Mein Sohn, 14, wollte Sneaker, die noch teurer waren als die Sneaker, die er sonst so will. Ich fand, sie waren auch hässlicher. Die Sohle sieht aus, als seien da Sprungfedern dran. Es gab solche Sneaker schon, als ich 14 war, Ende der 1990er Jahre, und mit 14 wollte ich sie auch. Aber meine Eltern lachten mich aus und sagten, so was trügen nur Drogendealer. Ich lachte jetzt auch und sagte, so was trügen nur Drogendealer (obwohl ich die Schuhe neulich sogar in der gesetzestreuen SZ-Redaktionskonferenz gesehen habe). Ich verhielt mich also wie ein richtiger 90s Dad und damit äußerst trendbewusst.
Die Neunziger, ist nämlich zu lesen, sind nicht nur in der Mode, sondern auch in der Erziehung zurück. In Eltern-Blogs und Ratgeber-Accounts dreht sich derzeit vieles um das Phänomen „Retro Parenting“. Soweit ich das verstehe, geht es darum, dass Menschen, die in den Neunzigern Kinder waren und heute Eltern sind, Millennials wie ich, sich danach sehnen, dass ihre Kinder aufwachsen wie sie einst. Also: Ohne Smartphone, ohne Social Media, ohne Playdates – dafür mit Freunden, die man spontan draußen vor der Haustür trifft, oder auch mal mit echter Langeweile und freitags dann ein Filmabend mit der ganzen Familie (Streaming statt VHS ist wohl erlaubt).
Ich habe mir als Vater und Vorbild vorgenommen, nicht mehr so vieles so doof zu finden. Aber wie doof ist das denn bitte? Schön, dass immer mehr ihr Familienleben analoger gestalten wollen (dass sie so viele Reels und Tiktoks zum „Retro Parenting“ veröffentlichen, erscheint mir widersprüchlich, aber egal). Und gerne sollen die Kinder mehr an die frische Luft. Bloß: Was hat das mit den Neunzigern zu tun? Wäre die elterliche Herausforderung nicht, im Jahr 2026 einen neuen, gesunden Umgang mit digitalen Versuchungen und zeitgemäße Alternativen zu vermitteln? Warum landet meine Generation immer bei der Nostalgie? Warum müssen wir immer um uns selbst kreisen?
Außer für die hässlichen Schuhe aus der Zeit interessieren sich meine Kinder jedenfalls nicht für die Neunziger – und zwar zu Recht! Ich gebe zu, dass ich in einsamen Stunden auch schon alte RTL-Werbeblöcke aus meiner Kindheit auf Youtube geschaut habe (das ist dort ein veritabler Markt), auf der Suche nach diesem Spot eines Wurstherstellers, der sich heute vegan gibt, in dem ein sexy mittelalterlicher Reitersmann in eine Metzgerei schreitet und nach ALLEN großen Würsten verlangt. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass in den Neunzigern – so düster die Zeiten heute sind – nicht alles besser war.
Die „Tagesschau“ berichtete über den Jugoslawienkrieg, ich hörte im Kinderzimmer „Rednex“
Während in der „Tagesschau“ über den Völkermord in Ruanda oder den Jugoslawienkrieg berichtet wurde, hörte ich im Kinderzimmer Rednex (dagegen ist der Soundtrack zu „KPop Demon Hunters“, der aus dem Zimmer meiner Jüngsten wummert, E-Musik). In den Bestsellerlisten stand der Erziehungsratgeber „Kinder brauchen Grenzen“ von Jan-Uwe Rogge, der diagnostizierte, dass es für den Nachwuchs eine „Überforderung“ sei, „sich ohne Grenzen selbstverantwortlich in einer unübersichtlichen Welt zurechtzufinden“. Wenn ich die hilflose Vergangenheitsverherrlichung rund ums „Retro Parenting“ betrachte, muss ich sagen: Die überforderten Kinder von damals sind die überforderten Eltern von heute.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
