Pogacar vor Strade Bianche – 16 Renntage bis zur Tour

Pogacar bei der Lombardei-Rundfahrt 2025

Stand: 05.03.2026 • 16:26 Uhr

Der Slowene Tadej Pogacar startet am Samstag bei Strade Bianche in die Saison. Auf seinem Programm stehen wieder die Klassiker. Bei der Frankreich-Rundfahrt kann er zum Rekord-Sieger aufsteigen. Dort wird er erstmals von Isaac del Toro unterstützt, seinem potenziellen Nachfolger.

Die 20. Auflage des Schotterpisten-Klassikers Strade Bianche führt an diesem Samstag über 14 steinige Sektoren rund um Siena, die zusammen eine Länge von 64 Kilometern ergeben. Das Rennen ist anspruchsvoll, die weißen, staubigen Straßen weisen enorme Steigungsgrade auf, vor allem die Schlusskilometer sind selektiv, wenn es hoch geht auf die Piazza del Campo im Zentrum von Siena. All diese Ingredienzen erheben die toskanische Prüfung in den Status des jüngsten Klassikers des Radsport-Kalenders. Der Titelverteidiger Tadej Pogacar, der das Rennen bisher wie der Schweizer Fabio Cancellara dreimal gewonnen hat, ist nicht nur erneut der Topfavorit. Er wurde von den Organisatoren auch ganz besonders geehrt.

An der Einfahrt zu Streckenabschnitt 13, dem Vier-Sterne Sektor Colle Pinzutto, 2,4 Kilometer lang, wacht inzwischen ein Pogacar-Gedenkstein und begrüßt die einbiegenden Radfahrer. Er steht genau an der Stelle, an der Pogacar (27) vor einem Jahr den Briten Tom Pidcock abgehängt hatte, seinen letzten Ausreißer-Kumpanen. 2024 wiederum verblüffte Pogacar mit einem 80-Kilometer-Solo in der Frühjahrssonne der Toskana. Auch dieses Rennen also liegt dem slowenischen Radsport-Phänomen. Gewinnt er am Samstag, was eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ist, hält er den Siegrekord.

Pogacar beim finalen Anstieg der Strade Bianche 2025

Viel Lob von Pogacar für del Toro

Im Juli kann er zudem in den elitären Kreis der fünfmaligen Tour-de-France-Sieger um Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain aufschließen. Alles ist dafür bereitet, ein Top-Team steht ihm erneut zur Verfügung, zu dem neben dem Kölner Nils Politt erstmals Isaac del Toro zählen wird. Der Mexikaner, seit November 22 Jahre alt, gilt bereits als der neue Pogacar. 24 Rennen hat er in seiner Karriere schon gewonnen. Im Herbst 2024 gelang ihm eine viel beachtete Serie von neun Siegen in 15 Rennen, wobei er einmal, bei der schweren Lombardei-Rundfahrt, Pogacars Edelhelfer war und selbst Fünfter wurde.

Pogacar bei der Siegerehrung nach seinem 4. Tour-Sieg

Pogacar outete sich im Trainingslager seines UAE-Teams im vergangenen Dezember bereits als großer Del-Toro-Fan: „Vielleicht ist er sogar noch besser als ich. Er geht seinen eigenen Weg, er hat seinen eigenen Stil. Ich bewundere ihn schon jetzt als Fahrer und als Mensch.“ Das ist ein großes Lob, gleichwohl wird ihm del Toro zumindest 2026 aus Teamräson noch nicht gefährlich werden.

Sehnsucht Sanremo und Roubaix

Pogacar selbst hat sich ein wenig Mäßigung auferlegt. Sein Saisonstart erfolgt diesmal für seine Verhältnisse sehr spät. 2025 bestritt er vor den Strade Bianche bereits die UAE-Tour, die er auch gewann. Sein Siegeshunger ist aber weiterhin enorm. Pogacar kündigte an, vor seinem Rücktritt alle großen Rennen in seiner Siegesliste stehen haben zu wollen. Deshalb reizt ihn vor allem La Primavera sehr, die Fahrt in den Frühling von Mailand nach Sanremo am 21. März (wobei der Start diesmal in Pavia erfolgt). Ein Erfolg dort steht für ihn noch aus. Das gilt auch für Paris-Roubaix, seiner großen Leidenschaft. Das Rennen steigt am 12. April.

