Rosige Zeiten: Der florale Liebesbeweis – und was dabei schiefgehen kann – Gesellschaft

Sieht man einen Strauß Rosen im öffentlichen Raum, kann dies zweierlei bedeuten: Es ist Valentinstag. Oder gleich hält einem ein Rosenverkäufer seine mobile Auslage unter die Nase. In München begegnet einem dieser Tage jedoch auch Dieter Reiter mit der Blume aller Blumen in der Hand – auch wenn er einem vermutlich weder seine ewige Liebe offenbaren noch damit sein Gehalt aufbessern will. Vielmehr versucht der amtierende Oberbürgermeister kurz vor der Stichwahl, Vertrauen zurückzugewinnen, das er wegen nicht genehmigter Nebentätigkeiten beim FC Bayern zuvor verspielt hatte.

Dafür setzt er auf die Rose, einige Hundert Stück hat Reiter in den vergangenen Tagen bereits an potenzielle Wählerinnen und Wähler auf der Straße verschenkt. Die Blume soll jetzt mehr als hundert Worte sagen. Deutlich mehr also, als der Oberbürgermeister in seiner Entschuldigung in dieser Angelegenheit in sich finden konnte.

Gewiss wissen die jüngst vom Münchner Rosenkavalier Beschenkten längst, dass die Blume seit den 1880er-Jahren ein Zeichen für den Sozialismus weltweit ist. Dass im Jahr 2025 mehr als 1,28 Milliarden frische Rosen nach Deutschland importiert wurden, dürfte mit den Sozialdemokraten hierzulande allerdings wenig zu tun haben. Wäre auch ein Wagnis, immerhin steht die Rose nicht nur für die Liebe, sondern ebenso für Vergänglichkeit.

Reiters florale Wahl ist mutig, denn die Rose hat ein Imageproblem. Weil sie zu den Verpflichtungsklassikern am Hochzeits- oder Valentinstag gehört und als universelles Symbol für ein schnelles „Tschuldigung Schatz, ich habe Mist gebaut“, ist sie als Geschenk ziemlich erwartbar. Zugutekommt ihr nur, dass man sich selbst über den ewig roten Strauß inmitten von weißem Schleierkraut freut, weil synchron mit der Anzahl an Ehejahren auch die Anzahl an Blumengeschenken übers Jahr hinweg schrumpft. Schade nur, dass der Liebesbeweis in der Vase häufig genauso schnell schlappmacht wie rasch dahingesagte Versprechungen in Paarbeziehungen. Ob sich dieses Phänomen gleichermaßen in dritten Amtszeiten von Bürgermeistern zeigt, ist hingegen nicht belegt.

Selbst die Anzahl an Rosen in einem Bouquet spielt eine Rolle. Will man laut Stuttgarter Zeitung um Verzeihung bitten, müssen es schon 15 Stück sein. Wer es ehrlich meint, übergibt gleich zwanzig Rosen; mit einer weiteren signalisiert man Treue und Loyalität. Mit diesen Mengen würde es im Straßenwahlkampf wohl schwierig, aber was macht man nicht alles, wenn man möchte, dass es für einen wie in Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ laufen soll: „Kann mich nicht begnügen, will immer noch siegen.“

Erinnert sei in diesem Sinne an einen Spruch aus dem Poesiealbum, das kurz vor der Stichwahl vielleicht ganz gut zu Dieter Reiter passen könnte: „Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“