Rodel-Gold für Julia Taubitz: Sie hat den Drachen besiegt – Sport

Um 19.11 Uhr am Dienstagabend stieß sich Julia Taubitz ab im Startbereich. Von da aus ging es direkt in die enge Kurve Sento, dann ins Labyrinth, in die Belvedere, die Antelao, benannt nach einem Gipfel der Dolomiten, hinein in die Cristallo. Weiter und weiter einem ungewissen Ausgang entgegen. Dreimal schon war Taubitz in diesem Einsitzer-Rodelwettbewerb durch die Pista Olimpica Eugenio Monti gerast, einmal mit Bahnrekord. Sie lag auf Platz eins vor dem entscheidenden vierten Lauf mit komfortablen 0,704 Sekunden Vorsprung. Aber was heißt das schon? Noch einmal waren mehr als tausend Meter Bahn zu bewältigen. Und das Eis ist glatt.

Vier Jahre zuvor, bei den Winterspielen von Peking, hatte sie ebenfalls mit Bahnrekord in Führung gelegen, in Yanqing, in einem Eiskanal in Form eines Drachens. Und der Drache biss zu. Taubitz, damals schon dreimalige Weltmeisterin, hohe Favoritin, kam in einer Kurve ins Schlingern und stürzte auf dem Schlitten. Am folgenden Tag trat sie zu den letzten beiden Läufen an und wurde schließlich Siebte. „Im ersten Moment“, hat sie kürzlich noch einmal gesagt, „ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“

Eine nahezu perfekte Fahrt: Taubitz in ihrem vierten Lauf.
Eine nahezu perfekte Fahrt: Taubitz in ihrem vierten Lauf. (Foto: Robert Michael/dpa)

Es fiel ihr schwer, die Tränen, die Enttäuschung, die bittere Erfahrung zu verarbeiten. „Viele, die mich trösten wollten, sagten damals: Ach, in vier Jahren hast du wieder eine Chance! Und ich dachte: Vier Jahre sind eine verdammt lange Zeit.“

Lange, viel länger, als ihr lieb war, hat sie gerungen mit dem Erlebnis und dem Drachen von Yanqing. Aber sie zog einen Mentaltrainer zurate, und als sie in den vergangenen Wochen, vor Beginn der Spiele in Cortina, auf den Sturz angesprochen wurde, sagte sie: „Der gehört inzwischen zu meinem Leben. Jetzt bin ich sogar dankbar dafür, weil ich daraus Stärke ziehen konnte.“ Denn wer immer nur gewinnt, der lerne nicht. „Man braucht Rückschläge, um sich weiterzuentwickeln.“ Natürlich, fügte sie leise an, habe sie immer noch den Traum von der Olympiamedaille.

Und dann schoss sie am Dienstagabend also hinein in die Röhre von Cortina, mit ein paar kräftigen Paddelschlägen. Durch die Kurven Sento, Labirinti, Belvedere, Antelao, Cristallo, Tofana bis ins Ziel. Es war eine nahezu perfekte Fahrt, ohne zu rutschen, ohne zu schlingern an der Ideallinie entlang. Im Ziel hatte sie 0,918 Sekunden Vorsprung auf die zweitplatzierte Lettin Elina Bota. Als sie zum Stehen gekommen war, flossen Tränen. „Ich konnte den Schlitten fliegen, tanzen lassen“, sagte sie nach der Siegerehrung direkt an der Bahn, oberhalb der in der Nacht funkelnden Glitzerlichter des Städtchens Cortina. „Dass es aufgegangen ist, ist Gold wert.“ Da stand sie, die strahlende Drachentöterin aus Annaberg-Buchholz, 29 Jahre alt, noch immer mit Tränen in den Augen.

Dass die Erfahrungen von Peking sie an diesem Abend nicht schreckten, sondern stärkten, bezweifelte sie keine Sekunde. Sie hoffe, auf diese Weise als Vorbild dienen zu können, „dass man auch mit so einem Rückschlag seinem Kindheitstraum erfüllen kann“.

Merle Fräbel bringt im dritten Lauf den Schlitten nicht in die Spur und verliert ihre sicher geglaubte Medaille

Es war ein Trost, gerichtet an ihre junge Teamkollegin Merle Fräbel aus Suhl, mit der sie sich noch am ersten Wettkampftag, am Montag, einen furiosen Zweikampf geliefert hatte. Fräbel, erst 22, hatte in diesem Winter das Rodel-Establishment verblüfft und auch die erfahrene Taubitz in der Eisröhre geschlagen. Schon im ersten internationalen Testrennen auf der neuen Cortina-Bahn Ende November war Fräbel schneller als die Konkurrenz. Und das durfte sie durchaus als Prestigeerfolg werten. Denn dass in Cortina Rodelwettbewerbe stattfinden, ist tatsächlich ein Novum: Der alte, erst vor wenigen Jahren abgerissene und halb verfallenen Eiskanal war nie für Rodeln freigegeben gewesen. Er war eine reine Bobbahn.

Zwei Weltcupsiege in Oberhof hatte die Nachwuchsrodlerin erst im Januar feiern können. Und als die olympische Sause begann, landete sie gleich im ersten Lauf auf Platz eins – mit Bahnrekord und knapp vor Julia Taubitz. Die inzwischen achtmalige Weltmeisterin schlug im zweiten Lauf zurück.

„Sie soll jetzt mal richtig Party machten“: Taubitz jubelt im Ziel.
„Sie soll jetzt mal richtig Party machten“: Taubitz jubelt im Ziel. (Foto: Robert Michael/dpa)

Sie gingen am Dienstag Kopf an Kopf in die beiden Finalläufe. Doch Fräbel konnte gleich am Start den Schlitten nicht in die Spur bringen. Sie touchierte die Bande und stand kurz quer – das verlangsamte die Fahrt so sehr, dass sie es abschließend nur noch auf Platz acht brachte. Anna Berreiter aus Berchtesgaden, die in Peking die Silbermedaille hinter Nathalie Geisenberger gewonnen hatte, kam auf Rang sechs. Das Missgeschick der Kollegin, sagte Taubitz später voller Mitleid, sei ihr nahe gegangen.

Am Abend zog es sie mit den Kollegen, mit Freunden und der Familie zum Deutschen Haus. Ihre treue Anhängerschaft, rund 80 Leute, waren mit einem Reisebus in die Dolomiten gekommen, um sie anzufeuern. „Sie soll jetzt mal richtig Party machten“, sagte Cheftrainer Patric Leitner am Abend, „aber sie soll am Donnerstag wieder fit sein.“ Denn dann steht noch der letzte Rodel-Wettbewerb an, die Teamstaffel mit den Doppelsitzern und Olympiasieger Max Langenhan. Anschließend begibt sich Julia Taubitz selbst auf Reisen: Sie hat mit Freundinnen Tickets organisiert, Unterkünfte gebucht und will zur Olympiatouristin werden: beim Biathlon, Langlauf und Skispringen. Dann geht es nach Livigno, „zu den coolen Sportarten“, wie sie sagt. Drachen besiegen muss sie jetzt nicht mehr.