Römer: Archäologen bergen nahezu unberührte antike Handelswaren aus einem Schweizer See

Keramiken, Werkzeuge, Schwerter – ein spektakulärer Fund am Grunde eines Schweizer Sees gibt einzigartige Einblicke in die Herausforderungen der römischen Handelswelt des ersten Jahrhunderts. Die Funde erscheinen wie unberührt.

Der Neuenburgersee in der Schweiz hat eine reiche Geschichte. Da wo heute die Stadt Neuchâtel liegt, siedelten bereits früh die Kelten. Der Fundplatz von La Tène an seinem Nordufer gibt der La-Tène-Kultur ihren Namen, welche die jüngere keltische Eisenzeit, etwa vom fünften bis ersten Jahrhundert vor Christus markiert. Auch mit dem Eintreffen der Römer, blieb die Region bedeutsam, wie Funde von Straßen und Gutshöfen am See belegen. Händler tauschten hier Waren.

Der See bot sich dabei als schneller Transportweg an. Doch nicht jede Fuhre erreichte ihr Ziel. Davon zeugt ein beeindruckender Fund am Grund des Neuenburgersees, der am Mittwoch bei einer Pressekonferenz des Kantons Neuenburg vorgestellt wurde.

Vor wenigen Jahren wurde dort eine riesige römische Warenladung entdeckt. Keramikgefäße, Gefäße für Olivenöl aus Spanien, Werkzeuge und Waffen. Es handelt sich um Hunderte Objekte, die sich auch nach gut 2000 Jahren im Wasser noch in einem ausgezeichneten Zustand befinden.

Für die Wissenschaft ist es ein Fund von unschätzbarem Wert. Die gefundenen Gegenstände ermöglichen Forschungen zu frühen Handelsnetzen, technischem Know-how, Keramikwerkstätten oder auch zur Vermarktung von Manufakturwaren.

Bei den Objekten handelt sich großteils um Schalen, Teller, Becher und Schüsseln, die wohl im Schweizer Mittelland hergestellt wurden. Importierte Olivenöl-Gefäße aus Spanien zeugen vom Warentransport über das weite Handelsnetz des Römerreiches. Zudem befanden sich auf dem gesunkenen Schiff Geräte, Werkzeuge, sogar Wagenräder. Die Gegenstände würden als einzigartige Fundstücke von einem entwickelten Transportsystem erzählen, welches Land- und Wasserwege zu Zeiten Roms miteinander verband, hieß es.

Inmitten der Wrackteile wurden zudem Schwerter gefunden. Ein Hinweis, dass es sich um ein ziviles Handelsschiff mit einer militärischen Eskorte handelte. Auf Basis von Kohlenstoffisotopen in Holzproben schätzten Experten den Untergang des Schiffs auf die Zeit zwischen 50 Jahre vor oder nach Christus. Damals durchlief die römische Welt den Wandel von der Republik zum Imperium und Kaiserreich.

Die Fundstücke wurden im November 2024 im klaren Wasser des Sees durch Aufnahmen aus der Luft gesichtet. Drohnen sollten im Auftrag des Amtes für Archäologie des Kantons Neuenburg (OARC) den Zustand der Seegrundfläche und das unter Wasser liegende Kulturerbe überwachen.

Die folgenden Ausgrabungen waren ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Octopus und dem Archäologischen Dienst des Kantons Freiburg unter Leitung des OARC. Die Ergebnisse der Untersuchungen sollen im örtlichen Museum, dem Laténium, präsentiert werden. Bis zur Ausstellung könnte es jedoch noch einige Zeit dauern.

Es wird davon ausgegangen, dass die Objekte für viele Jahrhunderte unter Sedimenten begraben blieben. Dass sie jetzt unter der Oberfläche sichtbar waren, lag wohl an einem der bedeutendsten wasserbaulichen Maßnahmen in der Schweizer Geschichte.

Bei den Juragewässerprojekten im 19. und 20. Jahrhundert sollten künftige Überschwemmungen verhindert und mehrere Seen verbunden werden, um Wasserstände auszugleichen. Dabei wurden vermutlich die oberen Sedimentschichten am Seegrund erodiert und die Objekte aus der Römerzeit freigelegt.

Um sie nun der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, müssen die einzelnen Objekte zunächst einem Prozess der Aufnahme und der konservatorisch-restauratorischen Behandlung unterzogen werden.

Dabei begann man mit den empfindlichsten Gegenständen. Zwar hilft der Einschluss im Wasser, diese vor dem zerstörerischen Einfluss von Sauerstoff zu schützen. Dennoch können Besiedlung durch Muscheln, Anker von Freizeitbooten oder Strömungen ihnen schaden, bis sie vollständig geborgen sind.

lpi