Premiere von „Automatenbüfett“ am DT: Angel dir einen

Auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin steht eine imposante Maschine. Sie sieht aus wie ein riesiges Kettenkarussell, nur dass an den Ketten keine Sitze, sondern Drahtkörbe mit eingepackten Salamibrötchen befestigt sind. Gespielt wird die Tragikomöde „Automatenbüfett“ von Anna Gmeyner; Regisseur Jan Bosse inszeniert sie als liebevolle Provinz-Revue, die jedoch stellenweise in den nervigen Klamauk eines Theaterstadels abgleitet.

Doch zu Beginn überwiegt die Faszination für das fantastische Karussell. Bosses Haus- und Hof-Bühnenbilder Stéphane Laimé hat es mit viel Liebe zum Detail aus Holzplatten fertigen lassen, was ihm trotz der enormen Ausmaße eine filigrane Anmutung verleiht. Neben jeder Menge Hebeln, Leuchten und Lautsprechern gibt es sogar einen richtigen Verkaufstresen.

Reizvoll ist auch die Anspielung an kinetische Kunst: In einer Schlussszene drehen mehrere fantasievolle Gebilde aus Metallschrott und Jagdtrophäen, die von Hand bewegt werden, wie gespenstische Karusselltiere ihre Runden.

Das Automatenbüfett ist eine Erfindung vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit dieser Frühform des Fastfoodrestaurants wollte man gleichzeitig Arbeitskräfte einsparen und die schnelle und preiswerte Nahrungsaufnahme einer wachsenden Stadtbevölkerung gewährleisten.

Skurril und trashig

Bei Gmeyner ist es der Schauplatz für eine ambivalente Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des erstarkenden Nationalsozialismus. Ihr Stück wurde 1932 am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt und begeistert besprochen. Einen Monat später ergriff Hitler die Macht und die damals 30-Jährige musste ins Exil fliehen.

In seiner Inszenierung entwirft Jan Bosse einen skurrilen Mikrokosmos, der sich an Elementen aus der Trashkultur bedient: Seine Figuren tragen Cowboyhüte und Westernhemden, dazu glamouröse Glitzerkleider, die man vom Latin Dance kennt. Zeitweise hat man das Gefühl, einer Karl-May-Party beizuwohnen, die das „Weiter so“ nach der Kritik an problematischen Stereotypen bewusst ausstellt.

Fans von deutschsprachigem Herzschmerz dürften bei den Kompositionen von Carolina Bigge und Arno Kraehahn frohlocken. Zwischen den Szenen singen die Dar­stel­le­r*in­nen selbst und sind dabei richtig gut. Beeindruckend auch, dass viele von ihnen ein Instrument spielen können und so gleich auch noch die Liveband stellen.

Ihre Rollen füllen sie mit viel Lust an der Karikatur aus. Felix Goeser spielt seinen Leopold Adam als angelnden Kleinstadt-Schluffi, der die umliegenden Teiche in eine prosperierende Fischzucht verwandeln will. Doch statt Fisch zieht er eine junge suizidale Frau aus dem Wasser, die von Mathilda Switala als neuzeitliche Eva gespielt wird.

Etwas verstaubt, aber okay

Die Gruppe um Adam, die aus einem trinkfreudigen Schulrat, einem machtbesessenen Stadtrat, einem mit dem Faschismus liebäugelnden Redakteur und einem schmierigen Oberförster besteht, organisiert sich in einem Anglerclub, den man getrost als Veräppelung der damaligen NSDAP-Ortsgruppen verstehen kann. Auf der Bühne verbringt der Männerbund viel Zeit mit Saufen und großspurigen Reden im Separee.

Bei Anna Gmeyner geht es um große Träume, Liebe, Geld, Macht und Verrat. Gewissermaßen ist ihr Stück aber auch ein MeToo-Stück: Die Besitzerin des Automatenbüfetts steht dem unklaren Verhältnis zwischen ihrem Ehemann und Eva zu Recht skeptisch gegenüber. Kaum auszuhalten, wie die Männer an der jungen Frau kleben, sie umgarnen und am Schluss mit Verachtung strafen.

Allerdings sind seit der Veröffentlichung des Stückes fast hundert Jahre vergangen. Dies führt dazu, dass viele Feststellungen der Autorin zwar erschreckend aktuell sind, die daraus entstandenen Dialoge aber bisweilen etwas verstaubt rüberkommen. Etwa als Adam Eva darum bittet, „ihre Reize“ für seine Idee einzusetzen und sie antwortet: „Angler angeln, das mach ich gern.“ Nach einem heftigen Streit mit dem Ex fällt der Bühnen-Eva nicht viel mehr als ein Stinkefinger ein.

Zwar wirken die Figuren bei Jan Bosse nicht gänzlich aus der Zeit gefallen, eine entschiedenere Überführung in die Gegenwart hätte ihnen aber gutgetan.