
Es kann nur eine Verschwörung sein, eine der übelsten Sorte. Erst wollen sie die Menschen im Publikum nicht erkennen, und dann planen auch noch ihre eigenen Kinder, sie irgendwohin abzuschieben.
Dabei war sie, die Mutter (Gaby Pochert), doch früher eine begabte, souveräne Tänzerin, die auch jetzt im Alter keinerlei Hilfe bedürfe. Selbst ist die Frau, immer noch, und nimmt sich kurzerhand ein Metronom als Sexspielzeug. Aber auch das verspricht wenig Freude. Besser erscheint es ihr, einem ihrer Söhne wie im Wahn in die Lippen zu beißen.
Diese verrückte Szene klingt nach hartem Tobak und entspringt doch in ähnlicher Weise dem Alltag vieler Menschen. Gemeint sind Demenzerkrankte und deren Angehörige, denen Anna-Elisabeth Frick mit „Lethe – ein Abend verlorener Erinnerungen“ eine so groteske wie liebevolle Uraufführung am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken widmet.
Komplex, ehrlich und ungetrübt
Fricks Blick auf das komplexe Thema ist ehrlich und ungetrübt. Bestreiten lässt sich daher diese Tatsache nicht: Die erwähnte Frau, die Intrigen um sich herum wittert, verfügt zwar noch über ein lautes Organ, aber ihr Geist und ihre Orientierung sind bereits schwach geworden.
Ohne Schuhe verlässt sie die Wohnung und wandert durch die Nacht. Nur was kann man bei derart tragischen Umständen unternehmen? Die Familienmitglieder, die im Laufe des Abends immer wieder ihre Rollen wechseln, verfolgen eine doppelte Strategie: einerseits Zuhören, andererseits das retten, was an Erinnerungen verloren zu gehen droht.
Die gesteigerte Variante zeigt sich indessen bei einem Vater (Sébastien Jacobi). Als er durch die Wohnungstür hereinkommt, erkennt er kaum noch seine Kinder. Stattdessen wähnt er sich als Dirigent, der alle Anwesenden als faule Orchestermitglieder anbrüllt.
Chaos im Kopf
Dass solche eine Szene Disruptionen erfordert, liegt auf der Hand. Fricke wählt dafür ein Durcheinander von Instrumenten als irren Hintergrundsound. So könnte sich also Chaos im Kopf anhören. Es steigert sich, je aggressiver der Demenzkranke wird, bis er erschöpft in sich zusammenfällt. Dann treten seine Frau und Kinder zärtlich an ihn heran und decken ihn zu, während er mittlerweile den Tränen nahe klagt: „Ich will doch nur nach Hause.“
Es ist genau jene Mischung aus aufgedrehtem und schrillstem Dada und wenigen Augenblicken eines melancholischen Innehaltens, die Fricks Inszenierung Virtuosität und Wärme verleihen. Für manche mag verblüffend sein, über diese ernste Thematik Witze zu machen. Darf man lachen, wenn jemand einen Telefonhörer auf der Bühne zum Blumengießen nutzen will? Ja, und die Zuschauer:innen tun es mit sichtlichem Genuss, eben weil der Gedächtnisverlust nicht nur ein trauriges Schicksal mit sich bringt. Die Absurdität birgt auch im echten Leben Komik und schafft einen eigenen Erzählraum mit teils surrealer Anmutung.
Letztere überträgt sich ebenfalls in der von Martha Pinsker entworfenen Kulisse. Wir blicken auf eine große Regalwand, darin: Beethovenbüsten und Imitationen berühmter Skulpturen. Auch asiatische Winkekatzen und ein Spielzeugklavier dürfen nicht fehlen. Überhaupt knüpfen viele Requisiten an die Kindheit und eine Puppenstube an. Vor der zumindest zu Beginn noch aufgeräumten Wand befinden sich auch weiße Tierfiguren wie ein Krokodil oder ein Schaf. Dazwischen allerlei Scherben.
Mythologischer Strom
Indem die Bühne bis zum Ende des Stücks mehr und mehr in Unordnung versinkt, spiegelt sie die Auflösung der Identität der Protagonist:innen wider. Wie der Titel verrät, haben sie längst vom Wasser des Vergessens, dem mythologischen Strom Lethe, getrunken. Als spätmodernes, ironisches Sinnbild ist er sogar sichtbar: als Getränkeautomat.
Wenn er sich in der Abschlussszene zur Mitte der Bühne bewegt und eine Computerstimme zu hören ist, werden wir der wenig einladenden Zukunft des Pflegesystems gewahr. Für die Alten, so diese dystopische Zuspitzung, auf die der Vater noch mit passenden Zitaten aus Franz Kafkas „Der Prozess“ reagiert, sorgt dann nur noch die Künstliche Intelligenz.
Zugegeben, eines vermisst man an diesem bildstarken Abend schon. Denken wir an die intensive Auseinandersetzung mit Demenz in der Gegenwartsliteratur, wie etwa bei Arno Geiger, Ron Segal oder Walter Jens, so eröffnet Frickes Inszenierung keine Meta-Perspektive. Ihrem Werk wohnt weder eine philosophische noch eine politische Dimension inne.
Trotzdem überzeugt es mit Bravour. Denn die Regie übersetzt das schwierige Los der Betroffenen in wildes, flippiges Theater, das zumindest für die Spanne eines Abends einen Ausbruch aus einer ansonsten leider unumkehrbaren Realität ermöglicht.