Prozess in Frankfurt: Wie ein Serienvergewaltiger seine Verbrechen in Chatgruppen vorbereitet hat

Der Fall Gisèle Pelicot hat nicht nur Frankreich aufgewühlt. Das Schicksal der Frau, die von ihrem Ehemann jahrelang betäubt, missbraucht und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten wurde, hat auf der ganzen Welt Entsetzen ausgelöst und eine Debatte angestoßen über Gewalt an Frauen und die Frage, wie man sie davor schützen kann. Auch Dapeng Z. kennt den Fall Pelicot. Doch bei ihm ruft er kein Entsetzen hervor. Stattdessen schreibt Z. in einem Telegram-Chat, in dem es um den Fall geht: „haha bei so einer Aktion wäre ich gern mal dabei.“

Viele Monate später, im Oktober 2025, sitzt der Vierundvierzigjährige zum ersten Mal auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts – weil er mehrere Frauen betäubt und sie anschließend vergewaltigt hat. Nicht, weil der Fall Pelicot ihn inspirierte, denn von dem erfuhr er erst viel später. Z. war bereits im August 2020 auf einer Pornoseite unterwegs, die bekannt für Vergewaltigungsvideos ist. Dort entdeckt er einen Link zu einer Telegram-Chatgruppe. So wird er es später vor Gericht berichten. Er stößt auf eine Welt, in der echte Vergewaltigungen betäubter Frauen zu sehen sind und in der dies nicht verpönt ist, sondern eher als eine Art Sport angesehen wird, bei dem man sich gegenseitig Tipps gibt.

25 Gruppen werden die Ermittler später auf seinem Smartphone finden – offenbar eine gut abgeschottete Welt überwiegend chinesischer Männer. In einigen tauschen die Mitglieder Anleitungen aus, wie man die Opfer unbemerkt betäubt, um sich anschließend an ihnen zu vergehen. Es werden Fotos und Videos von bewusstlosen Frauen geteilt und auch von dem Missbrauch selbst. In anderen Gruppen geht es um die Medikamente, die dafür benutzt werden: wie man sie anwendet, wie sie am besten wirken, wie man sie bekommt. In manchen werden die Mittel direkt verkauft. Die Chatgruppen tragen Namen wie „Fahrschule für Fortgeschrittene“ oder „Deutsche Fahrschule“. Die Unterhaltungen sind alle in chinesischer Sprache. Manche von ihnen haben mehrere Tausend Mitglieder.

Fünf Monate später setzt er das Gelesene in die Tat um

Sie schreiben übers Autofahren und meinen damit: vergewaltigen. Wenn von „Öl“ oder „Sprit“ die Rede ist, sind eigentlich sedierende Mittel gemeint. Weitere Codewörter: Ein Drei-Teile-Set steht für das Schlafmittel Triazolam, das Beruhigungsmittel Midazolam und das Narkosemittel Sevofluran. Die Bezeichnung „Luxuswagen“ steht für eine besonders gut aussehende Frau; ein „ausländisches Pferd“ meint eine Frau nicht chinesischer Herkunft. Betäubte Frauen bezeichnen sie als „totes Schwein“.

Rund fünf Monate nachdem er diesen Gruppen beitritt, beschließt Dapeng Z., zum ersten Mal das Gelesene umzusetzen: Bei einem Abendessen in seiner Wohnung mischt er einer Freundin ein sedierendes Mittel unter und vergeht sich an ihr. Viermal wird die Frau innerhalb weniger Wochen Opfer des Mannes, von dem sie glaubt, dass er ihr Freund sei. Sie merkt nichts davon.

Danach trifft es noch weitere Frauen aus Z.s Umfeld. Mit dem Schlüssel seiner Nachbarin verschafft er sich nachts Zugang zu ihrer Wohnung und fasst unter ihr Oberteil. Als die Frau um Hilfe ruft, geht er wieder. Einer Arbeitskollegin, die über Kopfschmerzen klagt, gibt er angeblich Paracetamol-Tabletten, die in Wahrheit Schlaftabletten sind. Als sie schläft, fotografiert er sie.

Die Polizei erwischt ihn fast

Im Sommer 2022 bucht Z. eine Übernachtung über Airbnb in Nürnberg. Die Frau, die in dieser Wohnung mit ihrer elf Monate alten Tochter wohnt, kennt er bereits von einem früheren Aufenthalt. Am späten Abend übergibt er ihr eine Schokoladenpraline, in die er zuvor ein sedierendes Mittel gespritzt hat. Zum Schlafen legt sich die Frau auf eine Ma­tratze auf dem Boden, neben ihre Tochter. Kurz darauf verliert sie das Bewusstsein. Längere Zeit vergewaltigt Dapeng Z. die Frau, das Kind hat er währenddessen auf das Bett neben der Matratze gelegt. Als es schreit, gibt er dem Baby zwischendurch eine Milchflasche, wie er in dem Prozess erzählt.

