„Quitter’s Day“: Warum wir mehr von unseren Niederlagen sprechen sollten

Natürlich gibt es auch dafür jetzt einen englischen Begriff. Der zweite Freitag eines Jahres ist längst auch bei uns der „Quitter’s Day“. Der ist nicht zu verwechseln mit dem Quittentag des Klosters Bronnheim, an welchem – zuletzt allerdings nur unregelmäßig – im Herbst Fruchtsaft gewonnen wird; beim Quitter’s Day hingegen geht es ums Verlieren.

An keinem anderen Tag nämlich verabschieden sich angeblich mehr Menschen von ihren guten Vorsätzen fürs angebrochene Jahr: Mit ihm finden Dry January, Veganuary, Sugarfree Challenge und Bikini-Body-Work-out-Plan ihr frühzeitiges Ende. Und während die Leute den Beginn ihrer Aktionen fröhlich hinausposaunen und Selfies von der verschneiten Laufstrecke posten, wird der Quitter’s Day in schamvoller Stille begangen. Wer dagegen auf gute Vorsätze ganz verzichtet hat, darf sich dazu beglückwünschen, die erste Niederlage des Jahres vermieden zu haben.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Er kann sich jedoch sicher sein: Andere werden folgen. Kleine und große Niederlagen, demütigende und dämliche, wie in jedem Jahr zuvor und gewiss in jedem darauffolgenden auch. Der Trost, dass dies allen anderen ebenso ergeht, ist deshalb besonders schwach, weil man es nur mutmaßen kann. Denn von den eigenen Niederlagen, das liegt in der Natur des Menschen, erzählt man nur selten.

Überall Siegertypen

Stattdessen sehen wir uns umgeben von Siegertypen, die uns auf Social Media an ihrem neiderregend glanzvollen Alltag teilhaben lassen, bevorzugt über den großen Depressionsbeschleuniger Instagram. Der dritte Dubai-Trip in zwei Jahren, die schicke Handtasche zum Influencerinnen-Rabatt und die innige neue Lebensliebe („Danke dir, Schatz, für unvergessliche drei Monate“): Dass die Freude der Follower darüber mit jener der Gefolgten nicht Schritt hält, ist hinreichend bekannt.

Der Homo sociomedicus ist, sofern er nicht gerade einen nachdenklichen Post zur mentalen Gesundheit absetzt, grundsätzlich glücklich, hat viel Freizeit und viele nicht minder glückliche Freunde. Dass sich laut Studien ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland wenigstens zeitweise einsam fühlt, will dazu nicht passen, die Einsamkeit bildet sich in den Sozialen Medien kaum ab. Haben all die Einsamen gar keinen Insta-Account?

Das war ja klar, dass das jetzt passiert. Ärgern tut man sich trotzdem.
Das war ja klar, dass das jetzt passiert. Ärgern tut man sich trotzdem.Picture Alliance

Die strahlenden Sieger aber begegnen uns auch im echten Leben, jedenfalls im Berufsleben. Der Kollege zum Beispiel, der stets wie aus dem Bio-Ei gepellt im Büro erscheint und, wie er beiläufig jedem erzählt, vor der Arbeit eine Stunde Sport getrieben hat. Bestgelaunt bringt er drei Meetings und sechs Calls hinter sich, erstellt zwischendrin ein gamechangendes Konzept und bringt in die Kantine eine Bowl aus Gemüse mit, das er im eigenen Strebergarten geerntet hat. Beim Schul-Musical, das er gleich besucht, singt sein Töchterchen die Hauptrolle, und am Wochenende reist die ganze fröhliche Familie nach Sylt, um bei einer phantastischen Feier auf noch viel mehr tolle Verwandtschaft zu treffen. Das Leben, führt der Kollege uns vor, kann unheimlich schön sein, und die Betonung liegt auf: unheimlich.

Vom Dasein überfordert

Natürlich ist er nicht der Einzige seiner Art, was das eigene tagtägliche Scheitern noch bedrückender macht: Offensichtlich ist man weit und breit der Einzige, der von grundlegenden Herausforde­rungen des Daseins überfordert ist. Die Milch, die man sich morgens in den Kaffee schüttet, flockt schon wieder, doch bevor man es merkt, hat man die halbe Tasse getrunken. Wie blöd wetzt man zur wartenden Straßenbahn, deren Fahrer einem, feixend vermutlich, die Türen vor der Nase zuklappt. In der Kantine kleckert man sich Bratenfett aufs Hemd, kurz bevor der Chef überraschend Zeit hat für das vor Tagen angefragte Gespräch. Und hat man an die Rundmail gerade wirklich die falsche Datei gehängt? All die Leben-im-Griff-Haber auf der Empfängerseite dürften da jovial schmunzeln. Ganz im Gegensatz zum Ehepartner, der ebenfalls einen ganz miesen Tag im Job hatte, sodass man sich nach Feierabend noch ausgiebig streitet. Klar, dass der ganze Bürokratie-Kram daheim dann wieder liegenbleibt. Und erst als man schon fast einschläft, fällt einem auf, dass das Quittenkloster gar nicht, wie man geschrieben hat, Bronnheim heißt, sondern Bronnbach. Na, dann gute Nacht.

