
Was ist das Geheimnis erholsamen Schlafs? Italienische Forscher präsentieren eine neue Theorie: Wer nachts träumt, könnte sich am Morgen erholter fühlen – aber nur unter einer Bedingung. Unter Experten sorgen die Ergebnisse für Skepsis.
Menschen nehmen Schlaf dann als besonders erholsam wahr, wenn sie lebhaft geträumt haben – so lautet das Resultat einer Studie. Dies widerspreche der bisherigen Ansicht, dass erholsamer Schlaf hauptsächlich von der Dauer des wenig aktiven Tiefschlafs abhänge, schreibt das italienische Forschungsteam im Fachjournal „PLOS Biology“. Ein unabhängiger Experte zweifelt allerdings die Interpretation der Resultate an.
„Der Schlüssel zu gutem Schlaf liegt nicht nur in seiner Dauer, sondern auch in dem subjektiven Eindruck, tief und ohne Unterbrechung geschlafen zu haben“, schreibt die Gruppe um den Neurowissenschaftler Giulio Bernardi von der IMT School for Advanced Studies in Lucca.
Grundsätzlich unterscheiden Forscher zwei Arten von Schlaf, zwischen denen Menschen im Laufe einer Nacht mehrfach hin- und herwechseln: den sogenannten REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), der mit Träumen und einer ausgeprägten Aktivität der Pupillen und auch hoher Hirnaktivität einhergeht. Der REM-Schlaf nimmt im Laufe einer Nacht zu.
Und den Non-REM-Schlaf, manchmal auch als Tiefschlaf bezeichnet. Er ist mit weniger Traumaktivität und langsameren Hirnwellen verbunden. Sein Anteil nimmt im Laufe einer Nacht ab.
„Wir wissen bereits, dass Träumen auch jenseits des REM-Schlafs vorkommt und einen großen Teil der Nacht betrifft, doch die Funktion davon bleibt unklar“, erläuterte die Gruppe. In der Studie untersuchte das Team in einem Schlaflabor 44 gesunde Erwachsene, deren Hirnströme per EEG gemessen wurden, für jeweils vier Nächte. Sie wurden pro Nacht mehrmals während des Non-REM-Schlafs aufgeweckt und zu Träumen, empfundener Schlaftiefe und Schläfrigkeit befragt.
Als besonders tief empfanden die Menschen den Schlaf erwartungsgemäß dann, wenn sie keine Erinnerung daran hatten und die Hirnaktivität gering war. Allerdings gaben sie eine solche Einschätzung auch dann, wenn sie sich an sehr lebhafte, bizarre und eindringliche Träume erinnerten.
„Nicht jede geistige Aktivität beim Schlafen fühlt sich gleich an“, sagte Bernardi. „Anscheinend ist die Qualität der Erfahrung entscheidend, insbesondere wie eindrücklich sie ist.“ Möglicherweise gestalteten Träume, wie die Hirnaktivität von Schlafenden interpretiert werde. „Je eindringlicher der Traum, desto tiefer fühlt sich der Schlaf an.“ Träume seien nicht einfach ein Nebenprodukt des Schlafs, sondern wichtig für das Gefühl eines tiefen Schlafs, folgert das Team.
Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim ist skeptisch, was diese Interpretation betrifft. Manche Menschen erinnerten sich generell an viele Träume, andere nicht. Dass sich jemand nach dem Aufwachen nicht an einen Traum erinnere, bedeute keineswegs, dass er nicht geträumt habe.
„Es gibt einen Unterschied dazwischen, was in einem Traum passiert, und woran sich jemand erinnert“, betonte der Schlafforscher. Dass jemand, der sich an Träume erinnere, den Eindruck habe, tief geschlafen zu haben, sei nicht verwunderlich. Daraus jedoch einen Zusammenhang zwischen Träumen und der Tiefe von Schlaf abzuleiten, sei problematisch.
Zudem sei auch die Methodik schwierig: So seien die Teilnehmer mehrmals pro Nacht geweckt worden. Generell gelte: „Die Erholsamkeit von Schlaf hängt nicht von der Schlaftiefe ab, sondern von der Schlafdauer.“
Walter Willems, dpa/lkl
