

Nach einem Verhandlungstag Mitte August, es war mal wieder hitzig zugegangen im Gerichtssaal, stand Ingo Bott wie gewohnt vor Mikrofonen und fasste zusammen, was sich die Presse aus den vergangenen Stunden merken sollte. Der Verteidiger bezeichnete das Verfahren gegen seine Mandantin Christina Block als „schwere Aufgabe“ für die Richter: „Ich beneide sie nicht darum.“ Es gehe um Indizien, alle Verfahrensbeteiligten stünden unter Druck. Er sagte auch den frommen Satz: „Wir versuchen hier alle, daran zu arbeiten herauszufinden: Was ist tatsächlich passiert?“
Was tatsächlich passiert ist in jener Silvesternacht 2023/2024, in der mehrere vermummte Personen Blocks ehemaligen Partner in Dänemark angriffen, zwei ihrer Kinder gewaltsam entführten und nach Süddeutschland brachten, darüber gibt es wohl so viele Meinungen wie Leute, die den Prozess verfolgen. Die Zuschauer im Gerichtssaal äußern ihre Meinung immer mal gerne, durch Applaus oder empörte Rufe. Die Verteidiger der sieben Angeklagten, die Staatsanwältinnen und die Nebenklage werfen sich gegenseitig ihre Meinungen an den Kopf, wenn der eine etwas sagt, was den Interessen des anderen zuwiderläuft.
Die zuständige Kammer des Landgerichts Hamburg kümmert sich wenig um Meinungen und Interessen. Die Richter müssen herausfinden, ob Christina Block die Entführung in Auftrag gegeben hat. Sie brauchen Fakten, und sie müssen – insbesondere in einem öffentlich breitgetretenen Verfahren wie diesem – zur Überzeugung gelangen, dass diese Fakten auch stimmen.
Er habe gedacht, er tue etwas Gutes
Der Prozess, für den sich jedes Mal Dutzende Zuschauer stundenlang anstellen, läuft seit Mitte Juli, am Montag wird er nach drei Wochen Pause fortgesetzt. Ruhig geblieben ist es in dieser Zeit nicht. Mit internationalem Haftbefehl suchen die Ermittler weiter nach sechs Personen, die ebenfalls an der Entführung beteiligt gewesen sein sollen und die sich wohl in Israel aufhalten. Anfang September äußerte sich Tzach K. im israelischen Sender Channel 12 und gab an, einer dieser Täter zu sein. Er benutzte ähnliche Formulierungen wie Tal S., ein angeklagter Israeli, der in Untersuchungshaft sitzt und vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte. Wie S. sagte K.: Er habe gedacht, er tue etwas Gutes, könne Teil einer Heldengeschichte sein, einen „Superman-Umhang“ tragen.
Er sagte auch etwas, das für das Verfahren am Hamburger Landgericht besonders bedeutsam sein könnte: Er sei mit weiteren Entführern, Tal S. war nicht darunter, nach der gelungenen Entführung ins Hotel der Block-Familie, das Grand Elysée, zurückgekehrt. Sie hätten angestoßen. Und: „Die Mutter saß uns am Ende gegenüber.“ Bedeutet das, dass Christina Block mit ihnen die Kindesentführung feierte?
Christina Block hatte vor Gericht ausgesagt, in der Silvesternacht mit ihrem Vater Eugen Block und Freunden der Familie an der Hotelbar gewesen zu sein. Sie hatte auch gesagt, nichts von der Entführung gewusst zu haben, bis sie an Neujahr von einer mutmaßlichen Entführerin angerufen worden sei. Sie streitet ab, die Entführung in Auftrag gegeben zu haben. Die „Bild“ berichtete am Mittwoch, auch ein israelischer Anwalt von K. habe sich inzwischen im israelischen Fernsehen geäußert: Er könne beweisen, dass Christina Block die „Haupttäterin“ sei. Der Mann habe allerdings keine Details genannt.
K. will mit Behörden kooperieren
Ingo Bott weist die Behauptungen auf Anfrage der F.A.Z. zurück: Wenn seine Mandantin schon in der Tatnacht von der Entführung gewusst hätte, „wäre Frau Block mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort zu den Kindern gefahren“. Wenn alles mit den Israelis vorab abgestimmt gewesen wäre – „warum hätten die Kinder nach Süddeutschland gebracht werden sollen“? Er könne sich vorstellen, dass die Israelis diese Aussagen nicht aus bösem Willen verbreiteten, sondern dass sie an einer Aufklärung interessiert seien. Aber: „Mit den Geschehnissen, wie sie nach meiner Überzeugung stattgefunden haben, dürfte das relativ wenig zu tun haben.“
Tzach K. will laut der Hamburger Staatsanwaltschaft mit der Behörde zusammenarbeiten. Der Israeli werde inzwischen von einem deutschen Anwalt vertreten, der Kooperationsbereitschaft angekündigt habe, teilt die Behörde auf Anfrage der F.A.Z. mit. Die Staatsanwaltschaft will sich nicht dazu äußern, ob bereits ein Auslieferungsantrag gestellt wurde. Die Erfolgsaussichten für die Auslieferung eines israelischen Bürgers gelten als gering.
Möglich wäre unter Umständen, K. per Video als Zeuge zu befragen, obwohl er als Beschuldigter gilt. Auch könnten Ermittlungsrichter ihn außerhalb der Verhandlung vernehmen, ein Protokoll dieses Gesprächs könnte dann in den Prozess eingeführt werden. Zudem könnte die Kammer Christina Block nochmals nach der Silvesternacht und speziell nach Tzach K. fragen. Die Angeklagte hatte nach ihrer Einlassung im Prozess angegeben, möglicherweise nochmals Fragen zu beantworten.
Müssen die Kinder aussagen?
Tal S., der angeklagte israelische Entführer, hatte vor Gericht ein Geständnis abgelegt und sich bei Blocks früherem Mann Stephan Hensel für den gewaltsamen Überfall entschuldigt. Sein Anwalt Sascha Böttner macht kein Geheimnis daraus, was er für seinen Mandanten erreichen will: ein möglichst kurzes Verfahren, eine Freilassung aus der Untersuchungshaft, eine Rückkehr nach Israel. Aber auch: keine hohe Freiheitsstrafe für Christina Block.
„Es ist im Interesse meines Mandanten, dass wir alles daran setzen, dass Frau Block eine niedrige Strafe bekommt“, sagt Böttner der F.A.Z. Der Grund sei die „vergleichende Strafzumessung“, ein Prinzip, wonach unterschiedliche Strafen für mehrere Täter in einem fairen Verhältnis zueinander stehen sollten. Eine hohe Strafe für Block könnte eine hohe Strafe für S. bedeuten. Eine niedrige Strafe wäre laut Böttner „am ehesten mit einem Geständnis von Frau Block zu erreichen“. Möglicherweise müssten dann auch die Kinder nicht aussagen.
Was ist tatsächlich passiert? Aus Sicht von Blocks Verteidigung hat Block nichts beauftragt, kann demnach auch nicht gestehen. Ob und wie Christina Block sich nochmals äußert, ist nicht abzusehen. Die Beweisaufnahme im Prozess am Hamburger Landgericht steht noch ganz am Anfang. Bis Ende März sind noch 45 Verhandlungstage terminiert.