Dann, Ende August desselben Jahres, passiert etwas, das nach dem Vorfall bei seiner Nachbarin ein weiterer Weckruf für Dapeng Z. hätte sein können: Einer Arbeitskollegin in Nürnberg, der er beim Umzug hilft, verabreicht er ein sedierendes Mittel, untergemischt in einer Flasche Orangensaft. Von der später bewusstlosen Frau macht er Fotos – und wird dabei beobachtet. Der Ehemann der Frau, der sich zu diesem Zeitpunkt in China befindet, sieht das Geschehen über eine Kamera, die in der Wohnung installiert ist, und verständigt die Polizei. Den Beamten sagt Z., er habe seine Kollegin fotografiert, weil sie „süß“ aussehe.

Fast eineinhalb Jahre begeht Dapeng Z. danach keine weiteren Taten, dann im Januar 2024 ändert er seine Vorgehensweise – und wird immer skrupelloser. Seine Opfer sind nun nicht mehr Freunde und Bekannte, sondern fremde Frauen. Und zusätzlich wendet er nun Gewalt an, um sie zu betäuben. Auf einer chinesischen Plattform schreibt er junge Frauen an, die ihre Wohnungen untervermieten wollen, und gibt sich dabei als Frau aus. Bei dem vereinbarten Besichtigungstermin hat er immer eine Ausrede, warum nun nicht die angebliche Frau erscheint, sondern ein Mann. Bei der ersten Tat in Frankfurt überwältigt er die Frau während der Besichtigung von hinten, drückt ihr ein mit einem Narkosemittel getränktes Tuch über Mund und Nase. Es kommt zu einem kurzen Kampf zwischen den beiden, doch die Frau hat keine Chance und geht bewusstlos zu Boden, als er ihr abermals das Tuch auf das Gesicht drückt.

Dann vergewaltigt er sie, betäubt sie währenddessen immer wieder nach, fotografiert und filmt seine Tat. Die Aufnahmen teilt er mit anderen Männern über Telegram, manchmal schreibt er währenddessen mit den anderen Chatteilnehmern.

Noch etwas ist anders bei diesem Mal: Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist nun größer. Denn als die Frau wieder klar denken kann, sind sie und der Mann zwar wieder auf der Straße, doch sie bemerkt schnell, dass ihr etwas angetan wurde. Mit ihrem Mobiltelefon versucht sie deswegen, den Täter zu fotografieren. Der Mann reißt ihr das Gerät aus der Hand und verschwindet.

Aufgehalten hat ihn dieser kurze Schockmoment nicht. Nur einen Tag später begeht er wieder eine Tat nach demselben Muster, diesmal in Göttingen. Es folgen zwei weitere im August in Frankfurt und in Nürnberg. Im November 2024 wird Dapeng Z. festgenommen.

Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen versuchten Mordes an

Eine Ermittlerin des Hessischen Landeskriminalamtes sagt in dem Prozess: Hätte der Mann weiterhin Frauen aus seinem Bekanntenkreis vergewaltigt, wäre er vielleicht für immer unentdeckt geblieben. Denn erst die Opfer, die er gewaltvoll überfiel, konnten sich daran erinnern. Und da sich alle Taten ähnelten, entdeckten auch die Ermittler ein Muster, das letztlich bei der Identifizierung durch Funkzellendaten half.

Fast 20 Tage verhandelt die Schwurgerichtskammer des Frankfurter Landgerichts gegen den Mann. Die Liste der Straftaten, die Z. vorgeworfen werden, ist lang. Neben gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung ist er auch wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen angeklagt. Denn die Dosis der verabreichten Substanzen war in einigen Fällen so hoch, dass nach Angaben der Strafverfolger Lebensgefahr bestand.

Schon die Verlesung des Anklagesatzes am ersten Tag ist nicht leicht zu ertragen. Etwa eine Stunde lang tragen die beiden Staatsanwältinnen nicht nur detailliert das Vorgehen des Angeklagten vor, sondern schildern auch, was auf den beschlagnahmten Datenträgern des Mannes gefunden wurde: Mehrere Hunderttausend Darstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch; viele davon enthalten auch unvorstellbare, extreme Gewalt- und Folterszenen.

