Prohibition und digitale Gefahren: Was hilft Kindern?


Es gibt Momente, in denen der Ruf nach dem starken Staat so verlockend klingt, dass selbst liberale Geister ins Wanken geraten. Der Schutz der Kinder ist ein solcher Moment. Wenn Australien nun beschließt, Jugendlichen unter 16 Jahren den Zugang zu sozialen Medien gesetzlich zu verbieten, und Frankreich über ein „digitales Mündigkeitsalter“ diskutiert, dann ist das mehr als symbolische Politik: Angststörungen, Mobbing und ein drastischer Verlust an Konzentrationsfähigkeit sind die Währung, mit der die jüngste Generation für die Geschäftsmodelle des Silicon Valley bezahlt.

Doch ist ein staatliches Verbot wirklich die Antwort, die auch Hessen,  Deutschland oder Europa braucht? Die kurze Antwort lautet: nein. Die lange Antwort ist komplizierter. Wer ein Verbot fordert, muss erklären, wie er es durchsetzen will. Eine wirksame Alterskontrolle im Netz ist technisch nur möglich, wenn Nutzer ihre Identität zweifelsfrei nachweisen – etwa durch das Hochladen eines Ausweises oder biometrische Verfahren. Will man, dass chinesische Plattformen wie Tiktok oder amerikanische wie Meta Zugriff auf die amtlichen Identitätsdaten unserer Kinder erhalten?

Das wäre der Triumph des Überwachungskapitalismus unter dem Deckmantel des Jugendschutzes. Zudem unterschätzt man leicht die digitale Agilität der Jugend massiv. Wer glaubt, dass ein Vierzehnjähriger nicht in der Lage ist, ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) zu nutzen, um seinen Standort zu verschleiern, hat das Internet nicht verstanden. Ein Verbot, das so leicht zu umgehen ist, untergräbt die Autorität des Staates, statt sie zu stärken.

Hier liegt der Kern des liberalen Dilemmas: Man kann Eltern die Verantwortung nicht abnehmen, aber anerkennen, dass sie im Kampf gegen die besten Verhaltenspsychologen und KI-Ingenieure der Welt, die diese Apps auf maximale Suchterzeugung optimiert haben, hoffnungslos unterlegen sind. Es ist ein asymmetrischer Krieg um die Aufmerksamkeit (nicht nur) der Kinder. Die Lösung liegt daher nicht in der Prohibition der Nutzung, sondern in der Regulierung des Produkts. Statt Jugendlichen den Zutritt zu verwehren, muss die Politik – und hier ist Brüssel gefragt, nicht Wiesbaden – die Plattformen zwingen, ihre Architektur zu ändern.

Endloses Scrollen verbieten

Warum ist der „Infinite Scroll“, das endlose Nachladen von Inhalten, für Minderjährige nicht verboten? Warum sind Push-Nachrichten in der Nacht erlaubt? Warum dürfen Algorithmen Kindern Inhalte zeigen, die Essstörungen oder Selbstverletzung glorifizieren? Die Voreinstellungen für Minderjährige müssen so restriktiv sein, dass die Suchtmechanismen ins Leere laufen.

Das australische Experiment könnte scheitern, weil es Symptome bekämpft. Die Ursache – die algorithmische Manipulation – bleibt unangetastet. Man darf sich nicht auf das bequeme Ruhekissen eines Verbots legen, es ist der mühsame Weg, der zum Ziel führt: die Techkonzerne an die Kette legen, ohne die Freiheit des Netzes zu opfern, und in den Schulen und Familien lernen, dass das wahre Leben offline stattfindet. Technologie ist großartig, sie sichert Wohlstand und Fortschritt. Aber sie muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Erst recht, wenn dieser Mensch noch ein Kind ist.