Raqqa feiert die Übernahme durch Damaskus als Befreiung

Der syrische Winter macht Raqqa noch trostloser. Ein nasskalter Schleier liegt über der grauen Provinzstadt. Der Staub auf den ramponierten Straßen wird zu einer klebrigen Schlammschicht. Die Straßenhändler frieren hinter ihren kargen Auslagen. Doch abends werden auf dem zentralen Platz Freudenfeuerwerke gezündet. Und Scheich Hawida Schlasch, ein prominenter Stammesführer, spricht, als wäre gerade der Frühling in Raqqa eingezogen.

„Jetzt sind wir sehr entspannt“, sagt er. Der Scheich lässt sich auf dem Boden seines zugigen Empfangsraumes nieder. Zwei junge Männer aus seinem Stamm entzünden ein Kaminfeuer, das den Saal kaum wärmen wird. Aber das scheint dem Scheich nichts auszumachen. Er beugt sich vor und sagt mit triumphierendem Blick: „Ich habe dir vor drei Jahren gesagt, es werde nur eine Stunde dauern, uns zu befreien. Und genauso ist es gekommen.“

Er spricht vom Rückzug der „Syrian Democratic Forces“ (SDF), der Milizen der von kurdischen Kadern dominierten Autonomieregierung im Nordosten Syriens. Sie kontrollierten Raqqa noch vor etwas mehr als zwei Wochen. Die Leute in der Stadt sprechen jetzt von „Befreiung“. Die SDF-Milizen hatten die Stadt noch 2017 von der Herrschaft des „Islamischen Staates“ (IS) befreit. Doch sie werden in Raqqa längst als übergriffige, kurdische Fremdherrscher wahrgenommen.

Die SDF werden von kurdischen Kadern geführt, die der PKK-Organisation treu ergeben sind. Und sie brachten im Zuge des Rückeroberungskrieges gegen den IS große Gegenden unter ihre Kontrolle, in denen arabische Bevölkerung lebte. Während eines Besuchs 2022 in Raqqa war Scheich Schlasch bei Weitem nicht der Einzige, der sich über die autoritären kurdischen Kader, Zwangsrekrutierungen und Korruption beschwerte – und vom Aufstand träumte.

Als islamistische Rebellenmilizen im Dezember 2024 das Assad-Regime stürzten, witterten Stammesführer wie er ihre Chance. Sie suchten Hilfe beim neuen syrischen Machthaber Ahmed al-Scharaa, der die Kontrolle seiner neuen Führung auf das ganze Land ausweiten will. Der Machtkampf zwischen dem Staatschef und der Autonomieregierung im Nordosten spitzte sich in den vergangenen Monaten zu. Als Damaskus Mitte Januar eine Militäroffensive gegen die SDF führte, machten die Stämme den Streitkräften der Regierung den Weg frei. Heerscharen arabischer Kämpfer in den Reihen der SDF desertierten oder liefen über.

Erst Angst vor dem Assad-Regime, dann vor dem IS und dann den SDF

„Einen Tag vor den Kämpfen gab es Anrufe von Leuten aus der Regierung“, berichtet Scheich Schlasch. „Sie haben uns erklärt, sie wollten kein Blutvergießen, wir sollten zurückhaltend vorgehen.“ Nach dem grünen Licht aus Damaskus mobilisierte der Scheich junge Kämpfer aus seinem Stamm, die in Raqqa ausrückten. Einer von ihnen ist ein hagerer Student, der gerade Feuer gemacht hat und jetzt eine große Metallplatte mit Reis und gegrilltem Huhn hineinträgt. Er spricht erst, als er sicher ist, dass er den Ausführungen des Scheichs nicht in die Quere kommt. Er hat Videos von seinem Einsatz auf seinem Telefon, auf denen er ein Sturmgewehr in den Händen hält.

„Das einzige Problem waren kurdische Heckenschützen“, sagt er. Es habe einige Verwundete gegeben. Er spricht heiter über diesen „Tag der Befreiung“. Seit Jahren habe er in Angst gelebt, irgendwann unter Zwang für die SDF kämpfen zu müssen. Davor fürchtete er das blutrünstige Schreckensregime des IS. Und davor die teuflischen Geheimdienste des Assad-Regimes.

Jetzt will er sich endlich ein besseres Leben aufbauen. Er will Kinder haben, die auf sich selbst vertrauen und ihre Loyalitäten nicht ständig nach den Machtverhältnissen ausrichten. Es ist eine höfliche Art, den Unmut über jene auszudrücken, die sich mit dem IS arrangiert hatten und sich freiwillig im Apparat der Autonomieregierung und der SDF verdingt haben. Sie werden von Leuten auf der Straße als Verräter bezeichnet oder mit wüsten Beschimpfungen belegt.

