Im Vorfeld der 61. Ausgabe der Venedig-Kunstbiennale sind erhitzte Diskussionen um die Wiedereröffnung des Russischen Pavillons in den Giardini entbrannt. Der Präsident der Fondazione La Biennale di Venezia, Pietrangelo Buttafuoco, sagte, die Schau solle eine „kulturelle Waffenruhe“ in einer von Konflikten geprägten Welt ermöglichen.
Gegenwind kam hingegen von der Ukraine und aus der EU, die mit der Streichung von Geldern drohte, aber auch von der italienischen Regierung. Vor vier Jahren hatte das damalige künstlerische Team des russischen Pavillons seine Teilnahme wenige Tage nach Beginn der Invasion in die Ukraine aus Protest gegen diese abgesagt.
Der in Berlin lebende Künstler Vadim Zakharov, der 2013 selbst den Pavillon bespielt hatte, verurteilte nun mit einem Protestplakat in den Händen den Kreml: „Ich stehe hier vor dem russischen Pavillon, um mich gegen den Krieg und gegen die kulturellen Verbindungen der russischen Regierung auszusprechen.“
Vor zwei Jahren überließ Russland vor dem Hintergrund eines lukrativen Lithium-Deals seinen Pavillon Bolivien. Die bolivianische Ministerin für „Kulturen, Dekolonisation und Depatriachalisierung“, Esperanza Guevara sparte in ihrem Dank an Russland den Krieg in der Ukraine aus.
Eine pseudo-dekoloniale Linie
Diese pseudo-dekoloniale Linie wird wohl nun eine Fortsetzung finden. Mit dem Projekt „The Tree is rooted in the Sky“ soll im Inneren des russischen Pavillons während der Voreröffnung für die Presse und internationalen Kunst-VIPs vom 6. bis 8. Mai „ein echtes Musikfestival zum Leben erwachen“.
Mitwirken werden 38 Musiker:innen aus verschiedenen Regionen Russlands sowie aus Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko. Durch die Begegnung verschiedener Kulturen will das Projekt laut Beschreibung „einen Raum für Dialog und Austausch schaffen und das Gefühl einer internationalen Gemeinschaft stärken“. Wahrhaft zynisch in Zeiten, da der Kreml einen imperialen Angriffskrieg führt und zugleich überproportional viele Angehörige indigener Völker und Minderheiten Russlands an der Front verheizt.
Viele Kritiker zeigen sich empört. Andere sehen die Teilnahme Russlands gelassen. So auch Hanno Rauterberg in Die Zeit. Generell sei das Länderkonzept der Biennale nationalistisch, was man durch einen Ausschluss russischer Künstler wegen des falschen Passes nur verstärken würde. Wenn man mit schweren Menschenrechtsverstößen gegen einen Russischen Pavillon argumentiere, müsse man zudem konsequenterweise Saudi-Arabien, China und womöglich auch die USA ausschließen.
Anastasiia Karneeva, die Beauftragte des russischen Pavillons, ist die Tochter des stellvertretenden Direktors des größten Rüstungsunternehmens des Landes
Rauterbergs Kommentar begibt sich auf eine Ebene des Grundsätzlichen, ohne sich mit der konkreten Problematik der staatlichen russischen Kulturpolitik auseinanderzusetzen. Insofern verfehlt er das Thema.
Russland führt den größten Krieg auf dem europäischen Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg. Es hat zahlreiche Kulturgüter in der Ukraine unwiederbringlich zerstört oder geplündert. Gleichzeitig führt es gegen Deutschland und andere Staaten in Europa einen hybriden Krieg – mit Desinformation, Anschlägen und Spionage.
Ziel ist es, die Gesellschaften zu spalten und die Unterstützung der Ukraine zu unterbinden. Auch die Kunst ist eines der Instrumente im hybriden Krieg. Wenn Michail Piotrowski, Putin-Anhänger und Direktor der Staatlichen Eremitage, russische Ausstellungen im Ausland als „kulturelle Spezialoperation“ bezeichnet – in Anlehnung an die „militärische Spezialoperation“, wie der Kreml seinen Angriffskrieg nennt – sollte man ihn beim Wort nehmen.
Es geht aus Sicht des russischen Staates keineswegs darum, mit Kunst „über alle Gegensätze hinweg ins Gespräch zu kommen“, wie Rauterberg naiv das Ideal internationaler Kunstschauen formuliert. Es geht um Propaganda.
Die männliche Pflicht vor der Heimat
Mit Subversion im russischen Pavillon, auf die er hofft, ist mit Blick auf die Teilnehmer nicht zu rechnen: Das Folk-Ensemble Toloka etwa, das auch gerne in kremltreuen Medien auftritt, hat vor wenigen Monaten sein Mitglied Prochor feierlich zum Dienst in die russische Armee verabschiedet.
Dort werde er der „männlichen Pflicht vor der Heimat“ nachkommen, wie es auf dem Instagram-Kanal des Ensembles heißt. Anastasiia Karneeva, die Beauftragte des russischen Pavillons, ist die Tochter von Nikolay Volobuyev, dem stellvertretenden Direktor des größten Rüstungsunternehmens des Landes Rostec.
Im Jahr 2016 hatte Karneeva ihr Ausstellungsunternehmen Smart Art zusammen mit Ekaterina Vinokurova, der Tochter des Außenministers Sergej Lawrow, gegründet.
Protest von Pussy Riot
Diese Verbindungen sind kein Zufall: Der russische Staat funktioniert wie ein Mafiaclan, in dem Loyalität durch Freundschafts- und Verwandtschaftsverhältnisse abgesichert wird.
Indes haben die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot eine Protestaktion angekündigt – wie sie sprechen sich viele russische Künstler im Exil gegen die Wiedereröffnung des russischen Pavillons aus.