Die zwei Seiten des Angeklagten

Mit dem Eindruck, den man zunächst vom Angeklagten erhält, ist das nicht vereinbar. Dapeng Z. ist ein kleiner Mann mit einer Glatze, einer Brille und einem runden, freundlichen Gesicht. Wenn er etwas sagt, spricht er mit leiser Stimme, in der Verhandlung schaut er meist nach unten auf den Tisch, ohne jegliche Regung. Er wirkt zurückhaltend, wie jemand, der nicht unangenehm auffallen will – vertrauenswürdig.

Für seine Freunde, Familie und seine Ehefrau scheint ebenfalls nichts auf sein Doppelleben hingedeutet zu haben. Seine Ehefrau berichtet von einem völlig normalen Sexualleben. Eine Ex-Partnerin von ihm sagt, er habe „ein gutes Herz“ und sei immer hilfsbereit gewesen.

In dem Prozess wird deutlich, dass Dapeng Z. jedoch auch eine andere Seite hat. Dass er jemand sei, der gefühlskalt und emotional abgeflacht sei und dass er kein Schuld- und Verantwortungsgefühl habe – so fasst es die Gutachterin vor Gericht zusammen. Sein Vorgehen sei „hoch manipulativ“, und es seien bei ihm auch narzisstische Komponenten zu erkennen, sagt die Psychologin. Den Gipfel dieser Empathielosigkeit bei seinen Taten, die sich immer wieder zeigt, erreicht er bei seiner letzten: Der bewusstlosen Frau hinterlässt er eine Antibabypille und eine Notiz, in der er sie auffordert, „zu kooperieren“. Andernfalls werde er die Aufnahmen veröffentlichen.

Opfer berichtet von Suizidgedanken

Bis heute leiden die Frauen unter den Taten, auch diejenigen, die keinerlei Erinnerung daran haben. Mit Ausnahme der Frauen, die bei den Besichtigungen überfallen wurden, haben die betäubten Frauen nichts bemerkt oder geahnt – bis die Ermittler sich gemeldet haben.

Jede Frau hört das Gericht an, Zuschauer und Journalisten müssen dafür den Saal verlassen. Ihr Leid bleibt trotzdem für die Prozessbeobachter nicht verborgen. Etwa dann, als die Frau aussagt, die das erste Opfer des Angeklagten geworden ist. Nach etwa eineinhalb Stunden geht die Tür zum Saal für eine kurze Pause auf. Auf dem Zeugenstuhl sitzt eine jung aussehende Frau mit kurzen schwarzen Haaren und geröteten Wangen. Sie wirkt deutlich mitgenommen.

Oder dann, als der Richter einen Brief einer der fünf Nebenklägerinnen vorliest, den sie an das Gericht geschrieben hat: Sie habe „wiederkehrende, unerbittliche“ Suizidgedanken, habe sich völlig isoliert und sei nicht mehr in der Lage, ein normales Leben zu führen. Sie schreibt: „Es gibt Momente, in denen ich mich vom Schmerz erdrückt fühle – so sehr, dass ich dieses Leben nicht mehr ertrage.“

Reue und Empathie waren nur vorgespielt

Das alles hat Dapeng Z. mitgehört. Trotzdem scheint es bei ihm keinerlei Mitleid oder sonstige empathische Reaktion hervorgerufen zu haben. Ein Brief, den Z. etwa zwei Wochen vor Urteilsverkündung an eine Bekannte geschrieben hat und der vom Gericht beschlagnahmt wurde, verdeutlicht seine von der Gutachterin bescheinigte Gefühlskälte. Darin bezeichnet er die Frauen als „Gegenseite, die alles behaupten kann“, und bezeichnet die Vorwürfe der Staatsanwalt­schaft als lächerlich. Spätestens in diesem Moment ist klar: Die wenigen Momente, in denen Z. an den Verhandlungstagen Reue oder Empathie gezeigt hat, waren nur vorgespielt.

„Wir wollen sicherstellen, dass Frauen durch Sie kein Leid mehr erfahren müssen“, sagt der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung Anfang Februar. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, muss Dapeng Z. 14 Jahre lang eine Freiheitsstrafe absitzen – unter anderem wegen versuchten Mordes. Seine Zeit in einer Justizvollzugsanstalt ist damit nicht vorbei; die Kammer hat außerdem die anschließende Unterbringung in der Sicherungsverwahrung angeordnet. Dann muss das Gericht regelmäßig prüfen, ob Z. noch als gefährlich gilt. Erst wenn es zu der Überzeugung gelangt, dass es keine weiteren Opfer mehr geben wird, kommt er in Freiheit.