Smiljan Radić: Das ist, wie die New York Times meldet, der Name des aktuellen Pritzker-Preisträgers 2026. Es ist – oder war bis vor einiger Zeit: der begehrenswerteste Preis in der Welt der Baukunst. Eine Art „Nobelpreis“ der Architektur, dotiert mit 100 000 Dollar. Auf den Namen von Smiljan Radić, 60-jähriger Architekt aus Chile, hat zumindest in der Welt der Architektur in den vergangenen Wochen jeder gewartet, der sich für Bauliches interessiert – und in der Welt außerhalb des Bauens gilt das zumindest für all jene, die schon mal den Begriff „Epstein Files“ gehört haben.
Seit Tom Pritzker als Sohn der Pritzker-Preisstifter Jay und Cindy Pritzker und Erbe der Hyatt-Hotels im Epstein-Skandal um die Prostitution minderjähriger Mädchen und junger Frauen versunken ist, aufgrund etlicher kompromittierender Mails, die nach und nach ans Licht gekommen sind, war es unklar, ob der Preis in diesem Jahr vergeben werden kann. Ob der Preis überhaupt überleben kann in seiner Form. Zuerst hieß es, er werde später vergeben. Mails der SZ wurden gar nicht mehr beantwortet. Üblicherweise wird der Preis gleich Anfang März bekannt gegeben. Diesmal erst jetzt, und man fragt sich, ob zwei Wochen Aufschub der Tribut sind, den die bislang schweigende internationale Architektenschaft zu bezahlen bereit ist – angesichts eines Skandals, der das Bauen erschüttert. Aber wohl nicht die Büros. Da geht die Show weiter.
Von seinen Funktionen im Unternehmen trat Tom Pritzker zurück – von denen in der Stiftung, die den Preis verleiht, nicht
Tom Pritzker ist inzwischen infolge der weltweiten Berichterstattung und nicht mehr zu leugnender Zusammenhänge von seinen Posten im Unternehmen zurückgetreten. Aber nicht von seinen Funktionen in der Hyatt-Foundation, die den Architektur-Preis letztlich ermöglicht und verwaltet. Man fragte sich daher seit Wochen: Wer ist denn verrückt, berechnend oder naiv genug, um einen Preis und einen Scheck aus den Händen eines Mannes entgegenzunehmen, der derart in den Skandal verwickelt ist, dass auch die Trophäe selbst besudelt ist.

:Dröhnendes Schweigen
Tom Pritzker gibt wegen seiner Verwicklung in den Epstein-Skandal seinen Posten als Hyatt-Vorstand auf. Was wird jetzt aus dem Nobelpreis der Architektur, der seinen Namen trägt?
Nun weiß man es: Smiljan Radić Clarke aus Santiago de Chile. Entweder er weiß nicht, wer Jeffrey Epstein ist. Oder er weiß nicht, wer Tom Pritzker ist. Oder er kennt beide nicht. Oder all das ist ihm egal, weil es zwar etwas mit Vergewaltigung, Ehrlosigkeit, Verbrechen und Verderbtheit, aber eben nichts mit Backsteinen, Lehm oder wenigstens hübschen Formen zu tun hat. Klar, architektonisch und baukulturell wird das dem Preisträger auf keinen Fall gerecht. Politisch aber fragt man sich: Was denkt sich der Mann?
Der erklärt laut Homepage der Pritzker-Preis-Organisation Folgendes: „Architektur bewegt sich zwischen großen, massiven und beständigen Formen – Bauwerken, die Jahrhunderte lang der Sonne trotzen und auf unseren Besuch warten – und kleineren, fragilen Konstruktionen – flüchtig wie das Leben einer Fliege, oft ohne klares Schicksal im herkömmlichen Licht. In diesem Spannungsfeld unterschiedlicher Zeiten streben wir danach, Erlebnisse zu schaffen, die emotional berühren und die Menschen dazu anregen, innezuhalten und eine Welt neu zu betrachten, die so oft gleichgültig an ihnen vorbeizieht“.
Ein Preisträger, der sagt: Ich bin doch gar nicht da
Kann man gleichgültiger als Smiljan Radić an den Dingen vorüberziehen, die etwas mit der Gesellschaft jenseits ihrer „großen und massiven Formen“ und auch jenseits der „kleineren, fragilen Konstruktionen“ zu tun haben? Ohne klares Schicksal im herkömmlichen Licht: Ist jetzt wirklich die Stunde für poetisierende Architekten-Rhetorik, die sich entgegen ihrer scheinbaren Demut fast krankhaft aufbläht vor lauter Bedeutungslust daran, unbedeutend zu sein? Fraglos ist er damit der ideale Preisträger der Stunde. Jemand, der sagt: Ich bin doch gar nicht da.
