Stadtlohn, eine westfälische Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern liegt nahe der niederländischen Grenze. Die in New York lebende Jazz-Saxophonistin Ingrid Laubrock kommt von hier, sowie Bernd Rothmann, eine zentrale Figur der Wiedertäufer. Der US-Kulturkritiker Greil Marcus stellt in seinem berühmten Essay „Lipstick Traces“ die Vermutung an, dass Wiedertäufer die erste Subkultur gewesen sein könnten.
Über Jahrzehnte profitierte die Kleinstadt und ihre Menschen seit den 1960ern vom wirtschaftlichen Erfolg einer großen Möbelfabrik, die jedoch vor wenigen Jahren in Konkurs ging. Es gab in der Region genügend mittelständische „Hidden Champions“, um die Pleite strukturell aufzufangen. Das Ruhrgebiet ist auch nicht weit und die Anschlussstelle „Gescher/Coesfeld“ der Emslandautobahn A31 liegt nur wenige Kilometer entfernt.
Ausgerechnet in dieser katholischen Diaspora gibt es seit den späten 1980er-Jahren ein überaus interessantes subkulturelles Phänomen zu beobachten: Stadtlohn hat eine der größten und aktivsten Psychobilly-Szenen in ganz Europa.
Vor wenigen Tag fand im örtlichen Festsaal des ehemaligen Kolpinghauses „Kettlerhaus“ das „2. Stadtlohner Billyfest“ statt. Wie der Titel schon andeutet, gab es Psychobilly-Bands zu bestaunen, aber zur Abwechslung auch Ska, etwa von der Gute-Laune-Kapelle SKAOS aus dem schwäbischen Krumbach. Die eigentliche Sensation des Abends war jedoch ein Auftritt der 1982 gegründeten walischen Psychobilly-Kultband Demented Are Go, die zum ersten Mal in Stadtlohn spielte. Für viele im Saal ging an diesem Abend ein Traum in Erfüllung.
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Psychobilly entstand als Jugendkultur in den 80er-Jahren in England, die Szene rund um den berüchtigten „Klub Foot“ im Londoner Stadtbezirk Hammersmith gilt als Keimzelle. Psychobilly heißt so, weil es eine punkig verzerrte, schnellere Version von US-Rockabilly, dem ländlichen harten countryfizierten Rock’n’Roll der 1950er ist. Psychobillys tragen gerne eine auffällige „Flat“-Frisur – eine Art hochgeföhnter und mit Haarspray fixierter Teddy-Tolle – sowie mit Domestos gebleichte Jeans. Dazu Baseballjacken und Doc Martens, am besten mit Stahlkappen: Man weiß ja nie.
Der Psychobilly-Sound ist laut und hart – der für die Musik typische Kontrabass wird schnell und perkussiv mit einer speziellen Slap-Technik bespielt. Der Berliner Musiker Brezel Göring (Stereo Total) stellte einmal die steile These auf, dass sich Psychobilly womöglich zu einer viel größeren globalen Jugendkultur entwickelt hätte, wenn nicht zur gleichen Zeit Acid-House mit einer ähnlichen Energie und Monotonie entstanden wäre. In Stadtlohn hingegen ist Acid House nie angekommen.
Es gibt eine Londoner Band namens The Meteors um den Sänger und Gitarristen P. Paul Fenech, die bereits Anfang der 80er-Jahre mit ihrem Claim „Only The Meteors Are Pure Psychobilly“ den Anspruch erhob, die einzig wahre Psychobilly-Band auf diesem Planeten zu sein. Ihre Fans nannten sich „Wrecking Crew“ und waren für ihr martialisches Auftreten berüchtigt. Um Demented Are Go versammelte sich ebenfalls eine eingeschworene Fangemeinde, die der Meinung war, dass nur ihre Band die einzig überzeugende dieser Subkultur-Strömung sei. Ihre Fans nannten sich „Demon Teds“.
Lange Zeit buchte kaum ein Festivalveranstalter diese beiden Bands zusammen, da sich die verfeindeten Lager in Fußball-Hooligan-Manier gegenseitig die Köpfe einschlugen. Es war durchaus riskant, auf einem Konzert von Demented Are Go mit einem T-Shirt der Meteors aufzulaufen – und umgekehrt. Und ja, das alles ist gerade mal 30 Jahre her.
