Das alte Finanzamt liegt am Ufer der Saar. Erbaut 1952, sieht es aus wie die Nachkriegszeit: schlicht und grau. Weil damals Baustoffe fehlten, sind die Wände und Decken dünn. Nicht geeignet für Aktenberge, Einsturzgefahr. Das war einer der Gründe, wieso die Steuerbeamten vor vier Jahren auszogen. Seitdem steht das Verwaltungsgebäude in der Saarbrücker Innenstadt leer. Um es zu sanieren, fehle dem Saarland auf absehbare Zeit das Geld, heißt es von der Landesregierung.
Vielleicht waren deshalb manche in der Stadt erleichtert, als im Frühjahr bekannt wurde, dass ein Investor das Gebäude abreißen und ein neues an Ort und Stelle errichten sollte. Wie genau das aussehen sollte, das ließ die Ausschreibung offen. „Hässlicher als dieser triste graue Koloss kann es ja eigentlich nicht werden“, schrieb die „Saarbrücker Zeitung“. Nur: Das Finanzamt steht unter Denkmalschutz.
Markus Otto kämpft seit Jahren für den grauen Koloss. Er will, dass die Saarbrücker verstehen, was auf dem Spiel steht. Der emeritierte Architekturprofessor steht vor Bauzäunen, die Neugierige vom Gelände fernhalten sollen. Die Sträucher wuchern, ein Fuchs huscht über den Hof. Auch Otto hält das Finanzamt nicht unbedingt für eine Schönheit. Aber Schönheit allein ist für ihn kein Kriterium für das, was als erhaltenswert gilt.
Er spricht von dem, wofür das Verwaltungsgebäude bei seiner Errichtung stand: für eine Abkehr von der klassizistischen und autoritären Bauweise der Nationalsozialisten und für eine neue sachliche Architektursprache der frühen Bundesrepublik. Und: Es war das erste öffentliche Gebäude seiner Art in Saarbrücken.
Eine Vergangenheit, die das Saarland hinter sich lassen wollte
Aus seiner Tasche holt Otto einen Bildband hervor, blättert und deutet auf ein Foto aus den frühen Fünfzigern: In einer fast vollständig zerstörten Stadt sticht das Verwaltungsgebäude heraus. Es sei der Versuch der französischen Militärregierung gewesen, die Saarländer „auch mit den Mitteln der Architektur zur Demokratie zu erziehen“, sagt Otto. Ein Finanzamt als Ort der Demokratiegeschichte? Otto lächelt, so abwegig findet er das nicht.
Vor fast 40 Jahren führte er schon einmal einen ganz ähnlichen Kampf. Damals war er ein junger Architekt und engagierte sich in einer Bürgerinitiative für den Erhalt der Völklinger Hütte, nur rund 15 Kilometer entfernt von der Saarbrücker Innenstadt. Die gigantische Industrieanlage, die aus Stahlöfen und Eisenwerken bestand, 260 Hektar groß, sollte abgerissen werden.
Die Kosten für den Erhalt schienen, wie heute beim Finanzamt, viel zu hoch zu sein. Gleichzeitig wollten viele den Wert des Komplexes nicht erkennen. Das Industriegelände stand für eine Vergangenheit, die das Saarland hinter sich lassen wollte. Otto, geboren im Saarland, Sohn eines Bergbauingenieurs, sah das anders.

