

Als junge Frau wäre Bianka Rössler selbst gerne zur Bundeswehr gegangen. Doch weil Frauen damals auf wenige Einsatzgebiete wie den Sanitätsdienst beschränkt waren, gab die Rüdesheimerin den Gedanken schnell wieder auf. Heute will die Schiffsführerin und Geschäftsführerin der familieneigenen Binnenreederei Rössler-Linie der Bundeswehr auf andere Weise helfen.
Sie ist mit der Bundeswehr eine „Partnerschaft für Heimatschutz und Gesamtverteidigung“ eingegangen. Ihre vier im Rheingau stationierten Passagierschiffe seien eine „unabhängige, funktionierende Infrastruktur“ und laut Rössler von großem Vorteil für die Bundeswehr, wenn es einmal darauf ankomme, Soldaten oder Material über oder auf dem Rhein zu befördern.
Das sieht der Kommandeur des Bundeswehr-Landeskommandos Hessen, Brigadegeneral Holger Radmann, nicht anders. Die Partnerschaften der Bundeswehr mit Unternehmen wie Rössler seien ein Signal, dass die Streitkräfte Teil der Gesellschaft seien und dass die Verteidigung eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ sei, so der General anlässlich einer Übergabe von Partnerschaftsurkunden an Unternehmen, Behörden und Kommunen der Region.
Auch die Rüdesheimer Bäckerei Dries gehört dazu. Für Unternehmer Stefan Dries stand es „außer Frage“, sich an dieser Aufgabe zu beteiligen und dabei zu sein. Schließlich müssten die Truppen bei der Verlegung versorgt werden, sagt Dries zu den ganz praktischen Fragen der Logistik im Verteidigungsfall: „Da wird Brot gebraucht.“ Auch das Geisenheimer Unternehmen Fritz Werner ist dabei, das der General als „Rüstungsexperten“ lobte.
Rheingauer Rüstungsunternehmen ist Partner
Fritz Werner fertigt seit Jahrzehnten vor allem Maschinen und Ausrüstung für die Produktion von Munition und Waffen. Partner ist zudem die Rheingauer Volksbank, die auch dann die Bargeldversorgung sicherstellen muss, wenn das Stromnetz zusammenbricht und die Geldausgabeautomaten ihren Dienst einstellen.
Die Partnerschaftsunternehmen und -kommunen bekennen sich offen zur Notwendigkeit des Heimatschutzes und zum Auftrag der Bundeswehr. Sie stimmen zudem der Freistellung ihrer Arbeitnehmer für die Ableistung von Reservediensten und Übungen zu. Dabei geht es nicht nur um Reservisten, die nach dem Wehrdienst im Reserveheer aktiv sein wollen. Auch Nichtgediente können sich von der Bundeswehr ausbilden lassen. Die Unternehmen wollen ihre Beschäftigten aktiv auf diese Möglichkeit hinweisen.
Die Bedeutung der Reservisten ist in jüngerer Zeit noch einmal deutlich gewachsen. Sie gelten als Rückgrat der Heimatverteidigung und als unerlässlich für die Unterstützung der aktiven Truppe. Der Bundesverteidigungsminister will deshalb die Zahl der Reservisten auf rund 200.000 steigen lassen, damit der gewünschte Gesamtumfang der Bundeswehr von 450.000 Mann überhaupt möglich wird.
Sicherung der Infrastruktur
Eine starke, einsatzbereite Reserve sei als „Bindeglied der Bundeswehr zur Zivilgesellschaft“ nötig, so General Radmann. Ihr falle eine wichtige Rolle zu bei der Sicherung der kritischen Infrastruktur, von Liegenschaften und Material. Radmann lobt den Rheingau als vorbildlich für die zivil-militärische Kooperation.
Landrat Sandro Zehner (CDU) rief dazu auf, die Widerstandsfähigkeit im Land durch einen modernen Heimatschutz zu stärken, der die Bundeswehr mit Kommunen und Unternehmen vernetze. Sicherheit sei eine Gemeinschaftsaufgabe, bestätigte Zehner die Auffassung des Generals. Das gelte auch für den Fall von Naturkatastrophen und den Zivilschutz.
Zehner sagte, für seine Warnungen nach dem langen Berliner Stromausfall, dass Bürger nicht erwarten könnten, vom Staat schnell wieder mit Energie versorgt zu werden, habe er viel Kritik und einige „unfreundliche Kommentare“ einstecken müssen. Der Staat sei aber kein Kindermädchen, sondern sichere Strukturen und setze Prioritäten. Jeder Bürger müsse sich selbst fragen, wie er sich für den Krisenfall besser wappnen und mehr Resilienz erreichen könne.
Wer fährt in der Krise unsere Lastwagen?
Wie anfällig Deutschland sei, „wenn es einmal losgeht“, verdeutlichte General Radmann am Beispiel der Lastwagenfahrer. Diese stammten heute vielfach aus dem Ausland und würden im Krisenfall in ihre Heimat gehen. Wer aber befördert dann die Waren über die deutschen Autobahnen? Zehner wies auf eine weitere Schwierigkeit hin. Unter Feuerwehrleuten und Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks seien besonders viele Reservisten. In welcher Rolle helfen sie dem Heimatschutz im Krisenfall am besten?
„Wir brauchen jeden Einzelnen“, so die Schlussfolgerung von Radmann im Hinblick auf die Reservisten. Den Unternehmern gab Radmann mit auf den Weg, ihre Beschäftigten mental auf Krisenfälle vorzubereiten. Wer resilient gegen Stress sei, der werde nicht von Angst gelähmt.
Dass die Bedrohung mittelfristig und unabhängig vom Ausgang des Ukrainekrieges wieder zurückgeht, sieht der General nicht. Tatsächlich produziere Russland schon jetzt jeden Monat mehr Waffen, als es in der Ukraine einsetze, und lagere den Überschuss ein. Und trotz der Verluste an der Front werde die russische Armee in einigen Jahren nicht unter einem Mangel an Soldaten leiden.
