Schach: Ein Deutscher im Kandidatenturnier!

Ein Ereignis im fernen Samarkand (Seidenstraße!) schrieb sich am Montagabend in die Schachgeschichte ein: Da hat es doch in Usbekistan bei einem elfrundigen Hauen und Stechen der international stärksten 116 Meister tatsächlich ein Deutscher geschafft, sich für das nächste Kandidatenturnier zu qualifizieren. 

Ein Deutscher! Als einer von acht Spielern darf er im nächsten Frühjahr um das Recht kämpfen, den indischen Schachweltmeister Gukesh zum Titelkampf herauszufordern.

Matthias Blübaum heißt er. Namen schon mal gehört? Nein? Das wird sich jetzt ändern. Denn die allgemeine Schachbegeisterung hierzulande, die in jüngster Zeit unter der Netflix-Serie Damengambit und dem Spielen auf Online-Plattformen stetig angewachsen ist, kann sich fortan auf eine Person fokussieren. Die deutschen Fans haben jetzt im Kampf um den Titel einen Helden, dem sie die Daumen drücken können. Das hat es im klassischen Schach seit Jahrzehnten nicht gegeben.

Sein Sprung überrascht selbst die, die sich auskennen

Zuletzt war es der legendäre Kölner Robert Hübner, der 1991 im Kandidatenturnier mit am Tisch saß, bei seinem vierten vergeblichen Versuch, den WM-Kampf zu erreichen. Hübner war ein hochgebildeter Papyrologe mit einer starken Tendenz zum Schrat. Er suhlte sich in seinen Niederlagen und war insofern ein passendes Gegenstück zum supererfolgreichen Amerikaner Bobby Fischer. Beide ähnelten einander, indem sie dem Klischee des genialen Sonderlings entsprachen.

Blickt man noch weiter zurück, sieht man Emanuel Lasker, den einzigen deutschen Schachweltmeister, den es je gegeben hat. Seine Herrschaft war einzigartig, weil er alle Schachweltmeister, und die Weltmeister anderer Sportarten sowieso, an Nachhaltigkeit übertraf: Von 1894 bis 1921 behielt er seinen Titel, 27 Jahre lang. Heute hält ein Verein sein Andenken hoch, die Emanuel Lasker Gesellschaft. 

Deutsche Nähe zum WM-Titel im klassischen Schach: bis zum vergangenen Montag eine Frage der Erinnerung. Und nun also Blübaum. Sein Sprung überrascht selbst die, die sich auskennen, denn in Deutschland ist er mit Abstand nur die Nummer 2.

Die Nummer 1, das ist Vincent Keymer. Als Wunderkind gestartet, seit Jahren im Fernsehen, in den Zeitungen, in den Onlinemedien: ein so sympathischer wie spielstarker junger Mann, dessen Zeit noch kommt – eine Aussage, die nach wie vor gilt. 

Keymer, inzwischen zwanzig, hat sich neben der Schulzeit kontinuierlich hochgekämpft, seit dem Abitur ist er Profi, schaffte es in der Weltrangliste bis auf Platz 8. Auch in Samarkand war er am Start. Er wurde Vierter. Aber nur die zwei Erstplatzierten steigen ins Kandidatenturnier auf, Blübaum wurde Zweiter hinter dem Niederländer Anish Giri.

„Ich spielte wie ein kompletter Idiot“

Matthias Blübaum, 28, Spross einer schachbegeisterten Familie aus Lemgo. Nach seinem Abitur Mathematikstudium, nebenher Turniere. Ihm gelang etwas bislang Einzigartiges: Er wurde zweimal Europameister, 2022 und 2025. Aber einer größeren Öffentlichkeit teilte sich das nicht so richtig mit. War es der Schatten von Keymer?

