Vielleicht geht Mirjam Schaubs Entscheidung, über „Radikalität“ nachzudenken, zurück auf einen Fund, den sie im Hamburger Institut für Sozialforschung gemacht hat: ein Brief Gudrun Ensslins vom 3. Juni 1969 an ihren damaligen Rechtsanwalt Horst Mahler. Kurz vor der Freilassung aus dem Gefängnis, wo sie wegen Brandstiftung in einem Kaufhaus einsitzt, ein paar Monate vor dem endgültigen Abtauchen in den Untergrund, schreibt sie über die „Revolutionierung der Revolutionäre“, das „Scheißproblem der Autorität“, „dogmatisches, engstirniges Agieren“ und vor allem über die Vorzüge des Haschischkonsums.
Eine Bemerkung Ensslins hat es Schaub besonders angetan: dass man „nur radikal“ sein könne, wenn man „auch ein bißchen schrullig“ sei. Schaub nimmt dieses „aufrührende Zeugnis“ zum Anlass, über „Radikalität“ anders nachzudenken: Sie richtet ihren Blick nicht auf politische Programme oder sozialen Sprengstoff, sondern auf Eigensinn, Geisteszustand und Lebensart derer, die radikal sind oder sein wollen.
Von Sokrates über mittelalterliche Nonnen bis zu den Protesten der „Letzten Generation“
Zu Beginn erinnert Schaub an eine französische Abiturfrage aus den Achtzigerjahren: „Würden Sie für eine Idee sterben?“ Die heutige Brisanz dieser Frage interessiert Schaub nicht, sondern dient ihr als Zugang zum Thema Radikalität, die sich durch den Einsatz mit ganzem Herzen und die Weigerung auszeichne, fünf gerade sein zu lassen. Aus dieser einfachen Charakterisierung erschließen sich sogleich die Untertitel der beiden Bände dieses fast neunhundertseitigen, mit Abbildungen und Randnotizen versehenen Werkes: Der erste Band befasst sich mit dem „Riss zwischen Theorie und Praxis“ und dem Kampf gegen die Neigung, Hü zu sagen und Hott zu tun (Gudrun Ensslin: „Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln Unrecht ist“).

Der zweite Band widmet sich dem „Gebrauch des eigenen Lebens“, also dem existenziellen Einstehen für eine Sache oder dem Experimentieren mit sich selbst „auf Teufel komm’ raus“. Eigentlich handelt es sich hier um zwei Seiten derselben Medaille, weshalb es oft genug um beides geht. Dabei beschränkt sich Schaub nicht auf Politik, sondern behandelt auch philosophische, religiöse, soziale und ästhetische Dimensionen ihres Phänomens. Der historische Bogen spannt sich von Sokrates über mittelalterliche Nonnen und venezianische Maskenträger bis zu den lebensgefährlichen Performances Marina Abramovićs und den Protesten der Letzten Generation.
Auf den ersten Blick ist dieses Buch ein Ärgernis. Schaub macht sich die Sache zu einfach und damit zugleich ihren Lesern das Leben schwer: Erklärtermaßen will sie auf „moralische“, normative Bewertungen verzichten, aber mit ihrer simplen Gegenüberstellung, Radikale seien bereit zum Sterben, Extremisten dagegen bereit zum Töten, zieht sie jene doch schwups ins Lager der Guten. Sie werden dafür gelobt, „peinlich die Integrität des oder der Anderen“ zu achten und „ihre eigene Unschuld“ zu bewahren. Streng genommen muss das Töpfchen, das Schaub für diese Art von lieben, guten Radikalen bereithält, ziemlich leer bleiben, denn selbst ein so harmloser und wirklich schrulliger Radikaler wie Henry David Thoreau hielt die Gewalt gegen Sklavenhalter als letztes Mittel für gerechtfertigt.
Historische Wurzeln des Radikalismus
Auch ist die Wahl der Protagonisten und Themen erratisch und eklektisch. Mal wird Max Stirner, der krasseste Egoist der Philosophiegeschichte, zum Vorbild erklärt, mal wird eine Eloge der Empathie gesungen. Warum Kryptowährung und Veganismus prominent in einem Kapitel über Popkultur vorkommen, ist schwer verständlich. Dafür, dass „Dostojewski, Bakunin und Blanqui“ unerwähnt bleiben und die Zeit „zwischen 1832 und 1963“ fast komplett „ausgelassen“ wird, gibt Schaub die lahme Entschuldigung, die „zwei Bände in einem lesbaren Umfang“ halten zu wollen. Marx und Nietzsche kommen nur nebenbei vor; Craig Calhouns bahnbrechende Forschungen zu den historischen Wurzeln des Radikalismus bleiben unerwähnt.

Fast schon radikal ist die Zahl der (Druck-)Fehler. Max Weber hat nicht im Jahr „1924“ eine Schrift mit dem Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Calvinismus“ veröffentlicht, der amerikanische Dichter Allen Ginsberg war nicht „protestantischen“ Glaubens, statt „Reduktion“, „Liturgie“, „Triumph“, „Nötigung“, „partito d’azione“, „Weirdo“ stehen im Text „Redukation“, „Lithurgie“, „Triumpf“, „Nötung“, „partito d’azone“, „Wired-Do“. Man begegnet Karl Max statt Karl Marx, Paul Eduard statt Paul Éluard, Michel Friedmann statt Friedman – und weiß nicht, was es heißen soll, dass der Philosoph Peter Singer „deliberalistische“ Positionen vertritt.
