Ras Ain al-Audscha: Beduinendorf unter Druck durch Siedler

Mehrere Matratzen liegen zusammengerollt vor einem Haus am Ortsrand von Ras Ain al-Audscha. Zusammen mit Rucksäcken und Taschen, die mit Kleidung vollgestopft sind, sowie Töpfen, Plastiklatschen, einem Gaskocher und weiteren Haushaltsgegenständen bilden sie einen großen Haufen. Daneben steht ein kleiner Standventilator. Auch wenn er nicht mehr angeschlossen ist, dreht er sich unbeirrt im kühlen Wind, der an diesem Morgen durch das Jordantal weht.

Eine Großfamilie packt ihre Siebensachen. Kinder laufen etwas unschlüssig zwischen den Resten ihres Zuhauses herum. Während die Frauen weitere Dinge zusammensuchen, sind die Männer dabei, das Haus selbst auseinanderzuschrauben. Alles, was irgendeinen Wert hat, wird mitgenommen. Sie würden das Dorf noch heute verlassen, sagt eine Frau. Wohin sie gehen, wüssten sie selbst noch nicht. Hauptsache, weg von hier – weg von der Gewalt der Siedler.

Ras Ain al-Audscha erlebt dramatische Tage. Der Ort, in dem rund 500 palästinensische Beduinen leben, liegt etwa zehn Kilometer nordwestlich von Jericho. In den vergangenen Jahren ist er von israelischen Außenposten praktisch umzingelt worden. Die Siedler üben durch Drohungen und Gewalt Druck aus – um die Bewohner dazu zu bewegen, ihr Dorf und die Gegend zu verlassen. So ist es an zahlreichen anderen Orten im Westjordanland geschehen: Mehr als 50 Dorfgemeinschaften sind laut Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem seit 2018 vertrieben worden.

Hab und Gut: Eine Familie, die Ras Ain al-Audscha verlassen will, hat ihre Sachen gepackt
Hab und Gut: Eine Familie, die Ras Ain al-Audscha verlassen will, hat ihre Sachen gepacktJonas Opperskalski

Auch im südlichen Jordantal haben die an den Hängen zum Hochland gelegenen Gemeinschaften eine nach der anderen aufgegeben und sind geflohen. Ras Ain al-Audscha ist das letzte verbliebene palästinensische Hirtendorf in dieser Gegend. Das restliche Gebiet wird von Siedlern beherrscht. Die Strategie, die sie entwickelt haben, ist hocheffektiv: Durch winzige sogenannte Hirten-Außenposten, in denen jeweils nur wenige Menschen leben, haben sie in den vergangenen Jahren mehr Land im C-Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht als in den Jahrzehnten zuvor durch den Bau größerer Siedlungen.

Keine Möglichkeit, sich gegen Übergriffe zu wehren

Im Fall von Ras Ain al-Audscha hatten israelische Friedensaktivisten, die den Bewohnern zur Seite stehen, sich lange Zeit zuversichtlich gezeigt. Als die F.A.Z. das Dorf im vergangenen Jahr mehrmals besuchte, hieß es immer wieder, Ras Ain al-Audscha sei eine starke Gemeinschaft. Aber schon da mussten Aktivisten rund um die Uhr präsent sein, denn die Siedler rückten immer näher an das Dorf heran: Jeden Tag trieben jugendliche Hirten aus den Außenposten Schaf- und Ziegenherden an einige Behausungen am Ortsrand heran und manchmal in sie hinein.

Die Bewohner konnten ihre eigenen Tiere nicht mehr zum Grasen führen, aus Angst, dass Siedler sie stehlen. Ältere Siedler fuhren nachts in das Dorf und terrorisierten die Bewohner. Vereinzelt kam es auch zu Gewalt. Die Palästinenser haben keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren: Berühren sie einen Siedler auch nur, werden sie von der Armee verhaftet. Die Aktivisten taten, was ihnen möglich war: Sie filmten die Siedler und riefen die Armee und die Polizei. Nachhaltige Folgen hatte das nicht.

