Es ist ein Sci-Fi-Alptraum: Ohne Erinnerung wacht der Molekularbiologe und Lehrer Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) in einer Raumschiffschlafkapsel auf, Lichtjahre von der Erde entfernt, in den Nachbarkapseln liegen Tote. Mit den Flashbacks an eine problematische Mission, zu deren Teilnahme er – wie sich später herausstellt – zudem gezwungen wurde, dämmert ihm, dass er die Welt retten muss, der die Sonne abkühlende „Astrophage“-Mikroorganismen den Garaus zu machen drohen.
Halbwegs beherzt arrangiert sich der unfreiwillige Astronaut mit seinem Schicksal und setzt den Kurs seines Raumschiffs „Hail Mary“ zum Stern Tau Ceti, von dessen Atmosphäre er sich eine Lösung beim Umgang mit den „Astrophage“-Zellen erhofft.
Und weil Phil Lords und Christopher Millers nach einem Roman von Andy Weir inszenierter Film „Astronaut“ eine Robinsonade ist, lässt sich auch bald Graces Freitag blicken: In der Nähe von Tau Ceti hat sich ein fremdes, beeindruckend gestaltetes Raumschiff eingefunden, dessen Pilot ebenfalls der einzige Überlebende einer ähnlichen Mission ist.
„Der Astronaut – Project Hail Mary“. Regie: Phil Lord, Chris Miller. Mit Ryan Gosling, Sandra Hüller u.a. USA 2026, 157 Min.
Das steinartige, wie ein kopfloses Tier aussehende Alien wird von Grace „Rocky“ genannt, und stellt sich, nachdem die beiden Wissenschaftler fix und mit technischer Hilfe ihr Kommunikationsproblem gelöst haben, als freundliches, unterhaltsames bis geschwätziges Wesen heraus. Der beängstigenden Realität begegnen die beiden fortan immerhin zusammen. Denn nach allen Regeln des Sci-Fi-Abenteuerfilms ist das die verlässliche Methode für einen Triumph: Gemeinsam schaffen wir es.
Ein Alien in tönerner Niedlichkeit
Zwischen der Komplexität seiner Machart und der des Drehbuchs lässt sich bei „Der Astronaut“ eine erstaunliche Diskrepanz wahrnehmen: Während die glänzenden Imax-Bilder einen in ihrer opulenten Eindringlichkeit regelrecht see- (beziehungsweise space-)krank zu machen vermögen, sowohl Ryan Gosling als Grace als auch Sandra Hüller als (nur in Graces Erinnerung auftauchender) Missionsleiterin Eva sich mit großem Eifer über ihre Charaktere hermachen, und auch „Rocky“ in all seiner tönernen Niedlichkeit die Spannung hält, wirkt das Drehbuch wie ein zusammengeflicktes Best-Of der großen Weltraum-Filmklassiker-Ideen.
Die E.T.-Elliott-Freundschaft, aber ohne den Charme des kindlichen Hauptdarstellers; die Hippie-Atmosphäre (und die Musik) plus Huey und Dewey aus „Silent Running“, aber ohne die Verzweiflung im Handeln des Protagonisten; die abstrakte, aber nutzbare Kommunikationsebene von „Contact“ und „Arrival“, nur ohne ein genuines Interesse für Kommunikation; und nicht zuletzt die Struktur des hervorragenden Kinderfilms „Explorers“ von 1985, in dem Erdenkinder bei einer Weltraumfahrt auf Aliens stoßen und feststellen, dass es sich ebenfalls um Kinder handelt.
Man meint, einen kostbaren Werbeclip gesehen zu haben, der viel zitiert, aber wenig fühlt
So wenig echte Neugier für die Motive von Eva und Grace, so wenig eigene Gedanken sind in „Astronaut“ zu spüren, so teuer (unter anderem auch durch das im Soundtrack ausgespielte „Two of Us“ von den Beatles!) wirkt das Pastiche, dass der Film den Eindruck hinterlässt, einen langen, aufwendigen, kostbaren Werbeclip gesehen zu haben, der viel zitiert, aber wenig fühlt.
Dabei wäre einiges an Zwiespältigkeit drin: Die kühle, aber zielstrebige Missionsleiterin, die den Drückeberger Grace in den Weltraum zwingt, und bereit ist, ihn „für das Wohl der Menschheit“ zu opfern, ist eine hoch ambivalente Figur, bei der das Gut-Böse-Schema nicht greift. Und dass Grace – bis auf Frust und Messietendenzen zu Anfang der Isolation – ebenso wenig zu negativen Sentimenten und Depressionen neigt wie sein zehn Jahre zuvor die Einsamkeit überwindender Kollege aus der Andy-Weir-Adaption „Der Marsianer“, ist beachtlich. Im Fall eines Falles wäre er anscheinend doch der richtige Mann im All.
