Unter den klassischen Erklärungen für Fehlschläge in Prüfungen ist der Pollenflug eher selten zu finden. Zu selten, meinen finnische Forschende. Sie haben gerade eine Untersuchung veröffentlicht, die nahelegt, dass es einen Zusammenhang zwischen hoher Pollenbelastung und schlechten Abiturleistungen gibt.
Die Wissenschaftler um Timo Hugg von der Universität in Oulu hatten die Noten von 15 Abiturjahrgängen aus den Städten Helsinki und Turku mit der Menge der Hasel- und Erlenpollen abgeglichen, die an den Prüfungstagen umherflogen. Mehr Pollen in den Städten gingen demnach mit weniger Punkten in den Abschlussprüfungen einher, schreibt das Team im Journal of Epidemiology & Community Health.
Im Extremfall – also der höchsten im Untersuchungszeitraum gemessenen Konzentration von Erlenpollen – ist laut der Arbeit ein Absacken um 2,6 Examenspunkte zu erwarten. Hohe Haselpollenwerte würden bis zu 1,1 Punkte kosten. Angesichts von 66 Punkten, die im finnischen System maximal erreicht werden können, mag dies nach einem kleinen Effekt klingen.
Doch die Studie liefert Durchschnittsergebnisse von allen Schülern, nicht nur den Pollenallergikern. Für jene etwa 20 Prozent der Jugendlichen, die in Finnland empfindlich auf den Blütenstaub reagieren, dürfte der Punkteverlust deutlich größer sein. Es ist ein Schwachpunkt der Studie, dass die Forscher keine Daten zu den Allergien der Prüflinge haben.
Die Forscher aber gehen dennoch davon aus, dass die Allergiker einen relevanten Nachteil in Examen haben, der langfristige Folgen für das spätere Berufsleben und Einkommen haben könnte. Sie fordern, mehr Rücksicht auf das Leiden zu nehmen und Prüfungstermine beispielsweise auf weniger belastende Wochen zu schieben.
Prinzipiell ist der Nachteil für Allergiker plausibel. Michael Gerstlauer, Leiter des Bereichs pädiatrische Allergologie am Universitätsklinikum Augsburg verweist darauf, dass die Symptome der Pollenallergiker zu einem unruhigen Schlaf führen können. Besonders eine verstopfte Nase kann Menschen nachts quälen. ,„Die Kinder und Jugendlichen sind dann nicht richtig ausgeschlafen“, sagt der Mediziner. Auch die Antihistaminika, die oft zur Symptomlinderung verabreicht werden, machten müde. Hinzu kommt, dass die Probleme ja nicht nur am Prüfungstag auftreten. In der gesamten Pollensaison kann das Lernen schwerfallen. Mitunter seien die Symptome so heftig, dass die Schüler nicht am Unterricht teilnehmen können. Das alles könne die schulischen Leistungen durchaus beeinträchtigen, so der Mediziner.
„Wer niest, verliert“
Die finnischen Ergebnisse waren so ähnlich auch schon in anderen Studien gezeigt worden. In Norwegen ergab eine Analyse ebenfalls, dass Abiturleistungen bei höheren Pollenlevel absackten. „Wer niest, verliert“, nannte der Autor seine Arbeit. In den USA fand sich ein ähnlicher Zusammenhang bei Drittklässlern. Der Titel der Studie lautete nicht ganz unkreativ: „Allergie-Test“.
Doch womöglich wäre es etwas zu kreativ, wenn nun jeder schulische und professionelle Fehlschlag mit dem Pollenbericht gerechtfertigt wird. Alle Studien sind Beobachtungen, ein kausaler Zusammenhang lässt sich daraus nicht sicher ableiten. Geschweige denn sein genaues Ausmaß. Es lässt sich auch bisher kaum sagen, welche Art von Leistungen wie sehr eingeschränkt werden.
Studien, die die Leistung von Heuschnupfen-Geplagten objektiv untersuchten, fanden kein eindeutiges Bild. Aus Schweden kam etwa der Befund, dass Schulkinder mit Allergien mehr Fehler als ihre gesunden Altersgenossen machten, wenn das räumliche Gedächtnis gefordert war. Auch waren sie etwas langsamer. Das visuelle Gedächtnis und die Aufmerksamkeit waren dagegen nicht beeinträchtigt. Eine jüngere Schweizer Studie mit erwachsenen Allergikern konnte während der Pollensaison allenfalls eine geringe Verlangsamung bei verbalen Aufgaben finden. Alles in allem wurden keine signifikanten Veränderungen in den kognitiven Leistungen gefunden. Die Einschätzung ist auch deshalb schwer, weil in Studien sehr unterschiedliche Tests bei unterschiedlichen Menschen angewandt worden sind.
Doch egal, wie die Wirkungen im Detail sind, für Michael Gerstlauer ist am Ende vor allem eines klar: „Der einzige Ausweg ist eine Hyposensibilisierung.“ Sie lindert die Allergiesymptome langfristig.
