Rettet den Teilzeit-Lifestyle: Mehr Produktivität, weniger Arbeiten

Das Faulsein ist in Verruf gekommen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendein Manager, Unternehmer oder Politiker die Deutschen zum Fleißigsein aufruft. Bei Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gehört das inzwischen zum Standardrepertoire. Erst geißelte er die „Work-Life-Balance“ als Konjunkturkiller, jetzt ist die „Lifestyle-Teilzeit“ dran. Die lahmende deutsche Wirtschaft, lautet die Botschaft, kann nicht wieder in Schwung kommen, solange alle Welt am liebsten schon um 14 Uhr Feierabend macht und freitags freihat. Des Kanzlers Wille: Streicht Yogakurse und Malstunden, freut euch an der 40-Stunden-Woche!

Die Empörung ist groß – weiß der Kanzler etwa nicht um die familiären Betreuungspflichten, um Krankheiten, Weiterbildungen und böse Teilzeitfallen? Diesen Rufen sei entgegnet, dass all diese Widrigkeiten nicht einmal in der Hälfte der Fälle ein Grund für Teilzeitarbeit sind, wie neue Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Gut zwei Drittel derer, die Angehörige betreuen, taten dies außerdem nicht aus Mangel an Alternativen oder aus Kostengründen, sondern auf eigenen Wunsch. Knapp 28 Prozent der Befragten gaben dagegen explizit einen Wunsch nach Teilzeittätigkeit an, noch mal so viele „sonstige Gründe“.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Das muss aber gar nicht schlimm sein, denn der Wohlstand eines Volkes hängt mitnichten einzig daran, wie viele Arbeitsstunden es wegschrubbt. Die jüngere deutsche Geschichte liefert den Beweis. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland arm. Die Erwerbstätigen schufteten im Durchschnitt etwa doppelt so lang wie heute, überschlägt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe. Reich machte sie das nicht. Denn viele arbeiteten in der Landwirtschaft, auf dem Feld und im Stall, mit wenigen technischen Hilfsmitteln und geringem Ertrag. Bergauf ging es mit der deutschen Wirtschaft erst, als die Feldarbeit mechanisiert wurde und die Landarbeiter in die Autofabriken strömten – nicht um dort mehr, sondern weniger zu arbeiten als vorher. „Die Wirtschaftswunderjahre waren in Deutschland von einem deutlichen Rückgang der Arbeitszeit geprägt“, sagt Plumpe ausgerechnet über jene Ära, die heute gern für ihren angeblichen Bienenfleiß gerühmt wird.

Es kommt noch dicker für die Feinde des Faulseins. Die Zahl der in Deutschland insgesamt geleisteten Arbeitsstunden hat in den vergangenen Jahren, in denen die Teilzeitstelle für immer mehr Leute zur Idealvorstellung wurde, nicht etwa abgenommen. Im Gegenteil. Sie ist dem Institut für Arbeitsmarktforschung zufolge seit Anfang des Jahrtausends, als ein viel größerer Teil der Bevölkerung als heute überhaupt nicht erwerbstätig war, um rund zehn Prozent gestiegen. Der Wohlstand ist trotzdem ins Wanken gekommen.

Die Wahrheit ist: Es kommt nicht so sehr darauf an, ob wir sechs, acht oder zehn Stunden am Tag arbeiten. Sondern darauf, was wir in dieser Zeit zustande bringen. Produktivität nennen die Ökonomen diesen entscheidenden Faktor. Und in der Menschheitsgeschichte war lustvolle Faulheit womöglich ein größerer Produktivitätstreiber als zwanghafter Fleiß. Die Faulen wollen ihre Aufgaben schneller, mit weniger Mühe erledigen. Das macht sie erfinderisch, so kommt der Fortschritt in die Welt. Anders gesagt: Gegen den Teilzeit-Lifestyle ist nichts zu sagen, solange die Produktivität stimmt. Hier kommen fünf Gebote, an die wir uns dafür halten sollten:

