Remco Evenepoel bei Flandernrundfahrt: Ganz Belgien fiebert mit

Ist alles nur ein Scherz? Vorstellbar war das bei der überraschenden Nachricht, die in dieser Woche die Runde machte: Remco Evenepoel fährt die Flandernrundfahrt. Nicht nur der Tag, an dem der Veranstalter, das Team und der Radsportstar die frohe Kunde überbrachten, ließen Dominator Tadej Pogačar und viele andere zweifeln.

Schließlich hatte das Team Red Bull-Bora-hansgrohe die vergangenen Monate damit verbracht, einen Start beim Heimrennen, auf den so viele Belgier seit Jahren warten, zu dementieren. Und nun also die plötzliche Wende? Am 1. April?

Die gesamte Situation wirkte ein bisschen so, als hätten die Macher der Lieblingsserie einer ganzen Nation erst erklärt, dass die nächste Staffel frühestens im kommenden Jahr rauskommen wird – vielleicht noch später. Nur um dann aus dem Nichts anzukündigen, dass sie schon am nächsten Wochenende läuft. Da kann man sich schon mal vorkommen wie im falschen Film.

Sehr viele Augen auf Remco Evenepoel gerichtet

Aber aus dem Kopfkino wird Realität. Und in Flandern hoffen sie nun, dass es am Ostersonntag (Start 10.00 Uhr bei Eurosport) einen Blockbuster zu sehen gibt. Die Ronde van Vlaanderen genießen die Belgier wie einen Nationalfeiertag, Ostern, Weihnachten, Karneval und Volksfest in einem. Eine riesige Party mit Grillfesten in jedem zweiten oder dritten Hof. Ein bisschen übel genommen hatte es mancher dem derzeit größten Radsportstar aus dem eigenen Land schon, dass er als ausgewiesener Spezialist für Eintagesrennen bisher stets einen Bogen darum gefahren war.

Evenepoel erklärte seine Tour vorbei an der Flandernrundfahrt immer mit seinen Ambitionen bei der Tour de France und der Vorbereitung auf den Höhepunkt des Jahres. Das war auch im Dezember im Teamtrainingslager auf Mallorca und den gesamten Winter über das Narrativ, mit dem er und sein Rennstall die Gerüchte abmoderierten, diesmal könne es so weit sein.

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Nun gibt er sein Debüt im Alter von 26 Jahren. Mit der Nachricht und vor allem der Art, wie sie transportiert wurde, hat es der deutsche Rennstall vor einem der wichtigsten Rennen des Frühjahrs geschafft, dass zwar nicht alle, aber doch sehr viele Augen auf Evenepoel gerichtet sind.

In den vergangenen Tagen bestimmten Remco und die Ronde jedenfalls das Gespräch in der Szene. Videos zeigten den Olympiasieger, wie er auf Erkundungstour die rutschigen Pflastersteine am Koppenberg mit teils durchdrehenden Reifen bezwang, ohne abzusteigen. Jeder Tritt wurde ins Bild gesetzt, jeder Experte zu seiner Meinung befragt. Die Einschätzungen zu seinen Chancen gingen weit auseinander. Sicher aber scheint ein Detail: Allein Evenepoels Teilnahme könnte die Renndynamik verändern.

Die Startliste ist nun so prominent besetzt, wie sie es nie war in den vergangenen Jahren. Pogačar und sein großer Widersacher Mathieu van der Poel sind dabei. Wout van Aert ist wieder in Form. Und auch Mads Pedersen, der sich nach Handgelenks- und Schlüsselbeinbruch Anfang Februar in Rekordzeit zurückgekämpfte, will seine Erkältung bis Sonntag auskuriert haben.

„Die Verbindung ist tief und emotional“

Es ist erst das dritte Mal, dass diese fünf besten Eintagesfahrer der Welt aufeinandertreffen. Einem dramatischen, filmreifen Rennen steht nichts mehr im Wege – vielleicht abgesehen von der Dominanz von Pogačar, der die Konkurrenz im vergangenen Jahr bei der dritten Überfahrt des Oude Kwaremont abgehängt hatte und auch diesmal in Topform antritt. Haben Evenepoel und die anderen überhaupt eine Chance, ihm zu folgen?

