„Rabbit Hole“, das ARD-Format für junge Zuschauer: Halten die uns für blöd? – Medien

„Es geht um euer Geld“, sagt der Reporter Johannes. Dramatische Musik setzt ein, und die erste Folge von „Rabbit Hole“ beginnt. Das neue Format aus der „Tagesschau“-Redaktion des NDR richtet sich an junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die lernen sollen, KI-generierte Fakes von Fakten zu unterscheiden. Denn auf Instagram, Tiktok und Youtube kursiert KI-generierter Müll, Deepfakes und Desinformationen. Laut einer großen internationalen Studie aus dem vergangenen Jahr scheint es sicher zu sein, dass junge Menschen besonders anfällig für diese Fakes sind: Die 66000 Teilnehmenden sollten Aussagen in Fakten und Fakes unterscheiden. Das fiel ihnen schwer.

In der ersten Folge von „Rabbit Hole“ geht es um KI-generiertes Gemüse, das auf Social Media dubiose Ernährungstipps gibt. Ein Brokkoli mit Gesicht behauptet, Krebszellen zu bekämpfen; eine Zimtstange erklärt, schon ein Teelöffel wirke gegen Diabetes. Der Faktencheck soll aufzeigen, dass diese Gemüsetipps harmlos wirken, aber „wirklich unwissenschaftlich“ sein können. Echt jetzt? Um darauf zu kommen, dass ein Teelöffel Zimt pro Tag keine Diabetes-Medikamente ersetzt, muss eine 20-jährige Person nicht erst beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung nachfragen, wie es in der Folge gemacht wird.

Wir sind hier nicht beim Kinderfernsehen

In der zweiten Folge nimmt sich „Rabbit Hole“ ein härteres Thema vor: Falschinformationen in Bezug auf den Iran-Krieg. Die Faktenchecker zeigen, dass angebliche Videos von Bombenangriffen in Iran, die im Internet kursieren, aus früherer Berichterstattung an ganz anderen Orten stammen, oder aber KI-generiert sind. Sie heben außerdem hervor, dass man die Aussagen von Influencern aus Dubai nicht immer für bare Münze nehmen dürfe. Auch hier wieder bleibt das Gefühl: Wir sind hier nicht beim Kinderfernsehen, eine erwachsene Person braucht für diese Erkenntnis nicht unbedingt den Faktencheck der „Tagesschau.“

Ein größeres Problem ist die Art und Weise, in der die Öffentlich-Rechtlichen hier ihre junge Zielgruppe adressieren. Es ist, wie soll man sagen, cringe. Das Format bedient sich einer Ästhetik, die man eher aus Videos des Youtubers Rezo kennt. Der Sprecher sitzt am Schreibtisch, die Kamera filmt ihn entweder von schräg oben, oder er spricht mit schief gelegtem Kopf und intensivem Nicken direkt in sie hinein – als hätten sie bei der ARD keine Fernsehstudios, sondern würden wie Youtuber aus dem Schlafzimmer filmen. Das alles im Querformat. Die Faktenchecker interagieren so seltsam miteinander, dass es fast eine Parodie sein könnte. „Hi, ich hab gehört, du hast einen Tipp bekommen?“, fragt Johannes. „Ja genau, und zwar von Craig Silverman, das ist ein Investigativjournalist“, antwortet Alice. Oder: „Verstehst du, warum sie die Lage so schönreden, checkst du das?“ Fehlt nur noch, dass jemand ausruft: „Das crazy!“

Die Frage ist, wer hier erreicht werden soll. Die Plattformen, auf denen „Rabbit Hole“ ausgespielt wird, sind die ARD-Mediathek und Youtube. Auf Tiktok  und Instagram sind bisher nur Teaser zu finden, dabei ist gerade Letzteres das meist genutzte Medium für Nachrichten bei 18- bis 24-Jährigen, das geht aus einer Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung hervor.

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Die Recherche in „Rabbit Hole“ ist dafür sorgfältig. Alice und Johannes zeigen in der ersten Folge anhand von zwei Beispielen, wer hinter den Accounts steckt, die diese Ernährungstipps posten: ein fragwürdiger Ernährungscoach, der für 5800 Euro sein Abnehmprogramm verkaufen will, und ein Arzt, der Bücher zu „gesunder“ Lebensführung und Ernährung verkauft.

Sie erklären Schritt für Schritt, wie sie vorgegangen sind, und verlinken ihre Quellen in einem separaten PDF-Dokument. Und gerade in der zweiten Folge gelingt es zu zeigen, wie Journalisten Informationen überprüfen: Durch die Bilderrückwärtssuche zeigt sich, dass ein Video, das einen Bombenangriff in Iran zeigen soll, in Wahrheit aus Syrien ist. Mithilfe von Koordinaten, Satellitenbildern und einem genauen Blick wird deutlich, dass ein KI-generiertes Satellitenbild im Umlauf war.

Die Idee hinter „Rabbit Hole“ ist nicht schlecht. Trotzdem ließe sich über den Zuschnitt der Sendung auf die Zielgruppe nochmal sprechen. Junge Menschen, die wirklich an tiefgründigen und gut recherchierten Beiträgen interessiert sind, fühlen sich durch die Ansprache eher für dumm verkauft. Junge Menschen, die nicht an tiefgründigen und gut recherchierten Beiträgen interessiert sind, wird dieses Format nicht erreichen. „Rabbit Hole“ wird sie nicht bekehren können – so gerne die Sendung das auch möchte.