Hauerei-Folklore verschiedener Jackengruppen
Die Stadtlohner Psychobilly-Szene, die heute samt Anhang gut 40 Köpfe zählt, entschied sich in den späten 80er-Jahren, sich den Demon Teds anzuschließen. So prügelten sie sich damals nicht nur gerne mit Fans der Meteors, sondern auch mit B-Boys, Punks, Poppern und den „bäuerlichen Normalo“-Vokuhilas in der Westfälischen Tiefebene.
Im Kettlerhaus haben sich an diesem Frühlingsabend gut und gerne 400 Leute versammelt, das Konzert ist ausverkauft. Viele sind aus der Umgebung angereist, sogar ein Paar aus Seattle soll anwesend sein. Ein Ex-Psychobilly mit dem Spitznamen „Kröte“ ist extra aus Granada eingeflogen – er sieht heute eher aus wie ein US-Biker aus dem Spielfilm „Easy Rider“. Aber auch viele „Regulars“ von befreundeten Kegelclubs sind anwesend.
Das Durchschnittsalter dürfte, wie auch bei den Veranstaltern, bei Mitte 50 liegen. Laut aktuellen Statistiken der Pop-Marktforschung entdecken Menschen heute bis zum 30. Lebensjahr neue Musik – die meisten im Saal haben seit den 90er-Jahren wohl keine lebensverändernden Klänge mehr für sich entdeckt. Vor allem die Aufnahmen aus den späten 1980ern sind bis heute umkultet: Songs von Bands wie Frenzy, Guana Batz, Batmobile und eben Demented Are Go.
Einige Psychobillys tragen zur Feier des besonderen Abends liebevoll gestylte Flats, doch die meisten präsentieren vor allem frisch gebügelte Fan-Shirts. Das Demented-Logo ist allgegenwärtig. Im Eingangsbereich hat ein Händler seinen Stand aufgebaut: Vinyl und Merchandising. „Psychobilly ist teurer als Punk!“, sagt Hütze, selbst Sänger einer Punkrock-Band und gelernter Malermeister.
Rechtschaffene Psychos
Die Psychos hier im Saal – zu neunzig Prozent männlich – stehen fest im Leben. Sie arbeiten im Handwerk, in der Industrie oder als Anwälte. Sie haben Familien gegründet und sind das, was man zu Adenauers Zeiten „rechtschaffene Bürger“ genannt hätte. Sie können sich dieses extravagante Vergnügen leisten und besitzen offenbar genügend Organisationstalent, um einen solchen Abend logistisch auf die Beine zu stellen.
Sparky, der Sänger von Demented Are Go, inzwischen über 60 Jahre alt und letztes verbliebenes Originalmitglied, gibt verlässlich den Bürgerschreck. Mit blau gefärbtem Flat und Zombie-Make-up steht er im ehemaligen Kolpinghaus im Scheinwerferlicht und singt von schmutzigem Sex, abgründigen Obsessionen, Drogenexzessen und ruinöser Spiritualität.
In einer Zeit, in der „Eis am Stiel“ im Kino endlos lief und Retro-Schmuserocker wie Shakin’ Stevens eher die schmalzigen Lieblinge von Schwiegermüttern waren, verkörperten die Psychobillys deren Albtraum. Zombies, Vampire und andere unheimliche B-Movie-Horrorwesen dominierten ihre Cover und Poster.
Die US-Band The Cramps, die sich Mitte der 70er in einem Apartement an der Lower East Side von New York gründete, stand Pate für das, was sich wenig später in London entwickelte. Ihr Faible für B-Movies, Trash-Kultur und obskure Rockabilly-Stotter-und-Schluckauf-Sänger wie Hasil Adkins oder den Flintstone-R&B der Sonics prägte das Genre. Deren Song „Psycho“ von 1966 hat für viele Psychobilly-Fans bis heute hymnischen Charakter, auch wenn die Sonics eher als Proto-Punk- denn als Prä-Psychobilly-Band gelten. Aber ein Großteil der ’77er-Punk-Bewegung hing bekanntlich genauso in der Blues-Pentatonik fest, wie die unterschiedlichen Billy-Bands.
