
Von einem Tag auf den anderen geht der Kollege nicht mehr mit den anderen in die Kantine. Er wird immer einsilbiger, zieht sich zurück, verstummt. Eine andere Kollegin kommt dagegen gar nicht mehr zur Ruhe, ist aufgedreht, arbeitet auch die Pausen durch, macht aber ständig Fehler bei der Arbeit.
Wenn sich das Verhalten vertrauter Menschen wesentlich ändert, kann das auf eine psychische Erkrankung hinweisen. Oder das komplette Gegenteil: „Vielleicht plant jemand ständig die bevorstehende Hochzeit oder durchlebt gerade schwierige erste Monate während einer Schwangerschaft“, zählt Carmen Scharf auf. Sie leitet beim Deutschen Roten Kreuz in Frankfurt einen neuen Kurs, der „Ersthelfer für die Psyche“ schulen will. Dabei sollen Menschen im Berufsleben lernen, wie sie Verhaltensänderungen von Kollegen und Mitarbeitern besser und vor allem empathischer einschätzen und gegebenenfalls auf Hilfsmöglichkeiten hinweisen können.
Jeder vierte Erwachsene erlebt eine psychische Störung
Der Bedarf ist da: Jeder vierte Erwachsene erlebt im Laufe eines Jahres eine behandlungsbedürftige psychische Störung, so das Ergebnis einer Studie des Robert-Koch-Instituts. Doch nur jeder zweite nimmt professionelle Hilfe in Anspruch. Panikstörungen, Depression, Burnout, Schizophrenie – die Krankheitsbilder, denen man unter Kollegen begegnen kann, sind vielfältig. Sie einzuordnen, ist Sache von Experten, aber damit umgehen müssen alle im Team.
Auch wenn die Diagnosen häufig Ängste auslösen: Eine depressive Episode oder ein Burnout können ebenso geheilt werden wie ein gebrochener Arm, sagt Scharf. Je früher ein Betroffener Hilfe in Anspruch nehme, desto besser. Was aber am Arbeitsplatz oftmals fehle, sei die Akzeptanz psychischer Erkrankungen. „Wenn der Arm eingegipst ist, stellt niemand in Frage, dass ich die Maus nicht bedienen kann.“ Bei einer Depression sehe das häufig anders aus.

Was auch immer Menschen belastet und plötzlich zu einer ungewohnten Aufgedrehtheit, Geräuschempfindlichkeit oder zu Konzentrationsstörungen führt: „Es gibt immer einen Grund für das Verhalten eines Menschen“, sagt Scharf. Auch das möchte sie den Teilnehmern des neuen Kurses nahebringen, seien es Mitarbeiter in Personalabteilungen, Führungskräfte oder Kollegen. Kümmern sei eine Aufgabe für jeden im Team: „Wir haben alle den Auftrag, uns gegenseitig wahrzunehmen“, sagt die langjährige Sozialarbeiterin. Das DRK sieht auch Fortbildungsbedarf in den eigenen Reihen, daher ist Carmen Scharf nur eine von mehreren Präventionsbeauftragten.
Die Idee für den Kurs reifte nicht von ungefähr: „Ausgangspunkt war der Psychosoziale Gefährdungsindex“, sagt Mirka Hofferberth, Abteilungsleiterin Personal beim DRK Frankfurt. Hinter der sperrigen Bezeichnung verbirgt sich ein Kennwert, der das Ausmaß psychischer Belastung am Arbeitsplatz beschreibt. Um sich im eigenen Unternehmen ein Bild zu machen, waren Mitarbeiter des Roten Kreuzes, anonym, aber unterteilt nach Berufsgruppen, nach Belastungsfaktoren befragt worden, ein externer Berater wertete die Ergebnisse aus. Nun werden die etwas anderen Erste-Hilfe-Kurse intern wie extern angeboten.
Bevor Carmen Scharf weiter aufzählt, was sie den Teilnehmern vermitteln will, steckt sie erst einmal Grenzen ab: „Wir bilden hier keine Therapeuten aus, und wir stellen keine Diagnosen.“ Das überlasse sie Fachleuten, auf die das DRK auf Wunsch auch verweise. Die Teilnehmer sollen demnach lernen, welche Anlaufstellen es für Betroffene von Panikattacken, Angststörungen oder Suizidgedanken gibt. Dabei dürfe der Kurs auch nicht als Therapiesitzung für Betroffene missverstanden werden. Vor allem gehe es um Sensibilisierung. Etwa, wie man Kollegen danach fragen könne, wie es ihnen gehe, ohne dass die gleich dichtmachten.
Im Kurs werden sich die Teilnehmer gegenseitig befragen und lernen, welche Formulierungen Abwehr auslösen, welche ins Gespräch einladen. Und wie sie letztlich erfolgreich auf geeignete Hilfsangebote hinweisen können.