Die Werke des Preisträgers sind, heißt es bei der Hyatt-Foundation: „Wind. Licht. Stein. Holz. Zeit.“ Und weiter: „Dies sind einige der wesentlichen Elemente, die das Werk von Smiljan Radić (…) durchdringen. Seine Projekte sind weder einschüchternd noch autorisierend, sondern zurückhaltend und ruhig, zufrieden mit ihrem Zweck – sei es eine Bushaltestelle, ein Weingut oder das Bildhaueratelier.“ Gut, dass wir nach dem Epstein-Skandal endlich wieder über etwas Wesentliches sprechen können.
Über eine Bushaltestelle zum Beispiel. Die ist ruhig und zufrieden – und genau das mögen sich die Stiftung und das Kuratorium sowie die Jury unter Vorsitz von Alejandro Aravena gewünscht haben. Der chilenische Architekt Aravena, der auf eine Mail der SZ ebenfalls nicht reagiert hat, war der Pritzker-Preisträger vor zehn Jahren. Über die Bauten seines Landsmannes sagt die Jury, sie seien „nicht fest im Boden verankert, sondern vielmehr behutsam darauf platziert, oft leicht über der Oberfläche schwebend“. Das ist übrigens wahr: Der Preisträger befindet sich in gewisser Weise in der Nachfolge jener leichten Flächentragwerke, wie sie etwa Frei Otto lehrte. Neben Gottfried Böhm war Otto einer der beiden deutschen Preisträger in einem halben Jahrhundert der Preis-Historie.
An dieser Stelle kann man einräumen: Ohne Epstein wäre Radić eine passable Wahl. Die Architektur spiegelt die Gesellschaft wieder, in der sie realisiert wird, sie antwortet damit auf die realen Bedingungen, aber zugleich verändert sie diesen Prozess auch. Winston Churchills berühmte Sentenz drückt genau dies aus: „Erst bauen Menschen Häuser, dann bauen Häuser Menschen.“ Radić’ Bau-Philosophie ist eine der Behutsamkeit und, eigentlich, des Respekts.
Seine Bauten sind zumindest dem breiten Publikum kaum bekannt. Außerhalb Chiles hat er relativ wenig gebaut. Mal in Österreich, mal in Japan. Am ehesten bekannt hierzulande dürfte sein Pavillon für die Londoner Serpentine Gallery sein: eine massiv wirkende, aber filigran konstruierte Hülle aus Glasfaser, einem organischen und archaischen Hinkelstein nicht unähnlich. Es geht definitiv in diesem Jahr (wie auch zuvor zunehmend) nicht um „Star“-Architektur und Signature-Buildings. Das ist anzuerkennen: Der Preis ist insofern zeitgemäß. Aber auch etwas skandal-kompatibel.
Radićs Architektur hat etwas Fragiles, Temporäres
Immer scheint Radić den Boden, auf dem wir stehen, den Grund des Daseins, zu preisen, indem er ihn so wenig wie möglich belastet mit einer Architektur der Schwere. Die somit etwas Fragiles erhält. Etwas Temporäres. Etwas Skrupulöses. Das ist, als Antwort auf die Krise der Erde, die innig verbunden ist mit den Folgen der Bauwirtschaft und auch mit dem Raubbau, der manchmal Architektur heißt, verantwortlich.
Nur wüsste man gern, ob im Fall des aktuellen Pritzker-Preises nicht auch Skrupel angebracht wären, die vorgebliche Würdigung im gesellschaftlichen und politischen Kontext anzunehmen. Architekten wird oft vorgeworfen, sie lebten nur für ihr Werk. Alles andere, etwa die Belange der Bauherrenschaft, sei egal. Das ist Unsinn. Aber gerade jetzt tut man bei der wichtigsten Auszeichnung der Architektur alles dafür, um genau diese, oft ignorant vorgebrachte Ignoranz nach Kräften zu bestätigen. Wie fahrlässig kann man sein?
Eine Mail an den Preisträger, dem man gratuliert zum Preis, aber nicht dazu, ihn anzunehmen, ist unterwegs. Pritzker wird nicht weiter erwähnt. Das ist alles? Wind. Licht und Zeit. Und der Rest ist einfach: Schweigen und weitermachen.
