Seit dem Aufkommen der Graphic Novels im Buchhandel setzen sich Comicschaffende immer häufiger mit literarischen Vorlagen und Überlieferungen auseinander. Adaptionen großer Klassiker boomen geradezu. Von bieder umgesetzten Comic-Versionen etwa der Jane-Austen-Romane bis zur ambitionierten „Faust I“-Adaption von Nele Heaslip nach Goethe im Jaja Verlag, Berlin, ist vieles dabei.
Ebenso sind Comicbiografien berühmter Autorinnen und Autoren en vogue. Wie etwa die in gezeichneter Form erzählten und interpretierten Lebensläufe von Franz Kafka, Virginia Woolf oder Thomas Mann belegen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Vielen dürften sie die Klassiker näherbringen, deren Werke doch vor dem Hintergrund anderer Zeitläufe erschienen sind.
Zwei weitere aktuelle Graphic Novels setzen sich nun auf sehr unterschiedliche Weise mit „großen Schriftstellern“ und deren Werken auseinander: Paul Auster und Rainer Maria Rilke.
Paul Karasik, David Mazzucchelli, Lorenzo Mattotti: „Paul Auster – New-York-Trilogie“. Graphic Novel, Dt. v. Joachim A. Frank. Reprodukt Verlag, Berlin 2025, 400 Seiten, s/w, Hardcover, 29 Euro
Melanie Garanin: „Mein Freund Rilke“. Carlsen Verlag, Hamburg 2025, 192 Seiten, Hardcover, 26 Euro
Die junge Ellen auf der Spur des alten Meisters
Die 1972 geborene Berliner Künstlerin Melanie Garanin („Nils – Von Tod und Wut. Und von Mut“, Carlsen Verlag, 2020) hat dem vor 150 Jahren geborenen Dichter Rainer Maria Rilke in ihrer Graphic Novel „Mein Freund Rilke“ eine pointierte Hommage gewidmet. Der 1875 im tschechischen Prag (damals Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn) geborene und 1926 in der Schweiz gestorbene Lyriker gilt bis heute als einer der wichtigsten deutschsprachigen Poeten der literarischen Moderne.
Melanie Garanins Graphic Novel handelt von der Journalistin Ellen, die den Auftrag bekommt, etwas über den berühmten Rilke zu schreiben. Eher lustlos, um ihre Pflicht zu erfüllen, reist ihre Ellen deswegen nach Worpswede. Dort, wo der junge Dichter einige Zeit verbracht hat, besucht sie eine Veranstaltung der Rilke-Gesellschaft.
Gerade, als sie sich von dem als öde wahrgenommenen Event davonstehlen will, stößt sie mit einem seltsamen Mann mit Schnauzer zusammen. Und wie es der Zufall will, ergibt sich mit dem Herrn unverhofft ein angeregtes Gespräch. Durch die vielen Rilke-Zitate des altmodisch gekleideten Mannes angeregt, entwickelt die Journalistin immer mehr Interesse für den Dichterkönig. Sie recherchiert über dessen Lebenswege und reist zu weiteren wichtigen Stationen von Rilkes Leben, nach Paris und in die Schweiz.
Dabei sind die Leserinnen und Leser der etwas verträumten, sympathisch-schusseligen Heldin einen guten Schritt voraus. Denn sie können sofort erkennen, dass der kuriose Herr, dem Ellen in Paris wiederbegegnet, niemand anders als Rilke selbst ist. Ob es ein Geist, Wiedergänger oder ein materialisierter Traum ist, bleibt offen. Doch kommt eine stürmisch-absurde Amour fou in Gang.
Originelle Idee
Melanie Garanin hat einen originellen Ansatz gefunden, um ihren Lieblingsdichter Rainer Maria Rilke der heutigen Leserschaft nahezubringen. Die pfiffigen Zeichnungen sind locker arrangiert, kommen meist ohne Panelrahmen aus und setzen auf Situationskomik.
Melanie Garanins Graphic Novel handelt von der Journalistin Ellen, die den Auftrag bekommt, etwas über Rilke zu schreiben
Foto:
Melanie Garanin/Carlsen
Der sanft karikierende Stil der Zeichnerin und die freundlichen Aquarellfarben passen gut zum Genre der selbstironischen Romanze, in der sich Fantasie und Realität immer wieder aufs Komischste ins Gehege kommen.
Mit zahlreichen Verweisen auf Rilkes Biografie und wichtige Werke ist „Mein Freund Rilke“ nicht nur unterhaltsam, sondern auch bestens zum Einstieg in dessen Welt und Sprache geeignet.
