Diagnosen von Störungen aus dem Autismus-Spektrum sind bei Kindern in Schweden, die zwischen 1985 und 2020 geboren wurden, um das Zehnfache gestiegen. Das zeigt eine neue Studie, die in der medizinischen Fachzeitschrift BMJ veröffentlicht wurde. Die Forschenden fanden außerdem einen deutlichen Nachholeffekt bei Mädchen. Bis zum Alter von zehn Jahren wurde die Diagnose etwa dreimal häufiger bei Jungen vergeben, ab etwa 15 Jahren war das Verhältnis nahezu ausgeglichen.
Die Forschenden nutzten das schwedische Geburtenregister, um Kinder zu erfassen, die zwischen 1985 und 2020 geboren wurden. In ihre Studie schlossen sie nur Kinder ein, deren Eltern beide in Schweden geboren wurden. Von diesen rund 2,76 Millionen Personen erhielten 2,8 Prozent im Laufe der Studie die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Der Oberbegriff ASS umfasst das gesamte Spektrum autistischer Störungen unterschiedlicher Schweregrade, darunter auch der frühkindliche Autismus oder das Asperger-Syndrom. Sie zeichnen sich vor allem durch Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, eingeschränkte Interessen und sich wiederholende Verhaltensmuster aus.
Von 1995 bis 2022 fanden die Forschenden in allen Altersgruppen einen „stetigen Anstieg“ der Diagnosen. Die Ergebnisse seien in ihrer Richtung grundsätzlich nicht überraschend, in ihrer Deutlichkeit und Konsequenz aber bemerkenswert, sagte Sanna Stroth von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg dem Science Media Center (SMC). Der Anstieg der Autismus‑Diagnosen über die vergangenen Jahrzehnte sei international gut belegt und werde überwiegend auf geänderte Diagnosekriterien, eine breitere Definition des Spektrums, eine höhere Sensibilität und bessere Versorgung zurückgeführt. Dahinter stecke kein „sprunghafter Anstieg ‚wahrer‘ Fälle“, so Stroth.
„Auffälligkeiten bei Mädchen werden oft anders etikettiert, bevor überhaupt an Autismus gedacht wird“
Lange wurde ASS als eine Störung begriffen, die vor allem Männer betrifft. Die schwedische Studie zeigt nun, dass die Geschlechterverhältnisse ausgeglichener sind. Laut den Daten aus der neusten Erhebungswelle von 2022 wurden Männer bis 20 Jahre nur noch etwa 1,2-mal so häufig mit ASS diagnostiziert wie Frauen. Die Studienautoren gehen davon aus, dass das Geschlechterverhältnis ab 2024 komplett paritätisch sein sollte.
Auffällig sei allerdings, dass Jungen und Männer in der Studie früher diagnostiziert wurden als Mädchen und Frauen, sagt Regina Taurines, stellvertretende Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Würzburg dem SMC. Die Studie deutet darauf hin, dass die Störung bei jungen Mädchen öfter nicht erkannt wird. Bei ihnen könne die Diagnostik schwieriger sein, wenn sie etwa kein sozial-störendes Verhalten zeigen, so Taurines. „Schüchternheit, zurückgezogenes und sozial unbeholfenes Auftreten wird bei Mädchen häufig noch als ‚typisch weiblich‘ interpretiert, kann aber ein Hinweis auf eine ASS sein“, sagt die Expertin.
Die Autoren der Studie vermuten außerdem, dass es bei Mädchen zu „diagnostischer Überschattung“ kommen könnte. „Auffälligkeiten bei Mädchen werden oft anders etikettiert, bevor überhaupt an Autismus gedacht wird“, sagt Stroth. Andererseits hätten Frauen mit Autismus überzufällig oft Begleiterkrankungen wie Depression, ADHS oder Essstörungen. „Das erhöht das Risiko, dass auch die spätere Autismus-Diagnose nur eine falsche ‚Neuetikettierung‘ ist“, so die Expertin. Welchen Effekt diese zusätzlichen Krankheitsbilder möglicherweise haben, lässt sich aus der schwedischen Studie nicht ableiten. Die Autoren betrachten nur ASS-Diagnosen, keine anderen Störungen.
Für Deutschland liegen bislang keine vergleichbaren Daten vor. Insofern könne man die schwedischen Zahlen nicht einfach übertragen, so Stroth. Sie würden aber einen plausiblen Referenzrahmen dafür bieten, wohin das Geschlechterverhältnis sich auch hierzulande entwickeln dürfte.
