Wowa ist noch keine zehn Jahre alt, als an einem heißen Sommertag, am 22. Juni 1941, eine Stimme im Radio den Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion verkündet. Der Moment der Verkündigung hat sich ihm eingebrannt. Jahrzehnte später erinnert er sich: „Tja, was sollen sich da die Jungs denken? Man macht sich keine Vorstellung. Jetzt ist also Krieg. Die Kinder sind damals auch rumgerannt und haben Krieg gespielt.“
In seiner Heimatstadt hat Wowa die brutale Realität der deutschen Besatzung von Oktober 1941 bis September 1943 hautnah miterlebt. Stalino: Von 1929 an trug die von Kohlebergbau und Metallurgie geprägte Industriemetropole im Osten der Ukraine diesen Namen – zu Ehren von Stalin, der ab 1927 der Sowjetunion als Diktator vorstand. Acht Jahre nach dessen Tod wurde Stalino 1961 dann in Donezk umbenannt, nach dem Fluss Siwerskyj Donez. Seit 2014 steht Donezk erneut unter Besatzung, seither durch Russland.
Was bedeutete der Alltag im Zweiten Weltkrieg und unter deutscher Besatzung für die halbe Million Einwohner:Innen von Stalino? Und inwiefern lassen sich Parallelen aus dieser brutalen Geschichte von einst zur brutalen Gegenwart heute ziehen? Diesen Fragen geht das neue Projekt „Stalino. Geschichten einer besetzten Stadt“ des Onlinemediums dekoder nach, das sich auf wissenschaftlich fundierten Journalismus aus und über Osteuropa spezialisiert hat.
Podcast „Stalino. Geschichten einer besetzten Stadt“ (dekoder fünf Folgen, jeweils 42-60 Minuten. Die Scroll-Doku hat fünf Episoden) https://war.dekoder.org/de/stalino
In Kooperation mit Forscher:innen vom Historischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Journalistin und Historikerin Jasmin Lörchner hat dekoder einen fünfteiligen Podcast und eine begleitende, mit aufwendigen Animationen und Kartenmaterial gestaltete Scroll-Doku erstellt, die das Erzählte vertieft.
Dort kann man etwa nachlesen, dass sich nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht auf die UdSSR nur etwa jeder zehnte Bewohner auf dem Territorium der heutigen Ukraine vor den heranrückenden deutschen Truppen in Sicherheit bringen konnte. Offiziell evakuiert hat die sowjetische Führung nur ihre eigenen Leute, kriegswichtige Fabriken und spezialisiertes Personal. Anlagen, die man nicht rechtzeitig ins Hinterland verlegen konnte, wurden wie auch Bergwerke und die Infrastruktur gesprengt, um sie nach der Strategie der verbrannten Erde nicht dem Feind zu überlassen.
Die Bevölkerung blieb schutzlos zurück: ohne Strom, Gas, Heizung und Wasser und mit wenigen Nahrungsvorräten. Die Rote Armee hatte sich vor dem Einrücken der Deutschen in Stalino am 20. Oktober 1941 zurückgezogen.
„Stalino“: Projekt der Erinnerungen
Unter denen, die in Stalino bleiben mussten, war auch der kleine Wowa. Seine schrecklichen Erfahrungen hat er später Historiker:Innen geschildert. Dekoder greift für das Projekt „Stalino“ auf insgesamt fünf solcher Erinnerungen von und an Zeitzeug:Innen zurück und verleiht damit der abstrakten Geschichte ein menschliches Antlitz.
Ein gewisses Maß an Kooperation mit den Deutschen sicherte das Überleben
Umso grausamer erscheinen die Verbrechen der deutschen Militärangehörigen an der sowjetischen Zivilbevölkerung von Stalino, die sie entsprechend der antislawischen und antisemitischen Überzeugungen für unterlegen hielt. Hungrigen Kindern, die etwas gestohlen haben sollten, wurden Hände abgehackt. Jüdinnen und Juden aus Stalino haben die deutschen Besatzer systematisch ermordet.
Nicht immer sind die Berichte der Zeitzeug:innen zuverlässig, es tun sich beim Geschilderten Lücken und Widersprüche auf. Bei der Einordnung des historischen Materials wird im Podcast auch immer wieder eine Metaebene eingenommen. Die Historiker:innen erklären ihre Arbeitsmethoden und was es bei der Oral History zu beachten gilt – etwa den Abgleich mit anderen Quellen. Und sie machen deutlich, dass die Geschichten der Menschen nicht schwarz-weiß sind.
Die Historikerin Tanja Penter sagt, sowohl Kollaboration als auch Widerstand seien eigentlich Randerscheinungen gewesen. „Die meisten Menschen bewegten sich eher in den Grauzonen dazwischen. Und ihr Handeln war geprägt von Anpassungsbemühungen, von Überlebensstrategien, von fließenden Übergängen zwischen dem Arrangement mit den Besatzern, der unfreiwilligen Mitwirkung, aber auch dem punktuellen Widerstand gegen die Besatzer.“
Kooperation und Kollaboration mit den Deutschen
Ein gewisses Maß an Kooperation mit den Deutschen sicherte das nackte Überleben. Wowas Mutter wusch für die deutschen Soldaten Wäsche, im Gegenzug bekam sie für sich und ihre Familie kleine Mengen an Nahrungsmitteln oder geringe Geldsummen. Andere kollaborierten umgreifender.
So etwa der Protagonist Andrej Eichman in der zweiten Episode des Podcasts. Eichman gehörte zur deutschen Minderheit in der Sowjetunion. Aufgrund seiner deutschen Sprachkenntnisse wurde er von den Besatzern als Bürgermeister installiert. Ein überzeugter Nazi war er wohl dennoch nicht, eher ein Opportunist.
In den anderen Episoden erfährt man von einem jüdischen Mädchen, das in einem Versteck den Holocaust überlebt, von einer jungen Balletttänzerin, die für die Deutschen tanzt, und von einer Familie, die sich am Widerstand beteiligt. Viele Orte, die die Wehrmacht in der Ukraine besetzt und vernichtet hatte, seien nie zum Bestandteil unserer Erinnerung geworden, schreibt dekoder.
Propagandistische Narrative aus der SU
Es stimmt, dass der Vernichtungskrieg in Osteuropa nach wie vor „östlich unserer Erinnerung“ bleibt. Er ist zudem überlagert von propagandistischen Narrativen aus der Sowjetunion, die wiederum von Putins Russland instrumentalisiert wurden.
So hat sich in der deutschen Erinnerung ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber Russland, nicht aber gegenüber der Ukraine und anderen postsowjetischen Staaten herausgebildet – was Auswirkungen auch auf unser Handeln hat. Das Stalino-Projekt füllt eine Leerstelle, die schon viel zu lange besteht.