Austers Geist und Doppelgänger
Eine deutlich düsterere Stimmung geht von der (gut 400 Seiten umfassenden!) Adaption eines Klassikers der jüngeren zeitgenössischen Literatur aus. Paul Austers „New-York-Trilogie“ haben sich gleich drei Comiczeichner angenommen. Austers zwischen 1985 und 1986 entstandene Romanzyklus gilt heute als Klassiker der Postmoderne und als Hauptwerk des amerikanischen Autors (1947–2024).
Paul Auster selbst hat in ihnen zahlreiche Literaturanspielungen eingebaut – von Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“ über Henry David Thoreaus „Walden“ bis zu Nathaniel Hawthorne. Der Trilogie liegt zudem das klassische Genre des Detektivromans zugrunde, das aber zugleich dekonstruiert wird. Schon 2004 erschien die Comicadaption des ersten Bandes der Trilogie „Stadt aus Glas“ von Paul Karasik und David Mazzucchelli in einer englischsprachigen Ausgabe, zu der der amerikanische Comic-Künstler Art Spiegelman („Maus“) den Anstoß gab.
Diese erste Adaption gilt weiterhin als gelungene Übertragung in die Comicform, da sie Austers verschachtelte, doppelbödige Erzählstruktur nicht einfach illustriert, sondern auf jeder Seite grafisch eigenständig interpretiert und so dieser eine weitere Ebene hinzufügt.
„Stadt aus Glas“ handelt vom Krimiautor Quinn, der für einen Privatdetektiv namens Paul Auster gehalten wird. Aus Neugier schlüpft er in die Rolle des Detektivs, der einen alten Mann mit vermeintlich üblen Absichten überwachen soll. Dabei entgleitet ihm zunehmend die eigene Identität.
Dunkler Mahlstrom und Rollenspiel
David Mazzucchellis Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind klar und atmosphärisch stark zugleich. Wie die Hauptfigur gerät auch der Rezipient in einen dunklen Lese-Mahlstrom, dem er sich schwer entziehen kann. Paul Karasik, selbst Cartoonist und Comiczeichner (u. a. für den „New Yorker“), kannte Paul Auster persönlich und schrieb das Szenario dieses ersten Bandes.
Zu den beiden nun zusätzlich erschienenen Folgebänden (und mit dem ersten Teil in einem Buch zusammengefasst) hat er nun wiederum das Szenario verfasst und den Abschlussteil selbst gezeichnet.
Der Italiener Lorenzo Mattotti übernahm die zeichnerische Umsetzung des zweiten Romanteils „Schlagschatten“ und entschied sich dabei für einen eher klassischen Illustrationsstil. „Schlagschatten“ handelt vom Privatdetektiv Blue, der von Mr. White den Auftrag bekommt, einen Mann namens Black zu beschatten. Die Handlung entwickelt sich noch dichter und klaustrophobischer als bereits im ersten Band.
Blue löst sich von seinem Selbst ab, schlüpft in verschiedene Rollen, um Black kennenzulernen, und sieht sich in einer Art Verschwörung gefangen.
Surreale Perspektiven
Lorenzo Mattottis meisterhafte Schwarz-Weiß-Zeichnungen fügen der Story immer wieder surreale Perspektiven hinzu. Meist beschränkt er sich auf ein Bild pro Seite, der Text ist separat gesetzt. Doch immer wieder wird das Format auch aufgebrochen, in Comic-Panels unterteilt und sparsam mit Sprechblasen versehen.
Insgesamt gelingt so eine tiefgründige, philosophische Studie des existenziellen Daseins des Einzelnen, umgeben von einer inhumanen, feindlich gesinnten Masse. Die Form der Comics vermag auch hier der Romanerzählung neue Facetten hinzufügen.
Im dritten Teil, „Hinter verschlossenen Türen“, bei Paul Karasik geht es im Grunde um gespiegelte Charaktere, diesmal sind es zwei Schriftsteller.
Der geläufigen Meinung, eine Graphic-Novel-Adaption sei schlicht die vereinfachende Version einer ursprünglichen Textvorlagen, kann mittels solcher Beispiele widersprochen werden. Sie muss dem Roman in puncto Komplexität in nichts nachstehen, siehe New-York-Trilogie. Oder sie kann mit fantasie- und humorvollen Ansätzen, siehe „Mein Freund Rilke“, Klassiker biografisch anders deuten und erzählen.
