Saodat Ismailova im Portikus Frankfurt: Bis der Klimawandel den Aralsee dahinraffte

Selten stolpert man unmittelbar von einer Straße in eine Ausstellung hinein. Doch wenn man die Türen des Portikus an diesem Märztag aufzieht, steht man inmitten einer intimen Szenerie: Ein schwarz ausgekleideter Raum, auf dem Boden liegen Kurpachas, traditionelle usbekische Steppmatratzen, auf denen Be­su­che­r*in­nen liegen und an die Decke starren. Fast wie an einem Strand verweilen die Menschen dicht an dicht beieinander.

Auf einer gigantischen Leinwand läuft an der Decke die titelgebende Filminstallation „When the Water Turns to Winds“ der Künstlerin Saodat Ismailova. Wie aus der Vogelperspektive tastet der Film in verschiedenen Geschwindigkeiten die Konturen einer verkommenen Seelandschaft ab. Sand, Salzkrusten, verrostete Boote und dürre Gewächse zeichnen das Bild einer Vergangenheit: Einst war der Aralsee einer der größten Binnenseen der Erde, doch Umweltkatastrophen und Klimawandel rafften ihn dahin, heute sind 90 Prozent ausgetrocknet.

Die Künstlerin verzichtet in der ersten von zwei Videoarbeiten auf eine sprechende Erzählerstimme und konzentriert sich auf Bild und Sound. Mal mit einer subtilen, mal mit einer ohrenbetäubenden Geräuschkulisse hört man Vogelgezwitscher, Windpfeifen oder Radio. Ismailova wechselt die Anordnung und Blickrichtung der Kamerafahrt von rechts nach links, von oben nach unten und vice versa. Dabei fühlt man sich, als liege man auf einem Boot, das ins Wanken gerät. Im Film nennt man das Achsensprung, ein Stilmittel, das oft eingesetzt wird, um einen Kipppunkt in der Erzählung einzuleiten.

Die Ausstellung

Saodat Ismailova: „When the Water Turns to Wind.“ Portikus Frankfurt am Main, bis 10. Mai

Die Kipppunkte

In Umwelt- und Klimasystemen beschreiben Kipppunkte kritische Schwellenwerte, bei denen sich die Erde irreversibel verändert. Und in gewisser Weise ist der Aralsee genau das. Entlang der Bruchlinien Zentralasiens verschwindet ein Wasserspeicher, der einst den Takt des Lebens angab. Wo Wasser war, ist Dürre, wo Menschen lebten, ist nun eine Art Ghosttown.

Seit Jahren setzt sich Ismailova, 1981 im usbekischen Taschkent geboren, mit der komplexen Geschichte und Kultur der Region auseinander, mit den politischen und sozialen Umbrüchen nach dem Zerfall der Sowjetunion und dessen ökologischen Herausforderungen. Das kulturelle Gedächtnis in Usbekistan oder Kasachstan – beide Länder spielen in der Biografie der Künstlerin eine wichtige Rolle – sei von dem geprägt, was verschwunden ist.

„When the Water Turns to Wind“, 2026, Filmstill



Foto:
Saodat Ismailova; Courtesy die Künstlerin

Zum Beispiel durch die extraktivistische Wasserwirtschaft der Baumwollindustrie, die eng mit sowjetischen und heute russisch-imperialen Entwicklungsprojekten verbunden ist. Seit den 1960er-Jahren wurden die Flüsse Amudarya und Syrdarya systematisch umgeleitet, ein Großteil ihres Wassers wird bis heute für die Landwirtschaft genutzt.

Ismailova gelingt es, dem oft abstrakt verhandelten Thema des Klimawandels eine spürbare emotionale Dimension zu verleihen. Ihre Bilder sind poetisch, die Natur erscheint darauf als berauschend schön. Wenn etwa auf der Projektion an der Decke ein Sonnenuntergang über dem glitzerndem Wasser des Aralsees auftaucht, der Horizont pfirsichfarben. Das ist eigentlich ein Augenblick, an dem die Be­su­che­r*in­nen ihre Handys zücken und Fotos machen.

Eine zehn Zentimeter dicke Eisschicht

In dem dokumentarischen Film „Aral“ im oberen Stockwerk bringt Ismailova einem die Menschen nahe, die noch am Aralsee leben. Aufnahmen von einer eisigen Winterlandschaft, in deren kargen Nichts zwei Männer auf Fischfang gehen. Ihr Vorhaben ist lebensgefährlich, sie müssen eine etwa zehn Zentimeter dicke Eisschicht aufbrechen und riskieren, ins Wasser zu fallen und zu erfrieren. Und das alles für vielleicht sieben Fische. Trotzdem schwärmt im Film die ältere Generation noch vom Wasser, während die junge ihr kaum glauben mag.

Man verlässt den Portikus anders, als man ihn betreten hat, nachdenklich, melancholisch, fast traurig. Der Portikus ist selbst von Wasser umgeben, er liegt auf einer Insel im Main. Ismailova verschränkt unsere Lebenswirklichkeit mit jener der Menschen am Aralsee und macht deutlich, dass das Thema Wasser uns alle betrifft.