Es gab viele Hütten, aber die in Völklingen stach architektonisch immer hervor. Otto und seine Mitstreiter begannen Konzerte auf dem Gelände zu veranstalten, um den Bürgern von Völklingen seinen Stellenwert vor Augen zu führen. Damit erreichten sie aber nur einen kleinen Teil der Stadtgesellschaft. Einen Unterschied machten erst Führungen durch das Gelände. An einem Wochenende kamen mehr als 3000 Interessierte. Bergleute zeigten ihren Familien, wo sie bis vor ein paar Jahren malocht hatten. Viele waren gerührt.
Zwar stand der Industriekomplex schon 1986 unter Denkmalschutz, aber es dauerte weitere acht Jahre, bis sein Erhalt gesichert war. Die Völklinger Hütte kam als erstes Industriedenkmal auf die Liste des Weltkulturerbes – neben Schlössern und Kathedralen. Heute ist sie ein Museum, Ort für Wanderausstellungen, Spielort für Theater und Musik – und bekannter als die Kleinstadt Völklingen selbst. Als Otto davon erzählt, wird klar, was er meint: Den Wert eines Gebäudes sollte man nicht allein an zeitgenössischen Geschmacksfragen und der Haushaltslage festmachen.
Ein Musterexemplar des Brutalismus
Am Stadtrand von Saarbrücken liegt die Universität des Saarlandes. In der Mensa herrscht Hochbetrieb, es ist Mittagszeit. Auch wenn im ersten Stock im Sekundentakt Mahlzeiten ausgegeben werden, reicht die Schlange bis zur Treppe. Durch die vielen Fenster ist es hell, die meterhohen Decken machen den Speisesaal großzügig, aber es ist auch ganz schön laut. Geometrische, bunte Skulpturen schweben über den Studenten, die an Metalltischen ihr Essen einnehmen. Das Gebäude strahlt an manchen Stellen die Modernität eines Science-Fiction-Films der Siebziger aus.
An anderen sieht man, wie sehr es in die Jahre gekommen ist. Ein Baugerüst steht am Eingang, Netze sollen dort Gebäudeteile auffangen, falls sie sich lösen. Der Architekt Walter Schrempf arbeitete für den Entwurf der Mensa mit dem Künstler Otto Herbert Hajek zusammen, der die Skulpturen gestaltete. Die 1970 eröffnete Mensa symbolisierte den Anspruch der noch jungen Universität des Saarlandes, erhielt Architekturpreise, steht heute unter Denkmalschutz – und ist ebenfalls vom Abriss bedroht.

Fachleute rühmen das Gebäude als Musterexemplar des Brutalismus. Mit dem Begriff hatte der Architekt Schrempf immer Schwierigkeiten, erzählt seine Tochter Mona Schrempf, die sich für den Erhalt der Mensa einsetzt. Schrempf verweist auf den französischen Ursprung des Begriffs, der sich verselbstständigte: „Beton brute“ meinte den unverputzten, rohen Sichtbeton, die Reinheit des Materials. Der kahle Beton von innen und außen dominiert das Bild der Mensa.

Und dieser Beton ist die große Herausforderung bei der Sanierung des Gebäudes. Der Baudezernent der Universität, Dominikus Tiator, deutet auf die Stellen, an denen der Beton aufgeplatzt ist. Die Reparatur gilt als anspruchsvoll und teuer. Eigentlich, so Tiator, müsste die gesamte Fläche erneuert werden.
Energetisch dämmen lassen sich die schmalen Wände der Mensa nicht, sonst würde der Charakter des Gebäudes zu stark verändert. Das Studierendenwerk ächzt unter hohen Energiekosten, die bei rund einer halben Million Euro im Jahr liegen. Mona Schrempf verweist darauf, dass man zunächst die Fenster und das Dach isolieren solle. Wenn man noch eine Wärmepumpe einbaue, dürften die Heizkosten erheblich sinken. Schrempf stört, dass an ein Baudenkmal die gleichen Ansprüche gestellt werden wie an ein modernes Passivhaus.
Je teurer eine Sanierung, desto attraktiver der Neubau
Dabei ist man sich an der Universität durchaus der Bedeutung der Mensa bewusst. Baudezernent Tiator spricht von einem „begehbaren Kunstwerk“. Die Universität will das Gebäude erhalten – aber die Kosten dafür sind hoch. Da sind etwa die pyramidenförmigen Lampen im Eingangsbereich, mehr als einen halben Meter mal einen halben Meter sind sie groß. Es sind Sonderanfertigungen, die laut Studierendenwerk in der Neuanschaffung schätzungsweise 40.000 Euro pro Stück kosten.
Weil sie im jetzigen Zustand keine Freigabe durch die Bauprüfung bekommen haben, hängt eine Notbeleuchtung aus LED-Lampen daneben. Ein Provisorium. Um heutigen Brandschutzanforderungen zu genügen, sind im gesamten Mensagebäude 619 Brandmelder installiert. Das ist notwendig, weil das Gebäude so viele verschachtelte Kassettendecken hat. Die regelmäßige Wartung verschlingt viel Geld.