Geht es nach Peter Sagan, eher nicht: „Wenn sie ihm nicht vor Sonntag die Beine abschneiden, wer soll ihn dann schlagen können?“, fragte der Sieger der Flandernrundfahrt von 2016 im Interview mit der belgischen Tageszeitung „Het Nieuwsblad“. Es gibt wohl nicht viele, die ihm widersprechen würden. Doch die „Ronde“ liefert auch deshalb so oft cineastischen Stoff, weil auf den engen Straßen und Feldwegen so viel Hektik im Fahrerfeld herrscht, dass manchmal das Chaos ausbrechen kann. Wer darin verwickelt ist, dem helfen oft nicht mal die besten Beine.

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Die Chance, bei der Flandernrundfahrt Pogačar zu schlagen, erscheint etwas größer als anderswo. Der Slowene muss nun noch einen Fahrer mehr im Auge behalten, weil der Kurs Evenepoel liegt. Auf den knapp 280 Kilometern von Antwerpen nach Oudenaarde warten 16 kleine, giftige Anstiege auf das Peloton.

Dort ist jene Explosivität gefragt, die Evenepoel auszeichnet. Doch das allein wird nicht reichen. Wilde Positionskämpfe entstehen schon weit vor den Schlüsselstellen. Wer in diesen Momenten nicht vorn liegt, verliert erst viel Kraft, um wieder in Position zu kommen, und dann meist auch das Rennen. Es gibt etliche Kurven, auf die das Feld im Sprint zurast. Ohne gutes Team sind selbst die Besten aufgeschmissen.

„Es ist natürlich ein sehr schwieriges Rennen“

Evenepoel kann auf Gianni Vermeersch zählen, der schon bei den drei Siegen von van der Poel bei der Flandernrundfahrt als Helfer diente. Vor der Saison wechselte er zu Red Bull. Außerdem gehören die in diesem Frühjahr starken Van-Dijk-Zwillinge sowie Laurence Pithie und Jan Tratnik zum Aufgebot.

Der deutsche Rennstall hat aufgerüstet für die Klassiker. Am Team dürfte es nicht scheitern. „Es ist natürlich ein sehr schwieriges Rennen, wenn man ohne Erfahrung startet“, sagt Vermeersch dem niederländischen Fachmagazin „Wielerflits“: „Aber wenn wir ihn im richtigen Moment vorn platzieren können, dann werden seine Beine in den entscheidenden Momenten den Unterschied machen.“

Darauf hoffen die Belgier. Ein ganzes Land wird mitfiebern mit van Aert und mit Evenepoel. „Die Verbindung zwischen Remco und der Flandernrundfahrt ist tief und emotional“, sagt der Geschäftsführer von Red Bull-Bora-hansgrohe, Ralph Denk: „Ein Plan wie dieser entsteht nicht kurzfristig. Wir haben das Thema bewusst unter dem Radar gehalten, um den Moment für die Fans als Überraschung – ausgerechnet am 1. April – zu setzen. Dass wir das über 100 Tage intern halten konnten, spricht für den Zusammenhalt in diesem Team.“ Diesen „Erfolg“ erkaufte sich der Rennstall mit falschen Angaben zu konkreten Fragen eines Journalisten.

Denk plädiert schon länger dafür, dass die besten Profis öfter gegeneinander antreten sollten. Auch deshalb wäre es merkwürdig gewesen, wenn Evenepoel der Ronde wieder ferngeblieben wäre. Dass sein Start so lange geheimgehalten wurde, dürfte auch dazu gedient haben, den eigenen Fahrer ein bisschen aus der Schusslinie zu nehmen. Der Sechsundzwanzigjährige ist in Flandern geboren.

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Es ist, als würde der verlorene Sohn endlich nach Hause kommen. Wäre der Start im Winter verkündet worden, hätte ihn dieses Thema auf Schritt und Tritt verfolgt. Doch die „plötzliche Wende“ könnte auch einen anderen Effekt haben: Fallhöhe und Druck sind nun besonders hoch wegen der kurzfristig erzeugten Startzusage und der damit verbunden hochschießenden Erwartungen. Nichts wäre schmerzhafter als am Sonntagnachmittag beim Blick aufs Ergebnis festzustellen: April, April!