisch erreichbaren Dingen

Es gehe darum, den Verein auf die Regionalliga vorzubereiten, um nächste Saison wieder angreifen zu können – und darum, „die Fans zurückzugewinnen“, so Kleinhenz. Auch das ist ja eine Gefahr, wenn man derart erfolglos ist wie Schweinfurt: dass etwas zerbricht. Dass man auch einander verliert, wenn man ein Spiel nach dem anderen verliert.

Schweinfurt ist eine Industrie- und Arbeiterstadt. Um es also mal pathetisch auszudrücken: Den Schweiß, den die Menschen in den Fabriken, Lagerhallen und Werkstätten vergießen, sollen auch die Fußballer vergießen, die das Hemd ihres Vereins tragen. Das ist es, was die Menschen erwarten. „Der Verein ist für viele ihr Leben“, sagt Kleinhenz.

All die Tiefschläge und Niederlagen stellen den Klub zwar immerzu auf die Probe, und diese Probe wird von Mal zu Mal härter – doch Schweinfurt, so der Eindruck von außen, hat sich bislang nicht auseinanderdividieren lassen.

Im Medienraum schafft es Kleinhenz sogar, authentisch Tatendrang zu versprühen. Bei der Frage, was ihn antreibt, obwohl alles längst verloren ist, erhebt er die Stimme und ruft: „Wenn ich unsere Spiele anschaue und Ansatzpunkte sehe, an denen wir arbeiten müssen, motiviert mich das für die Trainingswoche. Dann spüre ich eine Lust am Spiel und eine Lust auf Verbesserungen.“

Kleinhenz blendet das große Ganze aus und stürzt sich in Details. Er hat sich mit seinem Team ein Punkte- und ein Rückrundentabellenplatz-Ziel gesetzt. Das geht Schweinfurt nun an. Am Sonntag steigt das erste Pflichtspiel des neuen Jahres gegen Viktoria Köln. Und Victor Kleinhenz, so scheint es, freut sich darauf.