José Mourinho, Trainer bei Benfica Lissabon, hat ein famoses Talent dafür, alles auf den Kopf zu stellen, mitunter auch eingefahrene Abläufe. Am Mittwochabend waren die ersten Journalisten schon auf die Pressetribüne des Estadio Santiago Bernabéu verschwunden, da kehrten plötzlich alle wieder in den Aufenthaltsraum im Innern des achten Stocks zurück. Das Gerücht hatte die Runde gemacht, dass der gesperrte portugiesische Trainer die Partie in der Radiokabine 6 verfolgen würde. Real Madrid hatte sie bestens ausstaffiert: mit Wasser, Mandeln, Cashewkernen, Salatbowls unter Frischhaltefolie, Chips, Fruchtspieße für danach. Allein: Mou kam nicht.
Angeblich saß er im Mannschaftsbus in der Tiefgarage. Wo auch immer: Er sah, dass der Mann die Playoff-Runde entschied, der die Schlagzeilen bestimmt hatte: Real Madrids Stürmer Vinícius Júnior. Der Brasilianer erzielte den Siegtreffer zum 2:1, der die Gesamtbilanz des Playoff-Duells auf 3:1 schraubte. Real hatte das Hinspiel in Lissabon mit 1:0 gewonnen, ebenfalls durch ein Tor von Vinícius. Im Achtelfinale trifft Real Madrid auf Sporting Lissabon oder Manchester City. Mit Vinícius, der, wenn man so will, eine Antwort auf den Rassismus-Eklat um Benfica-Profi Gianluca Prestianni aus der Vorwoche lieferte.
Die Affäre hatte sich bis in den Spieltag fortgesetzt. Wenige Stunden vor Spielbeginn hatte die europäische Fußballunion Uefa einen Einspruch Benficas gegen die einstweilige Sperre Prestiannis abgelehnt. Zur Erinnerung: Prestianni wird vorgeworfen, Vinícius beim Hinspiel (1:0 für Real Madrid) rassistisch beleidigt zu haben –Prestianni bestreitet das vehement. Auf die Abweisung des Einspruchs durch die Uefa reagierte Prestianni mit einem wütenden Eintrag noch am Mittwoch in einem Sozialnetzwerk: Die Uefa habe eine durch Bilder belegte Tätlichkeit nicht ahnden wollen – eine Anspielung auf eine Aggression von Valverde aus dem Hinspiel -, dafür aber eine Sperre gegen ihn ausgesprochen, ohne Beweise zu haben. Wenn’s um Real gehe, „verstecken sie sich nicht mal mehr“, schrieb Prestianni.
Nach wenigen Minuten löschte er den Eintrag wieder, jemand muss ihm gesagt haben, dass es keine so gute Idee gewesen sei. Wo Prestianni die Partie sah? Gute Frage. Es entging ihm, dass die Benfica-Fans Vinícius bei jeder Ballberührung lautstark auspfiffen. Und: dass auf der Südtribüne des Bernabéu-Stadions ein Transparent aufgespannt wurde, auf dem „Nein zum Rassismus“ zu lesen war. Das war auch deshalb bemerkenswert, weil dort früher faschistische Schläger beheimatet waren. Ein paar Ultras haben die Säuberung der Fan-Szene durch den Klub überlebt: Die Security entfernte ein paar Fans, die den Arm zum faschistischen Gruß hoben.
Real egalisiert Benficas Führungstreffer nach nur zwei Minuten
Wo waren wir? Ach ja, beim Fußballspiel: Es war von einigermaßen seltsamer Natur, denn es war in seinen guten Momenten taktisch, in den schlechten voller Momente der Zerstreutheit – und eigentlich immer fehlerbehaftet und mit zunehmender Spieldauer von Angst geprägt. Benfica funktionierte anfangs im Spiel nach vorn derart besser und selbstsicherer als das ohne den am Knie verletzen Kylian Mbappé angetretene Madrid, dass sich fast die Frage stellte, wer mit einem Vorsprung ins Spiel gegangen war. Eine dieser Kombinationen führte in der 14. Minute zur Benfica-Führung. Richard Ríos schickte Pavlidis in die Tiefe, dessen Hereingabe verwandelte Real-Verteidiger Raúl Asencio fast in ein Eigentor, nach der Parade von Thibaut Courtois staubte Rafa Silva ab.
Nur zwei Minuten später glich Real Madrid aber aus: Aurélien Tchouaméni fing einen törichten Pass von Nicolás Otamendi im Mittelfeld ab, spielte hinaus auf Fede Valverde, der von der Grundlinie wieder zurück auf Tchouaméni passte: Der Franzose schoss vom Strafraumrand mit der Brillanz ein, die man früher in Madrid von Toni Kroos kannte. Die beste Chance danach hatte Benfica, als Andreas Schjelderup wieder einmal Trent Alexander-Arnold gefoppt und auf Richard Ríos abgelegt hatte: Dessen Flachschuss parierte Courtois mit seiner ersten Glanztat (37.).
Reals Verteidiger Raul Asencio muss vom Platz getragen werden
In der zweiten Hälfte sollte eine weitere folgen: In der 60. Minute lenkte er einen famosen Abschluss von Rafa Silva mit dem Außenrist an die Querlatte. Das Niveau des Vortrags Reals sank derart, dass die Pfiffe des Madrider Publikums mehrheitlich wurden. Zur 72. Minute hatte Real dann einen Schock zu verdauen: Nach einem Zusammenprall von mit seinem Mannschaftskameraden Eduardo Camavinga blieb Asencio benommen liegen, musste minutenlang behandelt und schließlich auf einer Trage heraustransportiert werden. Er wurde mit dem Krankenwagen ins Spital gefahren.
Minuten später aber kam dann der Treffer des Mannes, der das iberische Duell geprägt hatte: Tomás Araújo verlor einen Zweikampf im Mittelfeld mit Federico Valverde; der Uruguayer schickte Vinícius auf eine einsame, lange Reise. Der Brasilianer schloss überlegt ab, mit dem Innenrist setzte er den Ball flach in die rechte Ecke des Benfica-Tores. Und feierte er wie in der Vorwoche in Lissabon: mit einem Tanz an der Eckfahne.