Dann kam der 31. Dezember. Im nordwestlichen Teil des Dorfes, in dessen Nähe der Außenposten „Avischais Farm“ errichtet wurde, tauchten am Morgen Siedler mit mehreren Herden auf, weit mehr als üblich. Zudem brachten sie Traktoren – und begannen, das Land und den Weg zur Hauptstraße zu pflügen. Begleitet wurden sie von Polizisten und teilweise maskierten Soldaten.

Anders als sonst gingen die Siedler an jenem Tag nicht mehr. Eine kleine Gruppe errichtete eine Art Biwak-Lager, etwa 200 Meter vom Haus eines Bewohners namens Salama Kaabna entfernt – ein Mini-Außenposten. Sie brachten Schafe und sogar eine Herde von Kamelen mit, die sie in den folgenden Tagen immer wieder durch die Gegend führten. Nachts entzündeten sie ein Lagerfeuer, streiften herum und terrorisierten die Bewohner. Selbst erfahrene Aktivisten beschrieben die Präsenz der Siedler so nahe an den Häusern der Palästinenser als äußerst furchteinflößend.

Das Leben kam praktisch zum Erliegen

Die Gegend habe in den folgenden Tagen einem „Kampfplatz“ geglichen, sagt Yael Sela von der israelischen Organisation „Der Besatzung ins Auge blicken“, die die Präsenz von Aktivisten in dem Ort koordiniert. Siedler seien permanent mit ihren Herden durch das Dorf gezogen und mit Quad-Fahrzeugen herumgefahren. Auf einem Video ist festgehalten, wie ein Siedler mit einem Quad auf Kinder zurast, die von der Schule kommen.

Mit diesen Maßnahmen brachten die Siedler das Leben in einem Teil des Dorfes praktisch zum Erliegen. Aus Angst, angegriffen zu werden, hätten die Palästinenser sich irgendwann nicht mehr aus dem Ort und nicht einmal mehr aus ihren Behausungen getraut, erzählen Aktivisten und Bewohner. Auch die Aktivisten waren überfordert. „Wir waren etwa zehn Leute“, berichtet Amir Pansky, der in jenen Tagen viel Zeit in Ras Ain al-Audscha verbracht hat. „Aber wir konnten nicht überall gleichzeitig sein.“ Die Aktivisten waren zudem damit beschäftigt, den Bewohnern Wasser zu bringen und sie in das und aus dem Dorf zu eskortieren – etwa Kinder, die zur Schule gehen wollten. „Es war ein kompletter Albtraum“, sagt Pansky.

Ein israelischer Siedler weidet eine Schafherde in Ras Ain al-Audscha
Ein israelischer Siedler weidet eine Schafherde in Ras Ain al-AudschaJonas Opperskalski

Es dauerte eine Woche – dann knickte Salama Kaabna ein, der Palästinenser, nahe dessen Haus die Siedler ihr Camp aufgeschlagen hatten. Am Mittwochabend hätten er und Kaabna sich noch voneinander verabschiedet, erinnert sich Pansky – „bis Samstag“, habe er gesagt. Am Donnerstagmorgen verließ Kaabna sein Haus – und mit ihm rund zwei Dutzend weitere Familien. Fast der ganze nordwestliche Teil von Ras Ain al-Audscha leerte sich auf einen Schlag.

Anschließend räumten auch die Siedler ihr kleines Lager wieder – es hatte seinen Zweck erfüllt, die eingeschüchterten Palästinenser waren gegangen. Als die F.A.Z. das Dorf in der vergangenen Woche besucht, ist nichts mehr von dem Siedlercamp zu sehen. Auch von Salama Kaabnas Haus gibt es nur noch Überreste.