Eine Woche zuvor will sich Pogacar bei Belgiens größtem Radsportfest präsentieren, der Flandern-Rundfahrt, dort ist er der Titelverteidiger. Bei dem Triple aus Sanremo, Flandern und Roubaix wird er auf seinen großen Klassiker-Kontrahenten Mathieu van der Poel treffen, der im Vorjahr in diesem Vergleich 2:1-Siege gegen Pogacar einfuhr.

Pogacar will auf seine Energie achten

Den Giro d’Italia lässt Pogacar in diesem Jahr im Gegensatz zu seinem potenziell größten Tour-Gegner Jonas Vingegaard für seine Klassikerkampagne aus. Insgesamt versuche er mehr auf sich und seine Energie zu achten, sagt Pogacar. Bei der Tour 2025 ging ihm in der dritten Woche sichtlich die Kraft aus. Das mag gesundheitliche Gründe gehabt haben – Pogacar litt hörbar an einem Schnupfen. Doch auch der Faktor Verschleiß dürfte eine Rolle gespielt haben, der ihn erst für einen Infekt anfällig gemacht hat.

Ich weiß, wann ich mich ausruhen muss. Ich werde es nicht übertreiben.

Pogacar betont, dass er „ein wirklich gutes Programm“ bekomme: „Ich fahre nicht so viele Rennen wie andere Fahrer. Bis zur Tour bin ich an 16 Tagen im Sattel. Das ist moderat, finde ich. Ich habe das Glück, dass ich mir meine Rennen aussuchen kann.“ Er sucht sich allerdings vor allem solche aus, die er auch gewinnen kann. Er wisse, sagte Pogacar außerdem, „welche Termine ich habe. Darauf kann ich mich einstellen. Und vor allem weiß ich, wann ich mich ausruhen muss. Ich werde es nicht übertreiben.“

60 Renntage 2025 und 20 Siege – das ist phänomenal

Andererseits hat er im vergangenen Jahr nach insgesamt rund 60 Renntagen den Eindruck gehabt, „das war viel“. Aber es sei eben auch ein hoher Ertrag dabei herausgekommen: „Ich habe auch viel gewonnen“ – 20 Rennen, ein irrsinnig hoher Wert für einen Klassementfahrer. Wobei Pogacar ja eben auch ein Klassikerjäger ist und mit seiner Dynamik und seiner manischen Siegessucht sehr an Eddy Merckx erinnert, den Unersättlichen, der den Spitznamen „Kannibale“ trug, weil er den anderen nichts übrig ließ außer ein paar Krümeln. „Alles in allem finde ich, dass ich mit dem Team eine gute Balance gefunden habe, ein Programm, das für mich sehr gut ist und das seit einigen Jahren bestens funktioniert“, bilanziert Pogacar.

Das Besondere an Pogacar ist aber nicht nur seines Siegzuverlässigkeit im Frühjahr oder Sommer. Er gewinnt auch danach. Einen Start bei der Spanien-Rundfahrt im Spätsommer hält er sich offen, vorgesehen sei er nicht, aber er sei eben auch immer in der Lage, „in einer Sekunde alles umzuwerfen. Ich kann nichts garantieren. Alles ist offen, bis die Startliste endgültig feststeht.“

Rekordjagd in der Lombardei

Im Vorjahr etwa wurde Pogacar Weltmeister in Ruanda und siegte im Oktober zum fünften Mal in Folge bei der Lombardei-Rundfahrt. Den Siegrekord von fünf Triumphen teilt sich Pogacar nun mit Fausto Coppi. Aber auch Italiens hochverehrter Rad-Campione schaffte es nicht, fünfmal in Serie in Bergamo zu gewinnen. In diesem Herbst könnte Pogacar, kurz nach seinem 28. Geburtstag, einen weiteren Rekord erobern.

Bei der Lombardei-Rundfahrt siegte Pogacar wie so oft 2025 als Solist.

28 ist letztlich kein Alter für einen Radprofi, maximal der Beginn des Karriere-Herbstes. Wo das alles einmal enden soll, weiß Pogacar selbst nicht so genau. An Motivation jedenfalls mangelt es ihm nicht. Im Trainingslager staunten seine Teamkollegen wieder einmal über den Eifer ihres Kapitäns: Er war der Erste, der morgens aufbrach. Und er war der Letzte, der von der Ausfahrt ins Hotel zurückkehrte.