Schnee in den Niederlanden sorgt für Stau und Flugausfälle


Eigentlich sollten die Niederlande mit Schnee und Eis gut klarkommen. Schon vor mehr als 200 Jahren fanden Wettrennen auf zugefrorenen Grachten und Kanälen statt, bis heute stellt das Land einige der besten Eisschnellläufer der Welt. Obendrein verfügt es über eine beneidenswerte Infrastruktur, mit vierspurigen Auto­bahnen im Westen des Landes. Doch am Mittwoch ging fast nichts mehr.

Morgens um kurz vor neun Uhr staute sich der Verkehr auf rund 700 Kilometern – obwohl die Bürger aufgefordert worden waren, zu Hause zu bleiben, und vielerorts der Unterricht ausfiel. Allerdings bot der eigene Wagen für viele die einzige Chance, um überhaupt zur Arbeit zu gelangen. Schließlich waren auch große Teile des Schienennetzes in und zwischen den Ballungs­räumen gesperrt, während sich das schon seit Tagen andauernde Chaos am Flug­hafen Schiphol in Amsterdam weiter fortsetzte.

„Wir rufen alle Verkehrsteilnehmer dazu auf, heute – wenn möglich – von zu Hause aus zu arbeiten“, konnte man im Liveblog des Ministeriums für Infrastruktur und Wasserwege lesen. Darunter waren Bilder von quer stehenden Lastwagen auf Autobahnen und langen Autoschlangen gepostet. Zu erfahren war dort auch, dass der morgendliche Stau dem historischen Rekordwert vom 10. Februar 1999 nahekam; da waren es 774 Kilometer. Damals waren in kurzer Zeit mehr als 20 Zentimeter Schnee gefallen. Dagegen sah die Wetterprognose für Mittwoch nur drei bis sieben Zentimeter Neuschnee vor. Im Nachbarland Belgien, wo ähnliche Verhältnisse herrschten und ebenfalls die Warnstufe Orange ausgerufen wurde, waren die Einschränkungen viel geringer. Am Flughafen Brüssel wurden 40 Flüge abgesagt.

Reisende übernachten auf Notbetten

Dagegen waren es in Amsterdam-Schip­hol 700 von 1200 geplanten Abflügen und Ankünften. Der viertgrößte Flughafen Europas kämpft seit dem Wintereinbruch am vorigen Samstag mit den unwirtlichen Bedingungen. Insgesamt wurden in fünf Tagen mehr als 3000 Flüge gestrichen. Am Dienstag bildete sich vor den Schaltern der Fluggesellschaft KLM Royal Dutch Airlines in Abflughalle 3 eine Schlange, die bis in Halle 2 reichte.

Am Nachmittag lösten Ordner diesen Stau von Menschen auf, die Flüge umbuchen wollten, und wiesen sie an, sich Hotelzimmer zu nehmen und die Lage am Flughafen in der App zu verfolgen. Trotzdem übernachteten mehr als tausend Reisende auf Notbetten, die in den Abflughallen aufgestellt wurden – ­darunter viele Transitpassagiere, die ­mangels Visum den Flughafen gar nicht verlassen durften.

Derweil hatte KLM schon die nächste Hiobsbotschaft verkündet. Aufgrund ­extremer Wetterbedingungen und Lieferengpässen neige sich der Vorrat an Enteisungsmittel dem Ende zu, hieß es am Dienstag auf der Website des Unternehmens. „Der Lieferant kann derzeit keine Nachlieferung der aus Deutschland bezogenen Flüssigkeit garantieren.“ Dies sei ein europaweites Problem. KLM hole nun selbst die Flüssigkeit in Deutschland ab. Am Mittwoch trafen die ersten Lastwagen am Flughafen ein. KLM ist am Heimatflughafen für die Enteisung aller Flugzeuge zuständig und hat dafür 25 Fahrzeuge im Einsatz, die ein Gemisch aus warmem Wasser und Glykol ver­sprühen.

Der Räumdienst am Flughafen wird nach einem Bericht der Zeitung „de Volkskrant“ von Büroangestellten versehen, die das ganze Jahr über für solche Einsätze geschult würden. Das könnte freilich auch Teil des Problems sein, denn gerade Schip­hol ist bekannt dafür, dass dort alles auf Kante genäht ist. Als nach der Corona-Pandemie der Flugverkehr wieder anlief, bildeten sich extrem lange Schlangen, weil Bodenpersonal entlassen worden war. Der Flughafen war genötigt, die maximale Passagierzahl ein halbes Jahr lang zu halbieren, um den Flugverkehr aufrechterhalten zu können.

Niederländischen Medien ist durchaus aufgefallen, dass andere Länder mit ­vergleichbaren Witterungsverhältnissen weniger Probleme haben. Reporter ­begeben sich nun auf die Suche nach den Ursachen. Dabei kam etwa heraus, dass nur die Hälfte der rund 5000 Weichen im Schienennetz beheizt ist. Eingefrorene Weichen beeinträchtigen seit Tagen den Zugverkehr. Auf wichtigen Achsen zwischen dem Flughafen Schiphol und Hilversum sowie ­Utrecht fuhren am Mittwoch überhaupt keine Bahnen mehr, ebenso rund um Breda. Starke Störungen wurden aus Rotterdam und Leiden gemeldet.

Der einzige Hoffnungsschimmer: Das Land hat noch rund 150 Millionen Kilogramm Streusalz auf Lager. Das würde für gut zwei Wochen reichen.