Noch im Mai dieses Jahres wurde Blübaum deutscher Vizemeister hinter seinem überragenden Konkurrenten. In Samarkand trafen sie wieder aufeinander, in der vorletzten Runde. Keymer mit Weiß kam gut aus der Eröffnung, zerrupfte die Bauernstellung seines Gegenübers, alles sah nach seinem Sieg aus, dann wäre er so gut wie im Kandidatenturnier. 

Blübaum litt. Er hatte ein tolles Turnier gespielt, gegen nominell weitaus stärkere Meister gewonnen, und nun wieder Keymer! Innerlich hatte er sich schon aufgegeben, sogar einen gewissen Selbsthass gespürt, wie er nach der Partie gestand: So unter seinem Niveau habe er gespielt.

Die Nerven. Wer würde es nicht verstehen. Alle Großmeister, die sich eine Chance erspielen, fiebern dem einen Ziel entgegen: ins Kandidatenturnier kommen, das Tor zum Titelkampf aufstoßen. Nur darum geht’s. Aber ins Kandidatenturnier zu kommen, ist fast unmöglich. Die acht Plätze werden nach einem schwierigen Hindernislauf vergeben. Selbst unter den Besten straucheln viele auf dem Weg dorthin. Es muss alles zusammenkommen, damit es klappt.

Blübaum sah die Niederlage gegen Keymer kommen. Aber er spielte weiter, zäh, Zug um Zug. Zähigkeit ist die zweitwichtigste Eigenschaft an der Spitze. Keymer könnte gleich mit dem Turm ziehen, um einen weiteren Bauern zu gewinnen, und das wär’s dann. Da erkennt Blübaum: Wenn Keymer den Turm zieht, gibt es eine kleine, giftige Kombination, einen letzten Trick. Aber Keymer würde das sehen, keine Frage.

Vor dem 54. Zug hat Keymer eine Gewinnstellung. Dann zieht er den Turm nach h7, um den Bauern auf h5 zu gewinnen. Blübaum schlägt mit dem Springer den Bauern auf g3, deckt den Bauern auf h5. Keymer kann nur mit dem König wiedernehmen, da der Bauer auf f2 gefesselt ist. Dann gibt der schwarze Turm Schach auf d3 und gewinnt den weißen Springer. Die resultierende Stellung ist remis – Blübaum rettet sich. © lichess.org

Keymer sieht es nicht. Die Nerven. Er zieht den Turm, zack, Blübaum schlägt einen gedeckten Bauern mit dem Springer, der König muss wiedernehmen, dann ein Turmschach, und der weiße Springer fällt: Die Partie ist nicht mehr zu gewinnen, remis. In einem Moment der Unachtsamkeit torpediert Vincent Keymer jahrelanges Streben und monatelange Vorbereitung durch eine Kombination, der er in jeder Blitzpartie ausgewichen wäre. Es ist bitter, es ist Sport.

Nach dem Remis, das ihn rettete, gab Blübaum ein Video-Interview, in dem er sein Glück noch kaum fassen konnte. „Ich spielte wie ein kompletter Idiot, und ich hätte verlieren sollen.“ Wie er über sich sprach, das erinnerte fast an Robert Hübner. In seiner Selbstkritik steckt natürlich auch die Ambition.

Alle seine Konkurrenten in Samarkand haben ihn unterschätzt, denn alle schauen immer nach oben. Wer in der Rangliste deutlich weiter unten steht, gilt als potenzielles Opfer. Davon hat Blübaum zweifellos profitiert. Jenseits davon hat er sehr gut und solide gespielt, auf höchster Ebene bestanden.

Vincent Keymer kam weniger gut ins Turnier, verlor eine Partie, berappelte sich, punktete, verpasste dann den Sieg gegen Blübaum. Nun hat er noch eine zweite Chance. Ende Oktober startet im indischen Goa das weltgrößte K.-o.-Turnier mit 208 Teilnehmern. Hier kommen die beiden Finalisten ins Kandidatenturnier sowie der Sieger des Spiels um den dritten Platz. Aber dort durchzudringen ist so schwer, da darf man keine Nerven zeigen. Und man muss Glück haben, noch dazu.