Regisseurin Carla Simón über „Romería“: „Ich schuf Bilder meiner Eltern, die es sonst nicht gäbe“

Mit „Romería“ schließt die spanische Regisseurin Carla Simón eine Filmtrilogie ab, die stark von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert ist. Die 18-jährige Marina hat ihre Eltern nie richtig kennengelernt und reist nach Galicien, um die Sterbeurkunde ihres Vaters zu besorgen, die sie für ein Stipendium an einer Filmhochschule benötigt. Dort stößt sie auf eine ihr fremde Verwandtschaft, verdrängte Erinnerungen sowie Tagebücher ihrer Mutter, die von Freiheit, Drogen und der Aids-Krise in den 1980ern zeugen.

taz: Frau Simón, „Romería“ ist ein sehr persönliches Werk: Nach „Fridas Sommer“ (2017) und „Alcarràs – Die letzte Ernte“ (2022), der auf der Berlinale mit dem „Goldenen Bären“ prämiert wurde, widmen Sie sich nun Ihren Eltern. Warum wollten Sie aus Ihrer eigenen Spurensuche einen Film machen?

Carla Simón: Schon als ich an meinem ersten Film gearbeitet habe, habe ich entschieden, dass ich meinen Eltern ein eigenes Werk widmen werde. Damals wurde mir noch mal schmerzlich bewusst, dass ich kaum Erinnerungen an sie habe. „Romería“ ist gewissermaßen aus dem Frust geboren, keine wirkliche Familiengeschichte zu besitzen, nicht imstande zu sein, sie zu erzählen. Daher habe ich begonnen, meine Verwandtschaft nach meinen Eltern zu befragen, die wenige Jahre nach meiner Geburt verstorben sind. Dabei habe ich aber schnell festgestellt, dass mir jeder andere Dinge erzählt. So funktionieren Erinnerungen nun mal: Sie verändern sich ständig, sie sind subjektiv und fest an die eigene Perspektive gebunden. Dann habe ich entschieden, einen Film über die Erinnerung selbst zu drehen.

Im Interview: Carla Simón

Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie wurde 1986 in Barcelona geboren, wuchs in einem katalanischen Dorf auf. Ihr Film „Fridas Sommer“ erhielt 2017 bei der Berlinale den Preis als bestes Erstlingswerk. Für „Alcarràs – Die letzte Ernte“ erhielt sie 2022 den Goldenen Bären der Berlinale.

taz: Wie sind Sie an die Informationen gekommen, die Sie brauchten, um „Romería“ zu drehen?

Simón: Ich bin an Briefe gelangt, die meine Mutter an ihre Freunde geschrieben hat. Das hat mich ihr sehr viel näher gebracht. Ich konnte plötzlich ihre Stimme hören und wusste, dass ich diese Stimme in den Film integrieren will – auch wenn ich in „Romería“ letztlich Tagebucheinträge daraus gemacht habe. Ihre Art zu schreiben wirkt auf mich wie ein Porträt der 1980er Jahre und der damals jungen Generation. Dieses Element hebt den Film auch ein Stück weit aus meinen persönlichen Erinnerungen heraus.

taz: Inwiefern?

Simón: Damals wurden wegen der Heroinkrise in Spanien viele zu Waisenkindern, so wie ich es bin. Nach der langen Phase der Diktatur, die 1975 mit dem Tod Francos endete, spürten insbesondere junge Menschen eine ungekannte Freiheit – es war eine glückliche Periode, aber auch eine, in der Drogen in einigen Regionen des Landes überhandnahmen. Damit ging bald eine schnelle Verbreitung von HIV einher. Doch obwohl so viele an Aids starben, wird dieses Thema in meiner Heimat weiter gemieden. Ich wollte erreichen, dass durch „Romería“ mehr über die Generation meiner Eltern gesprochen wird – auch, weil sie diejenigen waren, die mit gestrigen Wertvorstellungen brachen, mit streng konservativen und erzkatholischen Überzeugungen, die nach der Diktatur noch sehr präsent waren.

Der Film

„Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“. Regie: Carla Simón. Mit Llúcia Garcia, Tristán Ulloa u.a. Spanien/Deutschland 2025, 114 Min.

taz: „Katholisch“ ist ein gutes Stichwort: Warum haben Sie sich für „Romería“ als Filmtitel entschieden – wie verbindet er sich mit dem, worum es im Film geht?