Nur wenn man den Leuten etwas näherkommt, erfährt man, dass man so allein gar nicht ist. Dass auch andere oft niedergeschlagen sind, etliches nicht auf die Reihe kriegen, an ihren Kindern nicht nur Freude, sondern mitunter arge Sorgen haben. Doch wer trägt das gern nach außen? Nach außen wollen alle der FC Bayern sein, ungeschlagen seit gefühlt zwölf Jahren. Doch der Mensch ist ein Mängelexemplar. Ein paar von uns sind vielleicht der BVB, der zwar leidlich erfolgreich ist, im Vergleich mit den Bayern aber stets als Verlierer dasteht. Die meisten sind allerdings irgendwelche Regionalligaklubs oder, noch weiter unten, welche aus der Kreisklasse, wo das eine oder andere Trikot zwickt und statt elf Spielern bisweilen nur acht auflaufen.

Wir sind nicht Bayern München

Und das ist gar nicht schlimm, denn diese Vereine werden zwar nicht bewundert, aber anders als Bayern München auch nicht gehasst; von der bayerischen Siegesserie dürfte selbst mancher Fan angeödet sein. Und bevor die alte Leier von der deutschen Neidgesellschaft ertönt, die niemandem den Erfolg gönne: Natürlich soll jeder Erfolg haben dürfen. Es ist nur so, dass Erfolg nicht jeden sympathischer macht – und da muss man gar nicht an den entsetzlichen Donald Trump denken und dessen Zwang, noch seinen Besuch des Aborts als historisch bedeutendsten aller Zeiten zu verkaufen.

Wenn wir entweder Tom Cruise zu uns einladen dürften oder Laurel & Hardy, dann würden wir uns, ohne zu zögern, für die liebenswerten, begnadeten Verlierertypen entscheiden. Ein köstlicher Abend wäre garantiert, auch wenn es hinterher länger dauern würde, die Wohnung wiederherzurichten.

Ab und an erzählt jemand auch in der Öffentlichkeit vom eigenen Scheitern. Bei den sogenannten „FuckUp-Nights“ bekennen sich Unternehmer zu ihren Fehlern, die in diesem Rahmen als stinknormale Entwicklungsstufen auf der glücksritterkapitalistischen Karriereleiter erscheinen: Erst zwei, drei Insolvenzen machen den Selfmademillionär komplett. Doch darf man nicht auch scheitern, ohne gleich draus lernen zu müssen? Manche von uns würden das sogar als ihre Kernkompetenz bezeichnen.

Gescheitert am Scheitern

Am Scheitern gescheitert scheint uns Bianca Heinicke, die mit „Bibis Beauty Palace“ Deutschlands lange Zeit populärsten Youtube-Kanal betrieb und sich vor vier Jahren abrupt aus der schönen Scheinwelt zurückzog. Nun ist sie zurück mit einem brandneuen Ich, und das „brand“ bei brandneu darf man durchaus als brand lesen, als Marke. Ihr Selbstfindungsbuch heißt: „Wie man Geschichte schreibt – denn dein Leben verändert die Welt“. Bei der nächsten FuckUp-Night wäre der Titel schon mal ein Brüller.

Ein kleines bisschen die Welt verändern könnten wir allenfalls alle zusammen. Indem wir uns weniger Erfolgsgeschichten vorspielten, sondern einander mehr von unserem Scheitern erzählten, von unseren Schwächen, Ängsten und Fehlern. Die Gesellschaft würde näher zusammenrücken, ja menschlicher werden. Ein erster Schritt könnte es sein, den Quitter’s Day nicht mehr im Verborgenen zu begehen, sondern die sozialen Medien mit unserem Versagen zu fluten: „Es war mir zum Laufen zu kalt, bin im Bett liegen geblieben.“ – „Habe gestern Abend doch wieder Wein getrunken, und zwar nicht nur ein Glas.“ Jeder kleine Verlierer könnte dann erkennen, dass er nicht isoliert ist – sondern Teil eines großen gemeinschaftlichen Scheiterhaufens.