„Versöhnung“ mit den neuen Machthabern

Die Nachfrage nach Versöhnung beantwortet der Scheich lieber selbst. Er bleibt auf der Linie der Regierung: Laut deren Sprachregelung gebe es keine Probleme mit „den Kurden“, sondern nur mit den Kadern der PKK. Fragen nach Misshandlungen kurdischer Kämpfer und Morden an kurdischen Zivilisten durch Regierungskräfte wischt er – wie auch Funktionäre der neuen Regierung – beiseite. „Wir haben allen vergeben“, sagt der Scheich mit dem Großmut eines Siegers. Um jene mit Blut an den Händen solle sich jetzt der Staat kümmern.

Und der verfährt mit den Leuten, die für den Sicherheitsapparat der Autonomieregierung gearbeitet haben, ähnlich wie mit den Funktionären des Assad-Regimes. Sie müssen sich auch auf bürokratischem Wege mit den neuen Machthabern „versöhnen“ und sich dafür in eigens eingerichteten Büros registrieren. Schon am frühen Morgen stehen Hunderte von ihnen in straßenlangen Schlangen fröstelnd vor dem Eisentor eines früheren SDF-Behördensitzes. Vermummte Kämpfer der Damaszener Führung schreiten zwischen den akkurat aufgereihten Männern auf und ab.

Ehemalige Mitarbeiter des SDF-Apparats wollen sich offiziell registrieren lassen
Ehemalige Mitarbeiter des SDF-Apparats wollen sich offiziell registrieren lassenAP

Wer eine Waffe abzugeben hat, kommt zuerst dran. Drinnen müssen die Leute Namen und Position im SDF-Apparat angeben, dann wird ein Foto gemacht, dann werden die Fingerabdrücke genommen, dann bekommen die Betroffenen einen schriftlichen Nachweis für ihre Meldung. Drei Monate soll im Anschluss die Überprüfung dauern.

Vielen der Wartenden sind Härten und Armut in die Gesichtszüge gemeißelt. Manche tragen nicht einmal Socken und warten seit Stunden, bis sie an der Reihe sind. Und mit wem man auch über die Gründe spricht, sich dem verhassten Sicherheitsapparat oder Militär der Autonomieregierung angeschlossen zu haben – es kommt immer dieselbe Antwort: aus Verzweiflung und wirtschaftlicher Not.

IS-Mitgliedschaft als Vorwand für die Inhaftierung

„Es gab keine Arbeit hier, die einzigen Jobs, die uns überlassen waren, waren die kriminellen“, sagt ein Mann, Mitte vierzig Jahre alt, der sich nur Wissam nennt. Wie andere in der Schlange berichtet er von täglichen Demütigungen durch arrogante kurdische Vorgesetzte. „Die hohen Kommandeure waren immer Kurden. Es gab auch immer PKK-Kader, von denen man nicht genau wusste, was sie machten, aber ohne deren Erlaubnis nichts passieren konnte.“

Der Mann reiht sich außerdem in eine lange Liste von Leuten in Raqqa ein, die sagen, dass viele der Häftlinge in den Gefängnissen, anders als von den SDF behauptet, nicht dem IS angehörten. Das sei der klassische Vorwand gewesen, um Gegner oder andere unliebsame Personen auszuschalten, und Ausdruck rassistischer Vorurteile gegenüber der arabischen Bevölkerung. Wenige Tage nach dem Rückzug der SDF ließen die neuen Machthaber 126 minderjährige Häftlinge frei, die im Aqtan-Gefängnis, einer großen und berüchtigten Haftanstalt etwas außerhalb von Raqqa, einsaßen.

Eine junge Apothekerin namens Helen Ahmad Ismail wurde 2022 festgenommen. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, verdeckt die Haare mit einem bunten Kopftuch, trägt zugleich enge Jeans.

Sie hatte damals – auch gegenüber einem ausländischen Journalisten – mit freimütiger Kritik nicht hinter dem Berg gehalten. Sie hatte Korruption und Vetternwirtschaft angeprangert, sich über den grassierenden Drogenhandel ausgelassen und bissige Witze über Annäherungsversuche mächtiger Kader gerissen, die ihre Position ausnutzen wollten. „Sie haben mir Terrorismus vorgeworfen“, sagt die junge Frau. Mit islamistischem Fundamentalismus hatte sie damals wie heute augenscheinlich nichts zu tun. Als sich seinerzeit westliche Diplomaten bei kurdischen Stellen nach ihr erkundigten, wurde ihnen gegenüber behauptet, die Apothekerin sei in den Drogenhandel verwickelt gewesen.

„Diese Hunde, diese Hunde, diese Hunde“

Die junge Frau sitzt jetzt wieder hinter der Ladentheke und erzählt von Folter und sexueller Gewalt, die sie in einem Gefängnis in der SDF-Bastion Hassakeh erlitten habe. Draußen auf dem Naeem-Platz, wo die Buchstaben des mannshohen „I love Raqqa“-Schriftzugs jetzt in den Farben der neuen Regierung lackiert sind, laufen die abendlichen Befreiungsfeiern.