Lange Zeit hat man wenig in den Erhalt des Gebäudes investiert. Die Sanierungskosten sind hoch, 2022 wurden sie auf 20 Millionen Euro geschätzt. Angesichts von Preissteigerungen dürfte die Summe heute noch deutlich höher liegen. Genaue Zahlen wollen Tiator und das Studierendenwerk nicht nennen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass hohe Summen jenen als Argument dienen, die in der Mensa immer schon einen hässlichen Betonklotz gesehen haben. Je teurer eine Sanierung, desto attraktiver der Neubau. Auch wenn die Stiftung Denkmalschutz bereits eindringlich vor der Zerstörung des kulturellen Erbes warnte.
„Das Saarland hat bis 1945 Hunderte Jahre Krieg hinter sich“
An der Universität rechnet man nicht mit einer schnellen Entscheidung. Das Land hat erst kürzlich Geld für die Sanierung eines anderen historischen Gebäudes lockergemacht. Zehn Millionen Euro sollen in die ehemalige französische Botschaft fließen, die der Architekt Georges-Henri Pingusson entworfen hat – nur ein Bruchteil dessen, was wirklich notwendig wäre. Geschätzt werden die Kosten auf bis zu 80 Millionen Euro.
Von einer „Beruhigungspille“ spricht die CDU-Opposition und wirft der SPD-Landesregierung vor, keine klare Strategie zu haben. Sie agiere planlos und unseriös. Obwohl der Denkmalschutz Verfassungsrang habe, werde geltendes Recht nicht beachtet, sagt die kulturpolitische Sprecherin Jutta Schmitt-Lang.

Der Pingusson-Bau steht für eine besondere Epoche: Bis Ende der Fünfzigerjahre war das Saarland teilautonom, es gab Überlegungen, europäische Behörden in Saarbrücken anzusiedeln. Die riesige Botschaft der Franzosen galt als Bekenntnis zu dem kleinen Land, als Handreichung.
Nachdem sich die Saarländer beim Saar-Statut 1954 aber dafür entschieden hatten, zu Deutschland zu gehören, hatte man keine Verwendung mehr für die Botschaft. Über Jahrzehnte residierte in dem Komplex das Bildungsministerium, bis es auch hier statische Bedenken und einen Sanierungsstau gab. Der kahle weiße Büroturm, der zum Ensemble gehört, „langer Hans“ genannt, ist unter Saarbrückern wenig beliebt.
Der Denkmalschützer Markus Otto glaubt, dass die Saarländer eine besondere Haltung zu Denkmalen haben. „Das Saarland hat bis 1945 Hunderte Jahre Krieg hinter sich“, sagt er. Der Grund dafür waren vor allem die Kohle- und Eisenerzvorkommen. „Die Geschichte des Landes ist geprägt von Zerstörung und Neuaufbau.“ Als Ausdruck dessen sieht Otto, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Schlossmauer an der Saar zugunsten einer Autobahn quer durch Saarbrücken abgerissen wurde. Otto unterstellt den Saarländern fehlendes Bewusstsein für den Erhalt ihres kulturellen Erbes.
Der Abriss des Finanzamtes ist im Herbst gescheitert. Es fand sich kein Interessent für den Abriss und Neubau. Ein Investor teilte mit, es sei aus seiner Sicht wirtschaftlicher, den Bau aus den Fünfzigern für eine heutige Nutzung instand zu setzen. Diese Option hatte die Landesregierung ausgeschlossen. Nun soll es eine neue, ergebnisoffene Ausschreibung geben. Markus Otto hat noch Hoffnung.