1. Die Roboter umarmen

Viele Deutsche haben angebandelt mit der Künstlichen Intelligenz. Sie klagen ChatGPT ihren Liebeskummer, fragen nach dem besten Gulaschrezept und lassen sich beraten, welche Farben ihnen am besten stehen. Helfen könnte die KI auch im Beruf, aber in vielen Betrieben bleibt man lieber beim Altbekannten. So wird die KI erst in jedem vierten Unternehmen genutzt, wie das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhoben hat. Da ist Luft nach oben, meint auch Christian Bruch, der Chef von Siemens Energy. Im Interview mit dieser Zeitung bemängelte er jüngst, die Automatisierung sei in China viel weiter fortgeschritten. „Dort ist der Wille, sich zu verändern, größer.“ Anruf bei Bruchs Kollegen in China. Chen Dong Yi aus der Pressestelle erzählt von einer Fabrik in Shanghai, in der industrielle Schaltanlagen hergestellt werden, schwärmt von einem mehrstöckigen Lager, das vor gut zwei Jahren in Betrieb genommen wurde. Die Komponenten würden automatisiert über mehrere Ebenen nach unten bewegt, von wo aus ein rundlicher Roboter sie selbständig zur Montagelinie bewegt – gerade so, wie es der Produktionsplan gerade vorsieht.

Die Fabrik sei dadurch 30 Prozent effizienter geworden. Nun entsteht ein neuer Bereich, in dem sogar die Montage fast komplett ohne Menschen auskommt. Angeblich ohne Proteste. „Der Wettbewerb ist sehr intensiv, sowohl für chinesische als auch internationale Unternehmen. Das haben die Leute verinnerlicht, vom Management bis zum Arbeiter in der Produktion.“ Die Bedeutung von Effizienz und der ständigen Verbesserung von Prozessen liege in der Mentalität vieler Chinesen.

Genau das hat man den Deutschen auch lange nachgesagt, doch seitdem das vor allem mit digitalen Lösungen einhergeht, scheint der Glanz zu verblassen. „Wir müssen besser darin werden, digitale Veränderung zuzulassen“, sagt der Ökonom Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut. „Heute scheint es vielen Leuten an Offenheit zu fehlen, das ist ein großer Hemmschuh.“

2. Jede Stunde nutzen

Wer am Nachmittag früh Feierabend machen will, darf vormittags nicht endlos in Routine-Meetings sitzen, Powerpoint-Präsentationen verdösen und überflüssige Onlineformulare ausfüllen. Gerade in großen Konzernen haben sich solche Produktivitätskiller breitgemacht. Perfiderweise lässt sich der Arbeitstag mit ihnen recht gemütlich füllen, solange es zwischendurch genug Kaffeepausen gibt. Deshalb ist es unbequem, die Firmenbürokratie zurückzudrängen.

Bei Bayer in Leverkusen versucht es der amerikanische Vorstandschef Bill Anderson seit gut zwei Jahren. Seine Analyse: Etwa die Hälfte der Führungskräfte, die der Konzern bei seinem Amtsantritt beschäftigte, tragen nicht viel bei zur Produktivität des Unternehmens; gleich mehrere Hierarchieebenen sind seitdem gestrichen worden. Ähnlich will es bei der Deutschen Bahn die neue Chefin Evelyn Palla durchziehen. Ob das klappt? Bei Bayer scheint der Plan aufzugehen. Zuletzt kam die Arzneimittelentwicklung dort jedenfalls besser voran als in den Jahren zuvor, in denen insgesamt eher mehr als weniger Arbeitsstunden dafür eingesetzt wurden.

3. Mehr bekommt, wer mehr schafft

Leistung muss sich lohnen – dieser Satz gehört zu den Klassikern im Phrasenrepertoire eines jeden Politikers. Das Steuersystem hat trotzdem noch keiner von ihnen wirklich reformiert. Aber die Chefs könnten selbst etwas tun, um ihre Mitarbeiter zu mehr Leistung zu motivieren: indem sie es finanziell anerkennen, wenn angepackt wird.