Theweleits abwesende Väter
Warum diese Geister der „Rock & Roll Hauntology“ ausgerechnet in der erzkatholischen Enklave des Münsterlandes hängen blieben, bleibt auch an diesem Abend ein Geheimnis. Ein Erklärungsversuch: Stadtlohn war einst eine Nazi-Hochburg. Folgt man Klaus Theweleits „Männerphantasien“, glänzten die traumatisierten Väter und Großväter nach 1945 vor allem durch emotionale Abwesenheit. Die Jugendlichen flüchteten sich früh in Saufexzesse und ganz offensichtlich eignete sich der Psychobilly-Sound hervorragend zum euphorischen Aggressionsabbau.
Die Gang-Mentalität, abgeschaut aus US-Coming-of-Age-Filmen wie „The Wanderers“, stiftete Zusammenhalt. Eine Gruppe zur Bewältigung des alltäglichen Wahnsinns – kollektive Verdrängung der NS-Zeit inklusive, narkotisiert durch Doppelkorn und Frankfurter Kranz. Die ersten Psychobilly-Songs kamen wahrscheinlich über den Club „Fabrik“ in Coesfeld nach Stadtlohn, wo man schon Ende der 1980er allen Krach von Post-Punk über EBM bis Psychobilly spielte.
Der Aggressionsabbau funktioniert auch heute noch, wobei das Publikum inzwischen einen recht entspannten Eindruck macht. Man befindet sich schließlich auf einer Ü-50-Party. Hier reißt sich niemand mehr beim Pogo das T-Shirt vom Leib, um stolz seine Tattoos zu zeigen – Tattoos trägt heute ohnehin jeder Fußballprofi. Zudem sind einige der inzwischen erwachsenen Kinder anwesend.
Trotz aller Brutalität ging es früher durchaus „sportlich“ zu: Wer zu Boden stürzte, dem wurde sofort aufgeholfen – ähnlich wie heute in der „Wall of Death“ großer Rockkonzerte. Die Psychos fühlten sich in ihren Gangs jedoch immer als exklusiver Zirkel, als echte „Digger“. Psychobilly läuft bis heute nicht im Dudelfunk und die Gefahr, dass Spotify einem eine solche Band in die Playlist spült, ist gering – auch wenn The Cramps mit „Goo Goo Muck“ durch die Serie „Wednesday“ kürzlich viral gingen. Doch die Cramps distanzierten sich früh von der europäischen Szene, und diese Szene sich von ihnen.
Bizarres Mash-Up mit lustiger Zigarette
Als Zugabe spielen Demented Are Go an diesem denkwürdigen Abend ihre Version von Gene Vincents „Be-Bop-A-Lula“ aus dem Jahr 1956. Sänger Mark „Sparky“ Philips wechselt gegen Ende in den Chorus von „Have a Marijuana“ von David Peel and the Lower East Side (1968) – eine echte Hippiehymne, unterlegt mit hartem Slapbass. Dieses bizarre Mash-up passt erstaunlich gut zum Zustand der Welt im Jahr 2026.
Wirklich bekifft waren an diesem Abend sicher nur wenige, aber – wie fast immer bei Festivitäten in dieser Region – waren am Ende viele stockbesoffen. Am Montag kehren sie alle brav in ihre bürgerlichen Berufe zurück. Denn wie sagten schon ihre Väter, die am Feierabend gern mal einen über den Durst tranken: „Wer saufen kann, der kann auch arbeiten!“
Das ehemalige Kolpinghaus soll übrigens demnächst in Altenwohnungen umgewandelt werden. Für das „3. Skabilly-Fest“ wird man vielleicht in die Stadthalle ausweichen müssen – sofern deren statische Baumängel bis dahin behoben sind. Vielleicht sollte die Kommune Stadtlohn einfach die alte Psychobilly-Gang um Hilfe bei der Planung bitten, statt eine teure Ausschreibung zu beschließen.
Der Autor dieser Zeilen hat bis zu seinem 20. Lebensjahr in Stadtlohn gelebt.
