Schweden verschenkt fünf Inseln – Reise

Einfach mal raus. Weg von allem und allen. Die Sehnsucht nach der einsamen Insel meldet sich zuverlässig immer dann, wenn das Leben zu laut, zu voll, zu viel wird. Dann träumt man von der Auszeit, der Besinnung aufs Wesentliche, der Unerreichbarkeit. Plus Sonne, Strand und Meer. Minus unangenehme Tiere und sonstige Mitbewohner. So gesehen hat die schwedische Tourismusorganisation Visit Sweden (die auch schon mal medienwirksam daran erinnert hat, dass Schweden nicht die Schweiz ist, und Urlauber in jenes Dorf schickte, nach dem Ikea seine Klobürste benannt hat) mit ihrer neuesten Marketing-Aktion wieder einmal den Finger am Puls der Zeit. Sie verlost nämlich Inseln.

Mehr als 267 000 davon soll es in Schweden geben, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Das schwedische Wort für Insel ist dafür umso kürzer, nämlich „ö“. Die allermeisten Ös sind unbewohnt – und fünf von ihnen hat man nun offiziell zur Adoption freigegeben. Das könnte zu der Befürchtung Anlass geben, dass es sich um eher ungeliebte Kinder handelt. Müllinseln, Friedhofsinseln, Pestinseln – man hat ja immer schon gern Dinge und Menschen auf abgelegene Eilande abgeschoben. Aber auf Dauer loswerden will man hier offenbar nichts: Es geht um eine Adoption auf Zeit, in Form eines einjährigen Nutzungsrechts inklusive Inselhüter-Diplom und Reisegutschein.

Doch bevor man jetzt anfängt zu träumen (schließlich ist man in Deutschland ganz besonders gut darin, weitgehend unbeeindruckt von schwedischen Realitäten eine schwedische Idylle zu imaginieren): Man wird auf Tjuvholmen, Medbådan, Skötbådan, Storberget und Marsten weder vor einem falunroten Holzhäuschen sitzen noch frische Zimtschnecken kaufen können, noch nicht einmal tiefgefrorene Köttbullar. Die Inseln sind winzig, unbebaut und unbewohnt. Es gibt auch keine Elch-Garantie, obwohl Schweden nicht nur die meisten Inseln, sondern mit geschätzt an die 400 000 Exemplaren auch weltweit die meisten Elche aufzuweisen hat. Hätten sich fünf davon nicht auch noch adoptieren lassen?

Nein, das Insel-Erlebnis gibt es nur in der Basis-Ausstattung: ein paar Felsen, ein paar Bäume, ein paar Sträucher. Hin kommt man mit dem Kajak oder dem Bootstaxi. Und für die Nacht darf man ein Zelt aufschlagen. Alternativ empfiehlt die schwedische Tourismusorganisation Hotels auf dem Festland oder auf einer Nachbarinsel. Mit etwas Glück erspäht man „seine“ Insel von dort aus immerhin mit dem Fernglas.

Bewerben kann man sich mit einem Video und guten Gründen für einen Insel-Aufenthalt. Also wird man nun zum Smartphone greifen und ein sehnsüchtiges Filmchen darüber drehen, wie gern man doch mal auf einer einsamen Insel ganz weit weg wäre von der medialen Dauerbeschallung. Den Clip auf seinen Social-Media-Kanälen zu posten, kann, so ist den Teilnahmebedingungen nachzulesen, „die Gewinnchancen erhöhen“. Den passenden Hashtag #yourswedishisland gibt es natürlich auch schon. Und da nähern wir uns endlich der Zimtschnecke Kern: So richtig schön ist die Inseleinsamkeit doch erst, wenn man sie mit einem neidischen Publikum teilen kann.

Die Autorin ist eigentlich immer reif für die Insel, plant Reisen dorthin aber stets mit Rückfahrkarte.
Die Autorin ist eigentlich immer reif für die Insel, plant Reisen dorthin aber stets mit Rückfahrkarte. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))