Simón: Der Titel hat für mich zwei Ebenen. Im Süden Spaniens wird „Romería“ vor allem im religiösen Sinn verwendet und meint etwa eine Prozession oder Pilgerfahrt, bei der eine Marienfigur von einem Ort zum anderen gebracht wird. Gleichzeitig beschreibt das Wort für mich eine Art spirituelle Reise, einen inneren Weg. Im Norden Spaniens wiederum beschreibt „Romería“ eher Volksfeste, die im Sommer fast jeden Tag irgendwo stattfinden – etwas, das ich sehr liebe und das auch im Film vorkommt. Insofern passt der Titel für mich in beide Richtungen und verbindet das Religiöse, das Festliche und das Persönliche.

taz: Neben den Tagebucheinträgen der Mutter fungieren die Filmaufnahmen, die Marina macht, in „Romería“ als erzählerische Richtschnur: Sie begegnet der Familie ihres Vaters, die sie kaum kennt, und hält vieles mit dem Camcorder fest – lange aber sind es „nur“ Orte. Weshalb?

Simón: Ich glaube, Marina weiß anfangs selbst nicht, warum. Heute denke ich, dass verlassene Orte eine Möglichkeit sind, sich Menschen zu nähern, die nicht mehr da sind. Auch wenn es frustrierend ist, einen Raum zu filmen, von dem man weiß, dass dort jemand gewesen sein muss, der inzwischen gegangen ist – es hat etwas Gespenstisches. Marina filmt diese Orte dennoch, weil sie weiß, dass dort die Liebesgeschichte ihrer Eltern ihren Anfang nahm. Erst am Ende gelingt es ihr, die Familie ihres Vaters zu filmen – nachdem sie Zeit mit ihr verbracht und sich an sie herangetastet hat. Wenn man neuen Menschen begegnet, sie noch nicht recht kennt, ist es meiner Ansicht nach fast unmöglich, die Kamera auf sie zu richten. Zumindest kann ich selbst keine Menschen auf intime Weise filmen, wenn ich ihnen nicht vertraue und sie mir nicht vertrauen.

taz: Die Landschaft nimmt dadurch in „Romería“ sehr viel Raum ein …

Simón: Die Landschaft kam auch in meinem kreativen Prozess zuerst. Bevor ich mit dem Drehbuch begonnen habe, unternahm ich mehrere Reisen nach Galicien, um die Orte aufzusuchen, an denen meine Eltern waren. Ich filmte mich selbst auch mit einer Kamera, so wie Marina es tut, und daraus entstand die Idee, „Romería“ als eine Reise zu erzählen. Deshalb wirkt der Film fast episodisch: Meine Protagonistin geht von einer Person zur nächsten, aber auch von einem Ort zum nächsten.

taz: Wie haben Sie die Orte ausgesucht, die im Film vorkommen?

Simón: Mir war es vor allem wichtig, diesen einzigartigen Küstenraum abzubilden. Dass das Meer in das Landesinnere hineinreicht, schafft nicht nur eine besondere Atmosphäre, sondern ermöglicht auch Schmuggel, viele Drogen gelangten über diese Küste nach Spanien. Die Geografie macht das alles sehr schwer kontrollierbar. Mein Vater war ein Segler, ein sehr guter Segler. Ich habe viele Fotos von ihm und meiner Mutter, wie sie auf dem Meer unterwegs sind, also ist das Meer eng mit meiner Familiengeschichte verbunden.

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taz: „Romería“ bleibt lange eng an Marinas Perspektive gebunden. Dann folgt ein Bruch: In einer traumartigen Sequenz treten ihre Eltern selbst in Erscheinung – bis dato kamen sie nur in Form von Erinnerungen vor. Warum haben Sie entschieden, sie tatsächlich im Film zu zeigen?

Simón: Auch das hat mit meinem Nachdenken über Erinnerung zu tun. Ich kann die Geschichte meiner Eltern, die letztlich auch meine Geschichte ist, nicht allein aus den Erinnerungen anderer Menschen zusammensetzen. Irgendwann entsteht etwas, das man sich selbst vorstellt, vielleicht auch „erfindet“. Hier kommt für mich das Kino ins Spiel: Es erlaubt mir, Bilder meiner Eltern zu schaffen, die es sonst nicht gäbe. Sie mir nicht nur vorzustellen, sondern tatsächlich im Film zu inszenieren, erschien mir plötzlich sehr verheißungsvoll.

taz: Das klingt nach einem Abschluss. Werden Sie sich als Regisseurin nun etwas ganz anderem widmen als Ihrer Familiengeschichte?

Simón: Ja, ich habe das Gefühl, dass für mich nun tatsächlich ein neuer Abschnitt beginnt. Gerade bereite ich ein Flamenco‑Musical vor. Es ist etwas völlig Neues, aber zugleich faszinieren mich Familienbeziehungen weiterhin. Es sind Verbindungen, die man nicht wählt, sondern die man von Anfang an in sich trägt. Sie sind extrem komplex, prägend und nie nur eindeutig gut oder schlecht. Ich glaube, dass ich die Familie weiterhin als Thema erforschen werde – aber nicht unbedingt nur meine eigene.