

Wer spricht hier eigentlich mit uns? Wer erinnert sich da an das Meer? Oder vielmehr an das Inselmeer? Ein Mensch ist es nicht. Vielleicht diese Möwe, der Stör, womöglich sogar das Schilf und die Erde? Alles spricht in „When the Water Turns to Wind“ zu jenen, die zuhören und zusehen. Sehr verschiedene Stimmen, aber keine, die Menschen gehören. Und sogar die Kreaturen in der Kunsthalle sprechen mit jenen außerhalb, mit den Nilgänsen, Schwänen und Blässhühnern. Der Aralsee, einst das Meer der Inseln, spricht mit der kleinen Maininsel, auf der der Frankfurter Portikus steht. Es sind merkwürdige Überlagerungen, die sich ergeben, wenn die rufenden Vögel hoch oben an der Decke der Kunsthalle in einen Dialog zu treten scheinen mit jenen, die draußen am Main lautstark miteinander um einen Partner oder Privatsphäre rangeln.
Saodat Ismailova hat alles mitbedacht in der Installation ihrer eigens für den Ort geschaffenen Filmarbeit. Der Portikus, mit seinem Innen und Außen, hat sich verwandelt, ist ein Ort, der zu einer anderen, neuen Seherfahrung einlädt. Mit dunkler Auslegeware und eigens angefertigten Steppdecken aus ihrer Heimat Usbekistan, traditionellen Kurpachas, aber in modernen, knalligen Unifarben, hat Ismailova einen Erlebnisraum geschaffen. An der Decke eine gigantische, die Fläche einnehmende Leinwand, die nur ganz erfassen kann, wer sich flach und klein macht auf dem flauschigen Teppich und den Steppdecken, ein bisschen Kreatur wird und durch das Liegen seinen Horizont buchstäblich erweitert.
Verschwinden im Bild
Wer sich niederlässt, taucht ein, wo es kein Wasser mehr gibt. Je nachdem, wann man den Loop beginnt, sprechen die Störe – Urwesen, die nicht mehr wandern können und sterben müssen, weil es die Flüsse, derer sie bedürfen, nicht mehr gibt. Oder man sieht merkwürdig in der Landschaft herumliegende Schiffswracks, wie Skelette, und braucht einen Moment, um zu begreifen, dass die verkarstete Landschaft unter ihrem umgekippten Kiel vor nicht allzu langer Zeit noch ein See war. Der Aralsee. Zu 90 Prozent ist er mittlerweile verschwunden, weil der Mensch die Natur ausgebeutet hat, ohne die Folgen zu bedenken.
Die Natur gestaltet das, was das Wasser zurückgelassen hat, neu, als Wüste, als Steppe. Es ist ein Verschwinden, von dem die Filminstallation „When the Water Turns to Wind“ erzählt. Ein Verschwinden, ausgelöst durch die radikale Ausbeutung der Natur in der Sowjetzeit, die rasch zum Kollaps führte, in lediglich 60 Jahren. Ismailovas langsame Erzählweise läuft gegensätzlich. Ganz subtil ändert sich immer wieder die Laufrichtung des Films, vom üblichen links nach rechts in der Horizontale ins Senkrechte, vorwärts, rückwärts. Das geht beinahe unmerklich und löst doch ungeheuer viel aus, denn es verkehrt die Verhältnisse. Ismailova reist den verschwundenen See entlang, durch Steppe und Wüste, hat zusammen mit dem Komponisten Marc Parazon Klang und Stimmen für das gefunden, was dort lebt, und zeigt in der Abwesenheit der Bilder, was gelebt hat.
Ihre Heimat Usbekistan und vor allem die Region des Aralsees prägen die Arbeit der 1981 in Taschkent geborenen Künstlerin, die sich nach einer Ausbildung dort als Film- und Fernsehregisseurin mehr und mehr in Richtung der Bildenden Kunst entwickelt hat und ihren Lebensmittelpunkt, nach einem künstlerischen Zweitstudium, nach Frankreich verlegt hat. An der Frankfurter Städelschule ist sie jüngst als Gastprofessorin tätig gewesen, eine gute Erfahrung. „Ich wünschte, ich könnte dort studieren“, sagt Ismailova. Viele der jungen Künstler seien schon sehr ausgeprägt, die Lehre sei eher ein Dialog gewesen, sie erfahre, wie die jüngere Generation ihre Zeit und die Politik wahrnehme.
Einladung zu bleiben und zu sehen
Zeit und Politik spielen wiederum eine enorme Rolle in Ismailovas Arbeiten, auch wenn das nie in den Vordergrund geschoben wird. Das ist auch jetzt so, da ihre eigens für die schuleigene Ausstellungshalle konzipierte Arbeit nicht nur das Ende ihres Frankfurt-Aufenthalts markiert, sondern auch die Verbindung der Sphären, in denen sie tätig ist. Im Mezzanin des Portikus ist ihr 2004 entstandener Dokumentarfilm „Aral: Fishing in an Invisible Sea“ zu sehen, man sieht eine Fischerfamilie, die trotz der mageren Ausbeute an der traditionellen Lebensweise festhält, noch.
Im Untergeschoss wiederum hat die neue Kuratorin des Portikus, Juliane Bischoff, die mit Ismailova ihren Einstand gibt, ein Kino eingerichtet. Nicht nur derselbe dunkle, flauschige Teppich lädt wie im Ausstellungsraum dazu ein, sich länger niederzulassen. Immer donnerstags werden dort Filme gezeigt, die mit Ismailovas Arbeit zu tun haben, thematisch, formal, geographisch. Es ist eine offene Einladung, ebenso wie die Kunsthalle selbst sie nun ausspricht, zu bleiben, zu sehen, aufzunehmen, was im Hauptraum an der Decke Mensch und Natur verbindet. Sich irritieren zu lassen und auch zu trauern. Denn der Wind, der so eindrücklich weht, ist einer, der Trockenheit bringt und damit lebensfeindliche Umstände. „When the Water Turns to Wind“ ist also einerseits ein sehr poetischer Titel, beschreibt aber andererseits nichts weniger als eine menschengemachte Katastrophe.
When the Water Turns to Wind, Portikus Frankfurt, bis 10. Mai. Filmprogramm am 23. und 30. April von jeweils 19 Uhr an.
