„Schleim-Jesus“ in der ARD: Zeit für ein paar Nachfragen bei der Künstlerin – Medien

Die klassische Jesusdarstellung einmal anders denken. Das hatte sich die Künstlerin Milena Lorek aus Stuttgart für die Christmette der ARD vorgenommen. Ihre Idee: Statt einer leblosen Puppe wie im Krippenspiel vieler Kirchen sollte da ein echter Mensch liegen. Die Performance-Künstlerin Eleni Sismanidou wurde mit organisch anmutendem, nassem Reispapier bedeckt, um den Eindruck eines wirklichen Neugeborenen zu erwecken. „Elend, nackt und bloß“, beschrieb der Pfarrer Thomas Steiger die Darstellung während des Gottesdienstes aus der Kirche St. Maria in Stuttgart, der an Heiligabend live im Ersten und im SWR ausgestrahlt wurde und in der ARD-Mediathek noch zu sehen ist.

Die katholische Christmette an Heiligabend im Ersten, live aus Stuttgart.
Die katholische Christmette an Heiligabend im Ersten, live aus Stuttgart. (Foto: SWR/ARD/Piper Verlag)

Auf den ersten Blick ist die Darstellung befremdlich. Man sieht, wie sich der Brustkorb der Performerin hebt, wie sie atmet. Da liegt kein engelsgleiches Kindlein im Stroh der Krippe, sondern ein großes, nasses Wesen in Embryonalhaltung. Die Absicht der Künstlerin: Ihre Darstellung soll auch die Verletzlichkeit des Jesuskindes betonen.

Das kam längst nicht überall gut an. Zuschauer zeigten sich empört, eine Sprecherin des SWR spricht von 1400 Beschwerdemails, die sie erhalten hatten. Die Bild betitelte das Werk abschätzig als „Schleim-Jesus“. Im Internet empörten sich vor allem rechte Nachrichtenplattformen über die nicht traditionelle Abbildung des Heilands. Der Stuttgarter Landrat Klaus Nopper von der CDU deutete sie sogar als Ausdruck eines linken Kulturkampfes: „Das ist eklig! Hier wird die Weihnachtsgeschichte im Sinne der Wokeness instrumentalisiert“, meinte er in der Bild. Inzwischen wurde sogar die internationale Presse auf die Jesusdarstellung aufmerksam. So berichtete auch der britische Guardian schon vom deutschen „Slime Jesus“.

Die Reaktionen auf die Übertragung hätten gezeigt, dass „religiöse Gefühle verletzt wurden“

Auf ihrem Instagram-Account bekam Milena Lorek im Anschluss an die Berichterstattung viele Kommentare, nicht alle freundlich. Sie selbst zeigt sich wenig beeindruckt davon: „Ich will mich darauf nicht konzentrieren“, meint die 25-jährige Künstlerin am Telefon.  Sie halte es für ganz normal, dass das Werk Fragen aufgeworfen und manchmal auch Ekel hervorgerufen habe. „Es ist die Aufgabe der Kunst, solche traditionellen Darstellungen zu hinterfragen und zu diskutieren“, sagt Lorek. Ihr Werk richte den Blick auf den biologischen Vorgang der Geburt. Dadurch soll nicht nur das Leben von Jesus, sondern auch seine Verletzlichkeit und schließlich sein Tod zum Ausdruck kommen. Bei vielen sei die „realistischere, menschlichere“ Darstellung deshalb besonders gut angekommen. Auch sie selbst sei mit ihrem Werk zufrieden.

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Die Diözese Rottenburg-Stuttgart dagegen entschuldigte sich für die Christmette. Die Reaktionen auf die Übertragung hätten gezeigt, dass „religiöse Gefühle verletzt wurden“, teilte diese vor einigen Tagen mit. Es sei im Gottesdienst außerdem zu Abweichungen von der liturgischen Ordnung gekommen: „Die Liturgie wurde – mit Blick auf das Fernsehformat – freier gestaltet, als dies zulässig ist“. Als Konsequenz daraus wolle man die Entscheidungsprozesse überarbeiten. Der SWR nimmt nach eigenen Angaben keinen Einfluss, sondern bilde den Gottesdienst für das Fernsehen lediglich ab.

Milena Lorek findet es schade, dass sich die Diözese von ihrem Werk distanziert: „Der Wunsch nach Veränderung in der Kirche ist groß“, so eigentlich ihr Eindruck. Ein wenig mehr Offenheit gegenüber der Kunst, das würde sie sich wünschen.