Aber Helen Ahmad Ismail wirkt trotz der Freude über die neuen Machtverhältnisse bitterer als noch vor drei Jahren. „Diese Hunde, diese Hunde, diese Hunde“, sagt sie. Ihre Gesichtszüge beben. „Von wegen Demokratie und Frauenrechte“, zischt sie. Das ist das Bild, das die Autonomieregierung sich in der Öffentlichkeit zeichne. „Na ja, ich bin auch von Frauen gefoltert worden.“

Die Apothekerin berichtet von Jungfräulichkeitstests, die kurdische Peiniger an ihr vorgenommen hätten, von versuchten Vergewaltigungen und körperlichen Misshandlungen. Trotz einer ausgekugelten Schulter sei sie an ihren Händen aufgehängt worden. Man habe ihr Chilis in die Nasenlöcher gesteckt und sie dann gezwungen, dadurch zu atmen. Sie habe 30 Kilo in der Haft verloren, etwas weniger als die Hälfte ihres Körpergewichts. Man habe ihr den Goldschmuck gestohlen und von der Familie 100.000 Dollar für ihre Freilassung gefordert.

Helen Ahmad Ismail hofft, dass die Verantwortlichen für ihr Leid zur Rechenschaft gezogen werden. Aber die Machtverhältnisse in Hassakeh, das im kurdischen Kernland liegt, dürften künftig weniger eindeutig verteilt sein als in Raqqa. Am Montag sind Kräfte des Damaszener Innenministeriums in Teile der Stadt eingerückt. Die SDF verhängten daher eine Ausgangssperre. Eine vollständige Übernahme durch Damaskus dürfte es aber erst einmal nicht geben.

Die wacklige Ruhe und der noch immer ungewisse Ausgang des Machtkampfes zwischen der Zentralregierung und der Autonomieregierung ist nicht der einzige Grund, aus dem die winterlichen Frühlingsgefühle in Raqqa eingetrübt sind. Das Stadtbild ist noch immer gezeichnet von der Gewalt der vergangenen Jahre, von zerstörten Häusern und geschundener Infrastruktur.

Eine der wichtigen Brücken über den Euphrat wurde kurz vor dem Abzug von den SDF zerstört. Die Fahrbahn ragt jetzt steil wie eine Rampe in die Höhe, Autoschlangen schieben sich mühsam an den Trümmern vorbei. Ein wirtschaftlicher Aufschwung, der die erschöpften Einwohner Raqqas aus ihrer Armut befreit, ist nicht in Sicht. Ein junger Universitätsdozent ist besorgt über islamistisches Gedankengut und eine „dschihadistische Mode“, die sich unter Jugendlichen in der Gegend ausgebreitet hätten.

Nicht alle trauen den neuen Machthabern ganz über den Weg

„Raqqa braucht Chancengleichheit und Gerechtigkeit“, sagt Abdullah Darbuk, ein bekannter politischer Aktivist aus der Stadt, der im August 2025 vom SDF-Apparat verschleppt wurde. Zu lange seien die Syrer wie Vieh gemolken worden. Unter den etwa 80 Mitgefangenen, die er während seiner mehrmonatigen Haft kennengelernt habe, seien keine IS-Dschihadisten gewesen, berichtet er. „Auch ich saß wegen meiner politischen Überzeugungen.“

Darbuk ist erst vor wenigen Tagen aus dem Aqtan-Gefängnis freigekommen. Wie berauscht sei er gewesen, als er von dem Machtwechsel in Raqqa erfahren habe, der ihm die Freiheit brachte. Seine bescheidene Wohnung ist prall gefüllt mit Freunden und Verwandten, die bis spät in die Nacht zu Besuch kommen. Sie bringen Geschenke wie Süßwaren oder eine prächtige Koran-Ausgabe, durch die Darbuk dankbar blättert. Er wirkt müde und sagt, er wünsche sich nichts als Ruhe.

Darbuk hatte Ärger mit allen, die zuletzt in Raqqa herrschten. Das Assad-Regime verfolgte ihn, weil er sich den Protesten angeschlossen hatte. Unter der IS-Herrschaft saß er im Gefängnis. Dann brachte ihn die Kritik an den SDF in Schwierigkeiten. Über letztere kann er schon wieder spotten. „Sie haben nichts für die Entwicklung der Stadt getan“, sagt er. „Sie haben vor allem Tunnel zur Verteidigung gebaut. Andere bauen Zivilisationen auf – die bauen Tunnel.“

Auch den neuen Machthabern traut Abdullah Darbuk nicht ganz über den Weg. Ahmed al-Scharaa beschreibt er zwar als flexiblen und gebildeten Mann, der richtige Dinge sage, freie Wahlen ankündige. „Aber ich habe Angst, dass er seine Versprechen bricht“, sagt Darbuk. „Dass die Tage der Dunkelheit wiederkehren.“ Dann hält er einen Moment inne, grinst und fügt hinzu: „Mein Gott, wahrscheinlich handle ich mir jetzt schon wieder eine Zeit im Gefängnis ein.“