In der Ferne sind zwei jugendliche Siedler auf Eseln zu sehen. Auch wenn das Siedlercamp wieder abgebaut wurde, sind Siedler in Ras Ain al-Audscha weiterhin ständig präsent. In aller Seelenruhe ziehen sie mit Schafen und Ziegen mitten durch das Dorf, zum Teil unmittelbar an Behausungen vorbei. Aktivisten folgen ihnen, um zu verhindern, dass es zu Übergriffen kommt, oder diese zumindest zu dokumentieren. Zuletzt wurden auch Aktivisten von Siedlern angegriffen. Die Armee teilte auf eine Anfrage der F.A.Z. mit, sie habe wegen der zahlreichen Vorfälle in jüngster Zeit ihre Präsenz in der Gegend verstärkt. Aktivisten und Bewohner sagen dagegen, von der Armee sei praktisch nichts zu sehen.

Kein Strom oder fließendes Wasser

Angesichts dessen bereiten sich weitere Bewohner darauf vor, zu gehen. Neben dem Haus, das gerade zerlegt wird, ist ein weiteres schon komplett abgebaut – nur noch Teile des Wellblechdachs liegen herum. Fragt man die Menschen, wohin sie gehen, äußern sie sich vage. Die Situation der Beduinen ist prekär – manche von ihnen haben zwar Verwandte in anderen Teilen des Westjordanlandes, aber vielerorts werden sie nicht mit offenen Armen willkommen geheißen.

Salama Kaabna und einige der Familien, die mit ihm gingen, sind vorübergehend einige Kilometer entfernt untergekommen – auf einem Hügel am Rand von Jericho. Die Stadt liegt im von den Palästinensern verwalteten A-Gebiet, Siedlerangriffe gibt es dort nicht. Aber die Unterkünfte sind provisorisch: Manche Familien wohnen in Rohbauten von Häusern, die die Landbesitzer errichtet haben, meist mehrere zusammen in einem Gebäude.

Nach der Flucht: Salama Kaabna (links) und Ibrahim (rechts) zwischen ihren temporären Unterkünften
Nach der Flucht: Salama Kaabna (links) und Ibrahim (rechts) zwischen ihren temporären UnterkünftenJonas Opperskalski

Andere haben Zelte aufgeschlagen. Diese seien aber nicht für das Winterwetter geschaffen, sagt Salama Kaabna, viele Kinder bekämen Erkältungen. Sie zahlten Miete, es gebe aber keinen Strom und kein fließendes Wasser, klagt er. Und von der Palästinensischen Autonomiebehörde komme keine Hilfe. „Es ist wie in einem Flüchtlingslager.“ Seine Klage klingt ironisch und tragisch zugleich: Denn sie sind genau das – Flüchtlinge.

Das triste Gelände hat eigentlich nur eines zu bieten: einen Panoramablick über das Jordantal. In der Ferne können die Bewohner auch Ras Ain al-Audscha sehen, wo sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht haben. „Wenn es eine Lösung gibt und die Siedler gehen, möchten wir gerne zurückkehren“, sagt ein Cousin Kaabnas namens Ibrahim.

Dass es so kommen wird, ist nicht wahrscheinlich. Die Bewohner haben schon im März vergangenen Jahres eine Petition bei Israels Oberstem Gericht eingereicht, dass die Siedler dem Ort fernbleiben mögen. Für den 2. Februar ist eine Anhörung angesetzt. Einen Eilantrag von Anfang Januar lehnte das Gericht am Donnerstag jedoch ab. Die Schilderungen der Bewohner seien beunruhigend, befand die Richterin, sie rechtfertigten aber keine einstweilige Verfügung – man müsse die Angelegenheit genauer untersuchen.

Bis das Gericht eine Entscheidung getroffen hat, könnten die Siedler indessen weitere Fakten geschaffen haben. Noch seien die Bewohner in den anderen Teilen von Ras Ain al-Audscha gewillt, zu bleiben, sagt Yael Sela von „Der Besatzung ins Auge blicken“. Aber die jetzige Situation sei nicht tragbar. Die Menschen trauten sich kaum noch heraus. Wenn sich nicht schnell etwas ändere, würden auch sie bald gehen. Die Siedler, sagt Sela, hätten das Dorf in einen Würgegriff genommen – jetzt warteten sie einfach ab, bis die Bewohner aufgeben.