Bisher allerdings erhält in Deutschland nur jeder vierte Angestellte eine erfolgsabhängige Vergütung, wie eine Untersuchung des Informationsdienstes der deutschen Wirtschaft (iwd) im vergangenen Jahr gezeigt hat. Das Potential wäre groß, denn die Maßnahme zeigt Wirkung. Demnach sind Mitarbeiter, die Leistungsprämien erhalten, „nicht nur zufriedener mit ihrem Lohn als beispielsweise diejenigen, die Weihnachtsgeld erhalten, sondern auch engagierter im Arbeitsalltag“, schreibt der Autor.

4. Augen auf bei der Stellensuche

Für den Teilzeit-Lifestyle braucht Deutschland möglichst viele Unternehmen, die ihren Beschäftigten ein gutes Gehalt bei überschaubarer Arbeitszeit bieten können. In welchen Wirtschaftszweigen es solche Firmen in Zukunft geben dürfte, können Ökonomen mit einer gewissen Belastbarkeit vorhersagen. Es kommt darauf an, wo Investitionen in neue Geräte, Maschinen und Anlagen die Produktivität überdurchschnittlich steigern.

Die „Wirtschaftsweisen“, von denen die Bundesregierung beraten wird, haben dazu eine Rangliste erstellt. Ganz oben steht die Pharmabranche. Das ist für die deutsche Industriepolitik auch deshalb eine gute Nachricht, weil die Arzneimittelhersteller weder Subventionen fordern noch viel Energie verbrauchen. Es lohnt sich, um sie zu werben. Gerade hat das Pharmaunternehmen Vetter angekündigt, für rund 480 Millionen Euro eine neue Fabrik in Saarlouis zu bauen – genau dort, wo der amerikanische Autohersteller Ford sein Werk dichtmacht. Dort sollen bis zu 2000 neue Jobs entstehen.

5. Kündigen fürs Wachstum

Wenn jeder macht, was er besonders gut kann, und arbeitet, wo er dringend gebraucht wird, dann nützt das der Produktivität in den Unternehmen. Die Deutschen allerdings verharren oft lange in ihren Jobs, sie wechseln nur etwa halb so oft freiwillig den Arbeitgeber wie Amerikaner. Gegen Kündigung sind sie rechtlich ohnehin gut geschützt. Die soziale Sicherheit, die das bietet, ist ein hohes Gut, auch wenn der Arbeitsmarkt dadurch weniger flexibel ist. Umso mehr liegt es an den Beschäftigten selbst, ihre Tatkraft an der richtigen Stelle einzusetzen. Wer der Langeweile im Arbeitsalltag den Kampf ansagt, hilft Deutschland! Trotz der schwächelnden Wirtschaft werden vielerorts noch Leute gesucht, weil so viele Menschen in Rente gehen.

Ein wichtiger Schritt wäre mehr Transparenz darüber, wie viel sich andernorts verdienen lässt, schreiben die Ökonomen Simon Jäger und Enzo Weber diese Woche in der F.A.Z. „Denn Löhne zeigen an, wo Arbeitskraft besonders kostbar ist, weil dort besonders viel erwirtschaftet werden kann.“ Noch fehlt diese Information in vielen Stellenanzeigen. Von Juni an müssen die Unternehmen in Ausschreibungen das Gehalt angeben, so sieht es eine EU-Richtlinie vor. Ein Wechsel ist oft ganz im Interesse der Beschäftigten selbst: Den Arbeitgeber zu wechseln, nützt der Karriere, denn es gibt schlicht mehr Optionen, als wenn man sich nur im eigenen Betrieb umsieht. Wer anderswo mehr erwirtschaftet, kann dort bei gleicher Arbeitszeit tendenziell mehr Geld verdienen. Das lässt sich dann in der Freizeit freudig verprassen. Was für ein Lifestyle!