Trotzdem muss man deutlich sagen: Dieses Buch ist eine gelungene Überraschung. Wenn man über seinen Ärger hinwegsieht, dann erlebt man so etwas wie ein blaues Wunder. Manchmal wünscht man sich, diese Reise in ferne und doch nahegehende Welten würde tatsächlich kein Ende finden. Mirjam Schaub rollt die Kulturgeschichte vom Rand auf, arrangiert Treffen mit sperrigen, rührenden Gestalten, entlockt ihnen ihre Geheimnisse und verwickelt sie ins Gespräch über Jahrtausende hinweg.
Eine Nonne, die sich selbst ans Kreuz schlägt
Schaub ist fasziniert von jenen Radikalen, die sich mit der Theorie-Praxis-Lücke nicht arrangieren wollen. Sie schildert den Streit um diese Kluft, der sich in der Antike an Sokrates als „Erhabenheitsschwätzer“ (Aristophanes) oder aber als brandgefährlichem Störenfried festmacht und dann zwischen Stoikern und Kynikern hochkocht. Schaub schlägt sich auf die Seite Michel Foucaults, der die Kyniker in seiner letzten Vorlesung vom Frühjahr 1984 für ihren „Mut zur Wahrheit“ gefeiert hat. Ein Satz, der an vielen Stellen passen würde, lautet: „Zur Beantwortung dieser Frage muss ich ausholen, denn nichts hiervon ist Allgemeingut.“
Im Kapitel über Religion macht Schaub Station bei Märtyrern und Apokalyptikern, schließt Bekanntschaft mit der Nonne Elsbeth von Oye, die sich selbst ans Kreuz schlägt, um Christus nahe zu sein, und mit der Heiligen Wilgefortis, hinter deren Namen sich eine virgo fortis, also eine starke Jungfrau verbirgt, die ihre Keuschheit durch das Spontanwachstum eines Damenbarts schützt. Am Leitfaden radikaler Unbedingtheit eröffnet sich dann ein kurzer Weg von den Nonnen zu der peinigenden Kunst Marina Abramovićs.
Dass die Radikalität nicht nur mit Schmerzen, sondern auch mit Scherzen assoziiert ist, zeigt sich im Kapitel über die venezianischen Masken, die als Mittel entschlüsselt werden, sich der Geschlechterordnung zu entziehen und in eine Welt der Anonymität einzutauchen, wo alle gleich erscheinen und „sich freimütig der Diskussion heikler oder ansonsten sorgsam gemiedener Themen hingeben“. Hier und bei anderen Gelegenheiten kommt es zu einer radikalen Entgrenzung und Entregelung von Lebensweisen oder, wie Schaub sagen würde, von Gebrauchsweisen des Lebens. Wichtig ist ihr nicht nur, dass es neben dem radikalen Ernst den radikalen Spaß gibt, sondern auch, dass eines ins andere umschlagen kann. So vollführt sie einen halsbrecherischen Ritt von Venedig über die Guy Fawkes-Maske zum Film „V wie Vendetta“ und zum radikalen Protest unserer Tage.
Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten
Schaubs Interesse am radikalen Protest richtet sich, wie erwähnt, auf Gudrun Ensslin – aber nicht nur. Sie versucht, den Jahren vor dem Terror ihre Eigenständigkeit zurückzugeben. Ein Glanzstück des Buches ist ein Vergleich zwischen drei älteren Herren, die auf verschiedene Weise mit dem Studentenprotest der Sechzigerjahre zu tun hatten: Theodor W. Adorno, Ernst Heinitz und Helmuth Plessner. Adorno kommt bei Schaub wegen seines – doch selbst radikalen! – Beharrens auf der Differenz zwischen Theorie und Praxis schlecht weg.
Ernst Heinitz wird gewürdigt als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, der dann als Berliner Juraprofessor über den „Überzeugungstäter im Strafrecht“ nachdenkt und Gudrun Ensslin als Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes fördert. Helmuth Plessner entpuppt sich als wohlwollender Kommentator der „Unruhestifter, Neuerer, Umstürzler“, die sich mit den „Managern und Apparatschiks“ anlegen, welche „auf der Sparflamme der Routine in allen Büros der Welt mit Wasser kochen“.
Plessner ist insgesamt Schaubs wichtigster philosophischer Gewährsmann, dem sie in vielen Punkten folgt, gegen dessen „Kritik des sozialen Radikalismus“ von 1924 sie aber auch Einwände erhebt. Plessners väterliches Verständnis für die Rebellen spiegelt sich in Schaubs mütterlicher Empfehlung an die „Klimakleber“, mit der „zur Schau gestellten Selbstverletzung“ die Mitmenschen nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen. So findet die Reise durch das Wunderland der Radikalität ein abruptes Ende beim Kratzen am Sekundenkleber. Dass die Geschichte damit nicht schon ganz am Ende ist, weiß Mirjam Schaub von Ludwig Feuerbach: „Die Menschheit muss von Zeit zu Zeit das Kind mit dem Bade ausschütten.“
Mirjam Schaub: „Radikalität“. Band 1: Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis / Band 2: Radikalität und der Mut zum Gebrauch des eigenen Lebens. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2025. Band 1 & 2: 848 S., Abb., geb., 94,– €. Auch einzeln erhältlich.
