Während die Christenheit über Ostern die Wiederauferstehung Jesu gefeiert hat, wechseln bei der FDP die potentiellen Heilsbringer beinahe täglich. Der Neueste ist Wolfgang Kubicki, der am Samstag seine Kandidatur für den Parteivorsitz verkündete. Der 74 Jahre alte Rechtsanwalt erklärte, er wolle die politische Rückkehr der FDP herbeiführen. Kubicki sagte, er wolle „alles tun, die Partei wieder erfolgreich zu machen“.
Seine FDP werde mit neuem Selbstbewusstsein die politischen Debatten in diesem Land anführen, „statt ihnen hinterherzulaufen“. Deutschland warte nicht auf eine FDP, „die sich in akademischen Diskussionen verzettelt“, sondern eine Partei, die klar im politischen Inhalt und ebenso klar in der Sprache sei. Wobei klare Sprache seit Jahrzehnten zu Kubickis Merkmalen zählt.
Seine Kandidatur wirkte wie ein Neuanfang. Sie ließ beinahe vergessen, dass er seit 2013 stellvertretender Parteivorsitzender ist. Zuletzt war er im vorigen Jahr mit lediglich 69 Prozent der Delegiertenstimmen gewählt worden. Zu konkreten, über Talkshow-Auftritte hinausgehenden Beiträgen Kubickis zur Neuaufstellung und zum Wiedererstarken der FDP ist seither wenig bekannt geworden. Dementsprechend hart fiel auch die Kritik seiner Parteikollegin Marie-Agnes Strack-Zimmermann aus, die ebenfalls und abermals zu den möglichen FDP-Rettern gezählt worden war.
Höne zeigt sich erfreut über Kubickis Kandidatur
Die frühere Verteidigungspolitikerin im Bundestag, jetzt Europaabgeordnete, sagte dem „Tagesspiegel“ zu Kubickis Bewerbung, Wettbewerb sei immer gut, „doch jetzt ist nicht die Zeit für persönliche Eitelkeiten oder späte Selbstvergewisserung, nur weil dafür Raum entsteht“. Die FDP müsse von einer neuen Generation in die Zukunft geführt werden, „nicht nur von alten Schlachtrössern“.
Kubicki war damit für einige Stunden neben Christian Dürr und Henning Höne der dritte Kandidat um den Parteivorsitz. Neben ihm bewirbt sich beim Parteitag Ende Mai nach jetzigem Stand allerdings nur noch Höne, der Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen.
Der zeigte sich am Montag erfreut über Kubickis Kandidatur und sagte der F.A.Z.: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass unter anderem Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann als profilierte Gesichter weiterhin eine wichtige Rolle in der FDP innehaben müssen. Als Marktwirtschaftler freue ich mich über den anstehenden Wettbewerb mit Wolfgang Kubicki.“

Die FDP, so Höne weiter, brauche einen Neustart. Der sei „seit der Bundestagswahl strategisch und personell nicht gelungen“. Dazu gehörten Wirtschaftswachstum und solide Haushaltspolitik ebenso wie Bürger- und Freiheitsrechte. Die nächsten Wochen wolle er „für die Debatte über die besten Ideen für die Partei der Freiheit“. Hönes Sprecher kündigte an, es werde „zeitnah“ dessen Kandidat für das Amt eines FDP-Generalsekretärs benannt.
Höne ist 36 Jahre alt und führt seit 2023 den mitgliederstärksten FDP-Landesverband Nordrhein-Westfalen. Im Düsseldorfer Landtag agiert er als Fraktionsvorsitzender. Und wie für seine Vor- oder Vorvorgänger Jürgen W. Möllemann und Christian Lindner gilt auch für den Betriebswirt Höne, dass ein FDP-Landeschef in NRW stets auch für bundespolitische Aufgaben bereit sein soll.
Kubicki wiederum, der als früherer Bundestagsvizepräsident im Nachklang zu diesem Amt noch über ein Berliner Büro verfügt, hatte seine Partei zunächst viele Jahre lang von Schleswig-Holstein aus inspiriert. Dort war er seit 1992 vielfacher Spitzenkandidat, ohne je ein Staatsamt zu haben, das seine rege anwaltliche Tätigkeit eingeschränkt hätte.
Dürr hat seine Partei gleich zweimal überrascht
Er gilt in der FDP als erfolgreichster Königsmacher und Vorsitzenden-Stürzer aller Zeiten, was zumindest 2001 für Wolfgang Gerhardt galt und später für Guido Westerwelle, den Kubicki 2010 tatkräftig mit aus dem Amt drängte. Das nahm den ersten parlamentarischen Untergang der Partei vorweg.
Kubickis Bewerbung kommt überraschend, denn nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 hatte er angekündigt, die aktive Politik zu verlassen. Er werde alsbald 73, sagte er, „und dann noch mal vier Jahre als Frontmann für die freien Demokraten zu kämpfen, um den Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag zu schaffen, übersteigt dann schon meine Kräfte und auch mein Wollen“. Nun also hat er zumindest ein Wollen bekundet.
Daraufhin hatte am Ostersonntag der derzeitige FDP-Vorsitzende und eben noch wollende Dritte, Christian Dürr, seine kurz zuvor erneuerte Bewerbung zurückgezogen. Dürr, früher Fraktionsvorsitzender im Bundestag, führt die FDP seit der Wahlniederlage im Bund.
Mit einer plötzlichen Wendung hatte er seine Partei und die Öffentlichkeit bereits kurz davor überrascht: Als nach den Niederlagen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – wo die FDP 4,4 und 2,1 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte – in der Partei die Stimmung hochkochte, hatte Dürr zunächst seinen Amtsverzicht erwogen, es sich dann aber anders überlegt.
Doch kaum war am Samstag Kubicki – der alte Weggefährte, Kritiker und Quälgeist sämtlicher Parteivorsitzender seit 1995 – auf die Lichtung getreten, rollte Dürr sein Manifest wieder ein. Auf seinem X-Account erklärte er: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass die FDP wieder erfolgreich sein wird. Die Voraussetzung ist eine geschlossene Formation. Ich leiste meinen Beitrag dazu, unterstütze Wolfgang Kubicki und werde nicht erneut antreten.“ Sein Ziel sei vor allem, dass Deutschland wieder nach vorne komme. Das gehe nur mit einer starken FDP, die klar für Marktwirtschaft und Freiheit eintrete.
Kubicki nannte das „hochanständig“ und lobte, Dürr habe den „kompletten Untergang der FDP“ verhindert.
